Streit um Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Deutsche wollen Opfer sein

Seit ihrer Gründung wird um die Ausrichtung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung gekämpft. Es geht um die Darstellung der Vertriebenen, deren Leid gemäß bestimmten Interessenvertretern ohne Holocaust-Kontext gezeigt werden soll


Dr. Gundula Bavendamm, Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Foto: Michael Jungblut



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In den Schulklassen meiner Kindheit gab es immer „Vertriebenenkinder“, enge Freundinnen darunter, mit denen man auch mal auf den langweiligen „Schlesierball“ ging. Herrgott, wo ist das denn?, dachte man und mokierte sich über die komischen Trachten der Altvorderen.

In unseren Atlanten lernten wir noch „Gebiete unter polnischer“ oder „sowjetischer Besatzung“ kennen, und die wenigen Protestanten bei uns beneideten wir um die Freistunde während des Religionsunterrichts. Ich dachte immer, dass sich mit uns Nachgeborenen das von Opfergehabe, Revanchismus und Neid geprägte Klima unter den damaligen Erwachsenen erledigen würde.

Von Erika Steinbach wurde die Stiftung schon im Vorfeld instrumentalisiert

Die geschichtspolitischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte, deren Ausfluss 2008 auch die Gründung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung durch den Deutschen Bundestag war, lehrt anderes. Schon im Vorfeld in ihrer Zielsetzung nicht unumstritten und von der Vertriebenenlobbyistin und heutigen AfD-Frau Erika Steinbach instrumentalisiert, wurde sie von den osteuropäischen Nachbarn misstrauisch beäugt.

Der Gründungsdirektor des in Kreuzberg ansässigen gleichnamigen Dokumentationszentrums, das ein „sichtbares Zeichen gegen Flucht und Vertreibung“ sein sollte, warf kurz nach seiner Berufung schon das Handtuch. 2016 wurde Gundula Bavendamm als Nachfolgerin berufen. Sie schaffte es immerhin, eine viel beachtete Dauerausstellung zu realisieren. Doch statt das Leid der Deutschen zum zentralen Gegenstand zu machen, erklärte Bavendamm bei der Eröffnung gegenüber dem Freitag, „benennen wir das Unrecht und Leid der Menschen, die zur Flucht getrieben werden, aber auch die Verursacher.“

Ihr Team folge dabei „den großen Fragen“, die die „neuere, analytisch orientierte Migrationsforschung“ aufwerfe. Wovon sich jede:r der 50.000 Besucher:­innen, die sich jährlich in das ehemalige Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof verirren, ein Bild machen kann, das nicht nur weit in die Vergangenheit reicht, sondern bis in die ungute Gegenwart.

Der Bund der Vertriebenen wandte sich gegen die Direktorin Gundula Bavendamm

Die die Ausstellung leitende Kontextualisierung jedoch, das wurde schon damals deutlich, war nicht jedermanns Sache, insbesondere die organisierten Kreise der Vertriebenen, für die der 1957 gegründete Bund der Vertriebenen (BdV) exklusiv steht, rieben sich an ihr. „Steril“, „hyperdidaktisch“ und „unempathisch“ komme die Schau daher und vermittle „das Schicksal der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge“ als Markenkern der Stiftung nicht angemessen, erklärt BdV-Präsident Stephan Mayer in einem aktuellen Statement. Holocaust? Was hat das schon mit den geschundenen Deutschen zu tun, denen man die Heimat geraubt hat und denen der Bund eine Art Alleinstellungsmerkmal geben möchte.

So war die anstehende Vertragsverlängerung der 61-jährigen Zeithistorikerin Bavendamm, von der man offenbar keine „frischen Impulse“, so die Stellenausschreibung, erwartete, für die einschlägigen Interessensgruppen offenbar eine willkommene Gelegenheit, das ganze Haus und ihre Leiterin zur Disposition zu stellen.

Da der Stiftungsrat sich größtenteils aus Vertriebenenvertretern und Abgeordneten, die im Bundestag der CDU/CSU-„Gruppe der Vertriebenen“ angehören, zusammensetzt, wäre eine Mehrheit gegen die neuerliche Bewerbung Bavendamms zu organisieren gewesen. Zumal mit der vermeintlichen Rückendeckung des Kanzlers, dessen Eltern selbst aus Schlesien stammen. Da die Stiftung mittlerweile außerdem dem Innenministerium und damit Alexander Dobrindt (CSU) untersteht und im Koalitionsvertrag eine Überarbeitung der Ausstellung festgeschrieben ist, schienen die Umstände günstig, einen eigenen Gewährsmann in Stellung zu bringen, der mit Sven Oole gefunden war. Der hat zwar noch nie ein Museum geleitet und ist auch wissenschaftlich nicht einschlägig ausgewiesen, bringt dafür aber als langjähriger Geschäftsführer der „Gruppe der Vertriebenen“ die richtige politische Gesinnung mit.

Auf der Stiftungsratssitzung soll es ordentlich geknallt haben

Um ein Haar hätte der Coup auch geklappt. Erst nach einhelligem Protest des Wissenschaftlichen Beirats, dem auch osteuropäische Historiker:innen angehören, drehte sich das Blatt. Dazu beigetragen haben dürfte auch die Furcht des Kanzlers, mit der Berufung Ooles den Nachbarn Polen zu düpieren und der PiS ihr nationalistisches Futter zu liefern. Auf der Stiftungsratssitzung, auf der der Beirat einhellig mit Rücktritt gedroht hat, soll es nach Tagesspiegel-Informationen ordentlich geknallt und Helge Lindh, der die SPD im Stiftungsrat vertritt, seine Gefolgschaft aufgekündigt haben. Die Affäre endete mit der Berufung des dritten Bewerbers, dem Osteuropaexperten Roland Borchers, der bislang das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide leitet.

Die Personalie mag mit Borchers vorerst vom Tisch sein, das Graben an der Ausstellung aber sicher nicht. Auf der Strecke bleibt mit Bavendamm eine renommierte Frau, die, wie das Programm beweist, viel für den Versöhnungsgedanken getan hat. Wenn Alan Posener in der Welt nun aber auf die „großen Tragödien und Verbrechen“ verweist, von denen „kaum eine deutsche Familie nicht betroffen war“, dann steht das für den Geist einer relativierenden Geschichtsdeutung, deren Kern Schuldentlastung ist und allen denen Vorschub leistet, die meinen, dass die Deutschen die eigentlichen Opfer des Zweiten Weltkriegs sind. Ihnen möchte ich das neue Buch von Susanne Heim, Die Abschottung der Welt, in dem es um das Leid der jüdischen Flüchtlinge in ganz Europa geht, dringend ans Herz legen.

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