Netzbetreiber und Verbraucherschützer warnen vor weiter hohen Energiepreisen durch den Iran-Krieg in Deutschland. Zwar könnten viele Haushalte durch einen Anbieterwechsel sparen – doch die Mehrheit bleibt untätig.
„So schnell wird das generelle Preisniveau, das wir vor dem Iran-Konflikt hatten, nicht zurückkehren“, sagt E.ON-Vorstandschef Filip Thon. Der Chef der E.ON-Vertriebstochter E.ON Energie Deutschland rechnet nicht mit einer baldigen Entspannung: „Im Einkauf an den Energiebörsen haben sich die Preise für das laufende Jahr zwischenzeitlich beim Gas um 75 Prozent und beim Strom um 35 Prozent erhöht.“
Für das kommende Jahr zeichne sich bereits ein weiterer Anstieg ab. Zwar ließen sich kurzfristige Schwankungen „nicht eins zu eins auf die Tarife für Endkunden übertragen“, sagt Thon der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. „Aber der allgemeine Trend ist klar.“
25 Prozent mehr für Gas-Neukunden
Gas-Neukunden müssen laut Vergleichsportal Verivox derzeit rund 10,5 Cent pro Kilowattstunde (kWh) zahlen und damit 25 Prozent mehr als noch vor Beginn des Krieges. Für einen Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 2.000 kWh ergeben sich daraus jährliche Heizkosten von rund 2.100 Euro – also mehr als 400 Euro Preissteigerung.
Das Vergleichsportal spricht auch von einem Anstieg bei den Strompreisen für Neukundinnen und Neukunden. Seit Ausbruch des Konflikts seien die günstigsten Stromtarife für diese im bundesweiten Durchschnitt um rund 16 Prozent teurer geworden, meldet das Portal.
Viele Haushalte wechseln nicht
Trotz steigender Preise nutzen viele Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Sparpotenziale nicht. Rund 76 Prozent der Haushalte haben laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale Niedersachsen beispielsweise ihren Stromvertrag seit Anfang 2025 nicht geändert. Dabei könnte sich ein Wechsel aus der Grundversorgung oder aus teuren Altverträgen finanziell lohnen – oft um mehrere hundert Euro pro Jahr. Mit Preisgarantien kann man sich gegen Kostensteigerungen absichern.
Vergleichsportale können dabei helfen. René Zietlow-Zahl von der Verbraucherzentrale Niedersachsen sagt: „Auf den gängigen Vergleichsportalen kann man einen guten Marktvergleich durchführen. Dort ist zu beachten, dass die Vergleichsportale Filtereinstellungen voreingestellt haben. Diese Filter sollten sich die Verbraucherinnen und Verbraucher genau angucken und für ihre individuelle Lage einstellen.“
Gründe für die Wechselträgheit sind laut Verbraucherschützern Unsicherheit, Bequemlichkeit oder mangelnde Kenntnis über den eigenen Vertrag. Energieexperten raten, regelmäßig Verbrauch, Preis und Vertragslaufzeit zu prüfen.
Große Sorgen in der Bevölkerung
Die steigenden Energiepreise belasten viele Haushalte spürbar. Laut einer Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentrale Niedersachsen haben 58 Prozent der Befragten große oder sehr große Sorgen, dass sie sich wegen steigender Preise im Alltag einschränken müssen. Besonders betroffen sind Menschen mit niedrigem Einkommen. Hier äußern 66 Prozent entsprechende Sorgen.
Die Verbraucherzentrale fordert: Die Bundesregierung muss Verbraucherinnen und Verbraucher schnell und wirksam entlasten. Ein gutes Mittel dafür wäre die Senkung der Stromsteuer für private Haushalte. „Die Senkung der Stromsteuer liegt als Wahlversprechen seit Monaten auf dem Tisch und muss jetzt endlich kommen. Das entlastet die Menschen direkt“, sagt Ramona Pop, Vorständin vom Verbraucherzentrale Bundesverband. „Über die Hälfte der Menschen sorgt sich davor, künftig wegen der steigenden Preise im Alltag Abstriche machen zu müssen. Das ist alarmierend“, sagt Pop.
Auch direkte finanzielle Hilfen hält sie für sinnvoll: „Direktzahlungen kommen ohne Umwege dort an, wo Hilfe wirklich gebraucht wird. Weil das Geld versteuert werden muss, profitieren besonders Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen.“
Sparen bleibt wichtig
Neben politischen Maßnahmen sehen Expertinnen und Experten auch Einsparpotenziale im eigenen Haushalt. Vor allem beim Stromverbrauch könnten Verbraucherinnen und Verbraucher vergleichsweise einfach ansetzen, etwa durch effizientere Geräte oder den Austausch alter Glühbirnen.
„Beim Strom ist das Sparen einfacher, in dem man schaut: Welche Geräte einen hohen Verbrauch haben und welche könnte ich beispielsweise austauschen?“, sagt Verbraucherschützer René Zietlow-Zahl. Beim Heizen sei das schwieriger, aber ebenfalls wirksam. „Man sollte sich auch mal ehrlich hinterfragen, ob man 25 Grad in seiner Wohnung braucht oder auch 20 Grad reichen. Jedes eingesparte Grad Heizenergie sind ungefähr neun Prozent Einsparung bei den Kosten.“
Langfristige Lösungen gefordert
Für Verbraucherschützer ist klar: Kurzfristige Entlastungen allein reichen nicht aus. Die wiederkehrenden Krisen der vergangenen Jahre zeigen, wie anfällig das System sei. „Solar- und Windkraft, E-Mobilität und ein attraktiver ÖPNV machen Deutschland krisenfester und schützen die Menschen am nachhaltigsten vor Preisschocks“, sagt Ramona Pop.
Die Entwicklung der Energiepreise bleibt eng mit geopolitischen Risiken verknüpft. Eine schnelle Rückkehr zu deutlich niedrigeren Kosten ist derzeit nicht in Sicht.
Source: tagesschau.de