Der Bund der Vertriebenen (BdV) wurde 1957 als Dachorganisation der gut vierzehn Millionen deutschen Heimatvertriebenen gegründet. Für wie viele Menschen er heute spricht, ist ungewiss. Auf seiner Website gibt der BdV an, er vertrete „rund 1,3 Millionen Mitglieder“ von diversen Landsmannschaften und Landesverbänden, doch diese Zahl wurde mehrfach bestritten, zuletzt vor fünfzehn Jahren von der Nachrichtenagentur ddp, die nach einer Telefonumfrage die Mitgliederzahl auf gut eine halbe Million schätzte.
Der Vertriebenenbund selbst hält sich in seiner Antwort auf eine Anfrage der F.A.Z. bedeckt: „Einzelpersonen“ seien „auf Bundesebene nicht Mitglied“, gleichwohl verstehe sich der Verband „als repräsentative Interessenvertretung der deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sowie ihrer Nachkommen insgesamt“. Die Nachkommen dürften inzwischen den Löwenanteil stellen, denn die ältere Generation der Heimatvertriebenen und Aussiedler ist gestorben, und selbst jene, die die Vertreibung bei Kriegsende als Kinder erlebten, sind weit über achtzig Jahre alt.
Trotz alledem besitzt der Vertriebenenbund in Deutschland eine symbolische Macht, die weit über seine reale Mitgliederbasis hinausreicht, und er setzt diese Symbolmacht in reale Politik um. Im Augenblick etwa schickt sich der BdV an, die Kontrolle über eines der wichtigsten geschichtspolitischen Projekte der Bundesrepublik zu übernehmen – die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung mit ihrer Dauerausstellung im Deutschlandhaus in Berlin.
Das Deutschlandhaus in Kreuzberg
Die Stiftung erwuchs 2008 aus einem Beschluss der damaligen Regierungskoalition von Union und SPD, ein „sichtbares Zeichen“ gegen Vertreibungen in die Gedenkstättenlandschaft der Hauptstadt zu setzen. Im selben Jahr wurde mit dem Deutschlandhaus im Stadtteil Kreuzberg ein Standort bestimmt, und dreizehn Jahre später konnte die Ausstellung in dem restaurierten Gebäude eröffnet werden. Inzwischen hatte es außer den üblichen Baukostensteigerungen erbitterte Debatten über Sinn und Zweck der Stiftung gegeben; polnische, tschechische und deutsche Historiker waren unter Protest gegen den Gründungsdirektor und seinen Nachfolger aus dem wissenschaftlichen Beraterkreis ausgeschieden, und Zeitungen aus Polen und Tschechien hatten das Projekt unter Revisionismusverdacht gestellt.
Mit der Berufung der Zeithistorikerin Gundula Bavendamm als Direktorin im Jahr 2016 trat Ruhe ein. Bavendamm, die zuvor das Dahlemer Alliiertenmuseum geleitet hatte, brachte nicht nur die Dauerausstellung auf den Weg, sie schaffte es auch, ihr Haus so zu positionieren, dass es dem dritten Begriff in seinem Namen – „Versöhnung“ – Ehre machte. Wenn man sich durch die Dokumentation der Sonderausstellungen (zuletzt: „Der Treck“) und das Veranstaltungsprogramm der letzten Jahre klickt, stellt man fest, dass es der Stiftung offensichtlich gelungen ist, das Vertriebenenthema aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen: mit Workshops, Filmvorführungen, Fachtagungen, Podiumsgesprächen und Lesungen jener deutschen Autoren der dritten Generation, die, wie die demnächst auftretende Carolin Matzko, die Fluchtgeschichte ihrer Eltern und Großeltern in Buchform erzählen.
In der letzten Februarwoche musste sich Gundula Bavendamm für ihren Direktorenposten erneut bewerben. Der Stiftungsrat, in dem der Bund der Vertriebenen sechs und der Bundestag sowie die Bundesregierung je drei Stimmen haben – die übrigen acht Stimmen verteilen sich auf die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland, den Zentralrat der Juden und die Direktoren des Hauses der Geschichte in Bonn und des Deutschen Historischen Museums –, hatte sich im November vergangenen Jahres geweigert, ihren Vertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern. Gegen den einstimmigen Protest des wissenschaftlichen Beirats wurde die Stelle neu ausgeschrieben.
