Straßenumbenennung: Kleiner Straßenkampf

In Berlin scheint jedes zweite
Straßenschild das Potenzial zu haben, einen Historikerstreit auszulösen.
Jüngstes Beispiel: die Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Mitte. Bis vor wenigen
Wochen hieß die noch Mohrenstraße, was viele in Berlin rassistisch fanden, andere
aber historisch-kritisch locker nahmen. Ein Vierteljahrhundert befehdeten sich
beide Seiten gegenseitig mit Petitionen, Klagen, Beleidigungen und
Schmierereien an der Hauswand. 2015 bezog sogar
der Schauspieler Dieter Hallervorden Stellung und verlieh der U-Bahn-Ansage
für die Station Mohrenstraße seine Stimme. Spätestens da war klar: Das Ende der
Mohrenstraße kommt.

Seit dem 23. August heißt sie nun nach
Anton Wilhelm Amo; der kam 1707 als angeblicher Sklave aus Ghana nach
Wolfenbüttel, ließ sich taufen und wurde ein geachteter
Philosoph der Aufklärung, Titel seiner Disputation: Über die
Rechtsstellung der Mohren in Europa
. Was für eine Geschichte! Und was für ein Name, um die postkolonialen Gemüter zu
beruhigen! Doch jüngst behauptete der Sklaverei-Historiker Michael
Zeuske in der Berliner Zeitung, dass Amo wohl nie Sklave war, ja selbst
womöglich in eine afrikanische Sklavenhalter-Elite hineingeboren wurde. Seitdem
ist der Kampf um die Deutungshoheit neu entflammt: Hat
Zeuske recht? Muss am Ende ein neuer Name her?

An der Vorbildfunktion des Philosophen zweifeln
Historiker bislang nicht. Dennoch hat das Berliner Straßengesetz mit Amos Herkunft
vielleicht bald ein Grundsatzproblem. Umzubenennen sind
Straßen, heißt es da, „mit Bezug auf den Kolonialismus, sofern die Straßen nach
Wegbereitern und Verfechtern von Sklaverei und rassistischen Ideologien oder
nach in diesem Zusammenhang stehenden Orten, Organisationen, Symbolen,
Begriffen oder Ähnlichem benannt wurden“. Auch wer vom Kolonialismus nur
„profitierte“ ist unerwünscht.

Bei Personen der jüngsten Berliner
Zeitgeschichte ist man übrigens gnädiger, was Rassismusvorwürfe oder andere Verstöße
gegen die Political Correctness anbelangt. So beim 2005 verstorbenen Berliner Schauspieler,
Sänger und Kneipenphilosophen Harald Juhnke („Meine
Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen“). Seit
September gibt es einen Harald-Juhnke-Platz in Charlottenburg. Selbst der Regierende
Bürgermeister Kai Wegner war bei der Enthüllung des Juhnke-Schilds anwesend und
sah zu, wie der Schauspieler Ben Becker ein Juhnke-Lied zum Besten gab.
Vergessen, dass Juhnke bei Dreharbeiten in Hollywood in den Neunzigerjahren im
Vollrausch eine Frau geschlagen sowie einen schwarzen Hotelmitarbeiter
rassistisch beleidigt haben soll, samt N-Wort und
Hitler-Reminiszenz. Diese ollen Kamellen interessieren in Berlin keinen!
Und selbst wenn die Historiker sie irgendwann ausgraben, verzeiht man in der
Hauptstadt einem Juhnke immer noch lieber als einem deutsch-afrikanischen
Philosophen.

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