Erzähl mir alles“ ist ein spätes Buch im besten Sinn. Eines, das nicht mehr zeigen muss, wie Erzählen geht, sondern wofür es da ist. Man könnte es einen Roman für Erwachsene nennen, nicht, weil hier ein Programm von Reife abgespult würde, sondern weil Elizabeth Strout das Altern als Denkform begreift, als Verschiebung vom Möglichen zum Gewordenen, vom Entwurf zur Bilanz. Was sich nicht mehr ändern lässt, will verstanden werden, was nicht vergeht, verwandelt sich. Hoffnungen werden zu Erinnerungen, Gewissheiten zu Fragen. Und über allem liegt die Summe der bereits genommenen Abschiede, jenes Inventar, aus dem bei Strout der Drang entsteht, immer weiter zu reden, miteinander, übereinander, aneinander vorbei, aufeinander zu.
Die Leserinnen und Leser der 1956 im amerikanischen Portland geborenen Schriftstellerin sind mit ihr und ihrem literarischen Kosmos älter geworden. Wer Strouts Werk Buch für Buch verfolgt hat, geht in „Erzähl mir alles“, das heute in der Übersetzung von Sabine Roth auf Deutsch erscheint, durch eine vertraute Tür und trifft auf viele bekannte Figuren. Dabei kehrt Strout nicht nur zu ihrem Personal zurück, sondern auch in die Landschaft Maines, diesem Resonanzraum aus Wetter, Jahreszeiten und Stimmungen, dem sie selbst entstammt und den sie literarisch immer neu vermisst. Und sie kehrt zurück nach Shirley Falls, jenem fiktiven Ort, der bei ihr so wirklich erscheint, als wäre er weniger erfunden als erinnert.
Olive Kitteridge und Lucy Barton begegnen sich
Strout ist eine stille Autorin. Ihre Größe liegt nicht im dramatischen Gestus, sondern in der Aufmerksamkeit. Sie schaut dem sogenannten einfachen Leben zu und erzählt von Menschen mit vordergründig unaufgeregten Biographien – und macht daraus Literatur, weil sie deren Lieben, Ängste und Erschütterungen behutsam verfolgt. Da ist die knorrige ehemalige Lehrerin Olive Kitteridge, die im nahe gelegenen Crosby mit dem sanftmütigen Henry lebte, bis er starb. Der Roman „Olive Kitteridge“ wurde 2008 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet und später als HBO-Serie mit Frances McDormand kongenial verfilmt.
Da ist Lucy Barton, die Schriftstellerin, die seit Jahren durch mehrere Romane wandert, aus einer schwierigen Kindheit in Armut und mit einer entfremdeten Mutter ins literarische Leben, nach New York und wieder zurück nach New England, an der Seite ihres Ex-Mannes William, eines Mikrobiologen, der so gern über Parasiten spricht, ohne Trauschein, aber mit Geschichte. Und da sind Bob und Jim Burgess, die Brüder, deren familiäre Spannung längst einen eigenen Strout-Kosmos bildet.
„Erzähl mir alles“ ist ein Roman der Zusammenläufe. Lebenswege kreuzen und verhaken sich, driften auseinander und verweisen doch aufeinander. Erfahrung, zeigt Strout, schafft vielleicht Klarheit, aber keine Vereinfachung. Bob, in zweiter Ehe mit der Pastorin Margaret verheiratet, fühlt sich seltsam unverstanden in seinem geordneten Leben. Näher ist ihm Lucy, die nach dem Auszug ihrer Töchter in eine Leerstelle gerät und mit Bob lange Spaziergänge unternimmt. Auf diesen Wegen wird geredet, nicht bekenntnishaft, sondern so, wie Strout Gespräche schreibt, als tastende Annäherung an das, was man selbst nur halb versteht. Lucy, von Berufs wegen auf Geschichten eingestellt, hört auch Olive zu, der inzwischen neunzigjährigen Witwe, die über Jahrzehnte gesammelte Erinnerungen mit sich trägt wie scharfkantige Kieselsteine in der Jackentasche.
Das Kleinstadtgedächtnis reicht weit in die Vergangenheit
Neben dem Geflecht aus Ehen, Brüchen, Eltern und Kindern, Geheimnissen, Schuld und dem langsamen Verschwinden der Angehörigen steht ein echter „Fall“: Bob gerät an Matt, einen verschrobenen Außenseiter, der beschuldigt wird, seine Mutter in einer Kiesgrube ermordet zu haben. In einem anderen Roman wäre das der Plot. Bei Strout ist es ein Prüfstein. Denn in Shirley Falls kennt man einander – und man erinnert sich auch an Gloria Beach, die Mutter, die einst an der Highschool die Essensausgabe leitete und vielen als gemein in Erinnerung blieb. Das Kleinstadtgedächtnis, diese Mischung aus Nähe und Urteil, aus Verständnis und Häme, wird bei Strout zur Ermittlungsinstanz.
Allerdings interessiert Strout sich nicht für ein Whodunit. Der Fall wird daher auch zügig geklärt, fast demonstrativ beiläufig. Was sie wirklich schildern will, sind die Mikroerschütterungen einer Kleinstadt, die Makrofolgen im Privaten. Eine Tochter verfrachtet die alte Mutter in eine elegante Seniorenresidenz nach Kalifornien, überzeugt, das Richtige zu tun, dabei blind für den Schmerz der Entwurzelung. Pam, Bobs erste Frau, muss entdecken, dass ihr zweiter Ehemann sie mit der besten Freundin betrügt, im Sommerhaus auf Long Island.
So banal die Geschichten über elterliche Grausamkeit und kindliche Schuld, über verpasste Wege und verschwiegene Geheimnisse auf den ersten Blick wirken, kippen sie bei Strout in existenzielle Kälte. Ihre Kunst liegt darin, das scheinbar Banale so zu erzählen, dass es sein Gewicht preisgibt. Nichts wird überhöht, und doch hat alles Konsequenzen.
Am eindringlichsten ist das im Verhältnis der Burgess-Brüder. Der Tod des Vaters, ein Autounfall, ist eine über Jahrzehnte mitgeschleppte Schuld. Bob glaubt sein Leben lang, er habe die Bremse gelöst. Erst spät gesteht Jim, der glänzende Staranwalt, dass nicht Bob, sondern er der Schuldige war. Diese Verschiebung ist kein melodramatischer Twist, sondern ein Befund, wie lange ein Leben von einem falschen Satz, einer falschen Annahme, einem verschwiegenen Detail geprägt werden kann.
Was Strout literarisch heraushebt, ist die Stille, die sie zwischen die Sätze legt. Anders als ihre Figuren erzählt sie eben nicht alles. Sie deutet an, lässt aus, setzt einen Satz hin wie einen Stein, an dem man sich stößt, und zwingt die Lesenden, das Bild zu Ende zu malen. So entsteht jene eigentümliche Rauheit, die zu Maine passt: felsig und von einer Schönheit, die nicht um Aufmerksamkeit buhlt. „Erzähl mir alles“ ist weniger Aufforderung als Ironie – und zugleich ein Versprechen: Nicht alles wird gesagt, doch alles zählt.
Source: faz.net