Die „Gruppe der Vertriebenen“ in der Unionsfraktion
Nach der Vorstellungsrunde im Februar sind nun drei Bewerber in der Endrunde, die am 26. März stattfindet. Bavendamm ist wenigstens pro forma in die engere Wahl gekommen; ebenfalls ausgewählt wurde der stellvertretende Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, Roland Borchers. Der dritte Kandidat, auf dem allen Anschein nach die Hoffnungen des Vertriebenenbundes ruhen, ist Sven Oole, Geschäftsführer der „Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten“ in der Bundestagsfraktion von CDU und CSU.
Diese sechzigköpfige Parlamentariergruppe, zu der neben Außenminister Johann Wadephul auch Medienprominente wie Philipp Amthor und Gitta Connemann gehören, spielt eine Schlüsselrolle im Kampf um die Macht in der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Von ihr nämlich ist der politische Druck ausgegangen, alle sogenannten 96er-Institutionen – Museen, Archive, Bibliotheken und Kunsteinrichtungen, die laut Bundesvertriebenengesetz von 1953 gefördert werden, um „das Kulturgut der Vertreibungsgebiete“ zu bewahren – aus der Zuständigkeit des Kulturstaatsministers in die des Bundesinnenministeriums zurückzuführen. Dieser Wechsel war eine alte Forderung des BdV. Im Unions-Wahlprogramm von 2025 hat sie sich durchgesetzt, die SPD, die erneut mit der Union regiert, hat ihr nicht widersprochen. Schon wenige Monate nach der Wahl wurde die Rückführung vollzogen.
Seither untersteht auch die Stiftung im Deutschlandhaus den Beamten von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Für den Vertriebenenbund bedeutet das, dass er noch direkteren Zugriff auf die Belange der Stiftung Flucht, Vertreibung hat. Der zuständige Parlamentarische Staatssekretär im BMI, Christoph de Vries, geboren 1974 in Hamburg, ist stellvertretender Vorsitzender der „Gruppe der Vertriebenen“. Ein anderer stellvertretender Vorsitzender, Stephan Mayer (CSU), wurde im Oktober zum neuen Präsidenten des BdV gewählt – als Nachfolger von Bernd Fabritius (ebenfalls CSU), der seit vergangenem Jahr als Bundesbeauftragter „für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten“ amtiert.
Ein Brief des BdV-Präsidenten
Im Stiftungsrat, der über die Direktorenstelle im Deutschlandhaus entscheidet, sitzt Mayer aber noch als Vertreter der Unionsfraktion, während Fabritius weiterhin für den Vertriebenenbund abstimmt. Ein zweiter Unions-MdB im Stiftungsrat, Klaus-Peter Willsch, führt den Vorsitz in der „Gruppe der Vertriebenen“. Das Gremium, kann man ohne große Übertreibung sagen, befindet sich zur Hälfte in der Hand eines Klüngels, der über Jahrzehnte gewachsen ist und von der Vereinszentrale des BdV in Bonn aus gesteuert wird.
Wohin will der Vertriebenenbund die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung steuern? Wichtige Hinweise gibt ein langer Brief an die Direktorin vom Sommer 2024, in dem BdV-Präsident Fabritius die Kritikpunkte seiner Organisation am gerade erschienenen Katalog zur Dauerausstellung auflistet. Neben Geplänkel um Begrifflichkeiten (Nachkriegsvertriebene sollen nicht „Aussiedler“ heißen) geht es darin vor allem um den Konnex zwischen der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik des Deutschen Reiches in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs und den Vertreibungen aus den deutschen Ostgebieten. Diesen Zusammenhang möchte der Vertriebenenbund in der Ausstellung zum Verschwinden bringen. Es entspreche „jedenfalls nicht dem aktuellen historischen Kenntnisstand“, heißt es vielsagend, ihn „moralisch aufgeladen zu einer Legitimation des Massenverbrechens der Vertreibung zu machen“.
Auch werde, so Fabritius, „die Vorgeschichte des deutsch-polnischen Verhältnisses in der Zwischenkriegszeit und die polnische Minderheitenpolitik“ nicht genügend thematisiert. Zudem könnten die neuen Grenzverläufe, die von der Bundesrepublik 1990 anerkannt wurden, „nicht als Abtretungen rechtlich bezeichnet“ werden. Die im Katalog aufgestellte Behauptung, viele Vertriebene hätten ein Geschichtsbild vertreten, „das Kinder und Enkelkinder nicht mehr hinnehmen wollten“, mache „die Vertriebenen zu Opfern zweiter Klasse, degradiert durch die eigenen Nachkommen“.
