Streamingserie „Heated Rivalry“: Wenn queere Sehnsucht dasjenige Eis schmelzen lässt

Der Begriff „Shipping“ beziehungsweise „Relationshipping“ fand angeblich mit Mulder und Scully seinen Anfang. Die beiden Ermittler:innen wühlten sich in den 90er Jahren in der Serie Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI durch die mysteriösen X Files und wandten dabei unterschiedliche Methoden an – die kühle Dana Scully setzte auf Wissenschaft, der emotionale Fox Mulder war überzeugt, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde.

Nach Wunsch der X-Files-Fan-Community sollten sie unbedingt ein Paar werden. Fans genossen das (durch Drehbuch und Regie) inszenierte Knistern zwischen den Agent:innen; das durch jede Folge verlängerte sehnsüchtige Herbeifiebern des erlösenden Kuss‘ (aufgeschoben bis Staffel 7) machte einen großen Teil des Erfolgs aus.

Das „Shipping“ gehört mittlerweile zur Fankultur, und schlägt sich auch in Phänomenen wie der „Fanfiction“ Bahn, in der Aficionados die romantischen, amourösen und körperlichen Begegnungen ihrer Lieblingsfiguren kurzerhand selbst herbeifantasieren. Sehnsucht ist eben eine starke Triebfeder – erst recht für fiktionale Narrative.

Prämisse von „Heated Rivalry“ duftet nach Sehnsucht

Doch selbstverständlich spielen Sehnsucht, Verlangen und Shipping nicht nur bei heterosexuellen Charakteren eine Rolle. Und man erwartet mehr als keusches Küssen: Die kanadische Serie Heated Rivalry, die aus der Feder des durch die Sitcom Letterkenny („Es gibt 5. 000 Menschen in Letterkenny. Dies sind ihre Probleme“) bekannten, kanadischen Drehbuchautors Jacob Tierney stammt, behandelt die Themen Sehnsucht, Queerness und Homophobie – und wurde für den US-Streamer HBO Max, der Heated Rivalry auf vielfachen Wunsch in sein vergrößertes Portfolio aufnahm, zu einem in den sozialen Medien heiß diskutierten Hit.

Schon die Prämisse der Serie duftet nach Sehnsucht: Zwei junge Eishockeyprofis namens Shane Hollander und Ilya Rozanov, gespielt von den bis eben noch völlig unbekannten Schauspielern Hudson Williams und Connor Storrie, lernen sich als „Rookies“, Anfänger, kennen. Doch obwohl die Anziehungskraft groß ist, sind die Hindernisse zunächst größer.

Der zurückhaltende und schüchterne Kanadier Shane, dessen Mutter aus Japan stammt, ist der Starspieler eines kanadischen Teams, der fiktiven „Montreal Metros“. Der extrovertierte, unangepasste Russe Ilya ist Captain der „Boston Raiders“, des US-amerikanischen Konkurrenten. Wie in der realen Welt der NHL, der National Hockey League, spielen Teams aus Kanada und den USA in einer Liga zusammen.

Wann gibt’s den ersten „echten“ Sex?

Beide Männer fürchten das Coming-out in einer von klassischen Männlichkeitsbildern und teilweise toxischem, aggressivem Verhalten geprägten Vollkontaktsportart wie dem Hockey. Doch während Shane sich Lust und Lüste generell versagt, lebt Ilya, dessen Bisexualität in der homophoben Heimat noch ganz andere Konsequenzen mit sich zöge, sie immerhin vor sich selbst aus: Er ist die treibende Kraft der beginnenden Tête-à-Têtes.

Ilya fordert Shane heraus – auf dem Spielfeld, wo beide von den Medien ohnehin als Lieblingsrivalen, als Held und Nemesis gepaart (sic) werden; aber auch jenseits. Auch wenn die Serie weniger auf explizite Sexualität oder „full frontal nudity“, sondern eher auf schwül-schweißtreibende Erotik und einiges an gut durchtrainierten „full posteriors“ setzt, sind die Rollen der beiden fast klassisch.

Während Hollander und Rozanov, wie sie sich anfangs im typischen Sport-Trashtalk absichtlich distanziert nennen, über den Zeitraum von einigen Jahren immer wieder zufällig bei Wettkämpfen aufeinandertreffen, kurze, unpersönliche sexuelle Begegnungen haben, wächst die Sehnsucht der beiden parallel zu jener der Zuschauer:innen: Wann gibt es den ersten suffizienten „echten“ Sex, bei dem Ilya danach nicht abhaut? Wann gestehen die beiden, sich selbst, dem anderen, der Welt ihre Gefühle? Wann wird endlich leidenschaftlich geküsst?!

Der sehnsüchtige Blick der heterosexuellen Frauen

Ausgedacht hat sich die Geschichte, deren Figurenkonstellation ein wenig an Klassiker der Sehnsuchts-Liebesliteratur erinnern (etwa Stephenie Meyers Twilight-Reihe, in der die beiden Königskinder aus anderen Gründen nicht zusammenkommen konnten) eine heterosexuelle Frau.

Die kanadische Autorin Rachel Reid, nach Eigenaussage Eishockey-Fan und enttäuscht über die Homophobie in ihrer Szene, verfasste die der Serie zugrunde liegende Romanreihe Game Changer über schwule Profi-Spieler und ihre Beziehungen. Zusätzlich zu Shane und Ilya findet in einem der Bücher (und in der Serie) der New Yorker Eishockey-Captain Scott Hunter ebenfalls das Glück mit einem süßen Barista.

Dass sich im sehnsüchtigen „Gaze“, im Blick auf Männer(körper), homosexuelle Männer und heterosexuelle Frauen begegnen, überrascht nicht – Frauen und Schwule verbindet traditionell viel. In den USA und Europa gelten Frauen nach vielen Studien als toleranter gegenüber Diversität und nonkonformen Lebensformen. Sie wählen weniger konservativ und haben – auch als Heterosexuelle – mehr queere Freunde.

Lesbische Frauen werden von Heteromännern oft entweder verächtlich ignoriert (die ab 2005 ausgestrahlte legendäre Serie The L-Word mit lesbischen Frauen im Zentrum wurde laut Umfragen von Heteromännern kaum gesehen) oder gar mit begehrlicher Übergriffigkeit konfrontiert. Heterofrauen und Queers dagegen scheinen sich gut zu verstehen – und die Sehnsucht nach Leidenschaft und mehr oder weniger muskulösen Oberarmen zu teilen.

Zielgruppe: Divers und intersektionell

Serien gehen schon lange auf dieses Phänomen ein, und erzählen nicht nur wichtige queere Charaktere mit eigenen Handlungsbögen und Agenden (anstatt nur stereotype Sidekicks), sondern etwa mit der britischen Coming-of-gay-age-Teenagerserie Heartstopper oder den deutschen Produktionen Schwarze Früchte (ZDF) und All you need (ARD) auch queere Haupthandlungen: Die angepeilte Zielgruppe ist groß, divers, und versteht Intersektionalität.

Die aufgeheizte Rivalität der beiden queeren Eishockeystars in Heated Rivalry wird sie weiterhin über das Feld und durch Betten jagen – eine zweite Staffel ist bestellt. Die Serie soll außerdem, so berichten US-Medien, bereits einigen echten schwulen Profispielern den Mut gegeben haben, sich auch im wahren Leben zu outen. Schließlich gehört queeres Verlangen, wie es in einer Szene heißt, eindeutig in die Sonne.

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