Vorwurf der Empathielosigkeit
Was für den Katalog gilt, gilt nach Meinung des BdV und seiner politischen Unterstützer erst recht für die Dauerausstellung. Sie entspreche „nicht vollumfänglich den Erwartungen der Vertriebenen“, hört man aus den Reihen der Parlamentariergruppe der Union, und ihr fehle „ein Stück weit die Empathie“.
In Wahrheit ist die Ausstellung zum Schicksal der deutschen Ostgebiete, zu der man über einen historischen Überblick zum Thema Flucht und Zwangsmigration im ersten Stock bis ins zweite Obergeschoss emporsteigen muss, ein Schatzhaus bewegender Zeugnisse der Vertreibung: Schuhe, Mäntel, Mützen, Geschirr, Fotos, Holzmodelle von Gebäuden der verlorenen Heimat und vieles mehr. Allerdings läuft man, bevor der Reigen der Objekte beginnt, durch eine Medienpräsentation zum Zweiten Weltkrieg, die den Bogen von Hitlers Machtergreifung bis zum deutschen Überfall auf Polen und die Sowjetunion schlägt. Diese Verknüpfung von Angriffskriegen und Vertreibung ist dem Vertriebenenbund, wie es scheint, vor allem anderen ein Dorn im Auge. Oder wie es in dem Brief an Gundula Bavendamm heißt: „An dieser Stelle wird der Kontext mit der Kausalität vermengt.“
An dieser Stelle, und das gilt für die Position der Direktorin ebenso wie für die ihres Hauses, kommen die europäische Politik und das deutsche Staatsinteresse ins Spiel. Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung verkörperte in ihren Gründungsjahren für viele osteuropäische Beobachter das Schreckgespenst eines deutschen Geschichtsrevisionismus – nicht zuletzt dank der starken Stellung des Vertriebenenbunds und seiner damaligen Präsidentin Erika Steinbach (die inzwischen der AfD angehört) im Projekt.
Bavendamms Diplomatie des guten Willens
Unter Bavendamms Ägide ist diese Furcht einer vorsichtigen Sympathie gewichen, die gerade im strategisch wichtigen Nachbarland Polen zu einem weniger feindseligen Blick auf Deutschland beigetragen hat. Ihre Ablösung könnte jenen nationalistischen Kräften in Warschau neuen Auftrieb geben, die dem Opfernarrativ des BdV ihr eigenes entgegenstellen, verbunden mit astronomischen Entschädigungsforderungen an den Aggressor von einst.
Den ersten Schritt in Richtung Revision hat der Stiftungsrat mit der Einberufung einer Arbeitsgruppe getan, welche die Dauerausstellung im Deutschlandhaus überarbeiten soll. Über ihre Absichten und Pläne herrscht Stillschweigen, aber ihr Vorsitzender ist ebenjener Klaus-Peter Willsch, der auch die „Gruppe der Vertriebenen“ in der Unionsfraktion leitet. Der nächste logische Schritt der Machtübernahme wäre die Berufung von Sven Oole zum neuen Direktor des Hauses, wie sie auf Veranstaltungen des Vertriebenenbundes im vorigen Jahr angeblich schon als beschlossene Sache verkündet wurde.
Oole hat keinerlei Leitungserfahrung in deutschen Museen und auch keine wissenschaftliche Publikation zum Thema Flucht und Vertreibung veröffentlicht, kennt aber als langjähriger Geschäftsführer der „Gruppe der Vertriebenen“ deren geschichtspolitischen Ziele aus dem Effeff. Zudem hat er von 2014 bis 2018 als „Stiftungsmanager und Leiter Kommunikation“ die Interessen der Parlamentariergruppe in der Stiftung vertreten. Unter deren Mitarbeitern galt er als „Aufpasser des BdV im Haus“.
Der wissenschaftliche Beraterkreis der Stiftung, dem Historiker aller Couleur von liberal bis konservativ angehören, hat für den Fall einer Berufung Sven Ooles geschlossen seinen Rücktritt angekündigt. Das muss die Politiker, die an einer 180-Grad-Wende der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung arbeiten, nicht kümmern, es wäre jedoch eine unmissverständliche Botschaft an die Nachbarn Deutschlands, dass das Projekt der Stiftung gescheitert ist.
Der polnische Historiker Piotr Madajczyk, der für sein Land im Beratergremium sitzt, hat die Folgen einer solchen Revision im Januar in einem Artikel für die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ skizziert: Man könne sich „unschwer vorstellen“, dass „die Zerstörung des mühsam gefundenen Konsenses … zu einem Werkzeug politischer Kräfte werden wird, die sich für eine Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen interessieren“. Am 26. März wird sich zeigen, ob sich seine Befürchtung bewahrheitet.
Source: faz.net