Beides hängt miteinander zusammen. Kaum ein Land ist im Alltag von der Energiekrise am Golf so hart getroffen wie Indien. Am knappsten sind nicht Benzin oder Diesel – weil Indien den großen, aber nicht überwältigenden Anteil des Öls, den es zuvor vom Golf bekommen hat, durch Lieferungen aus anderen Ecken der Welt hat weitgehend ersetzen können. Das Problem ist vielmehr das Flüssiggas (LPG), das der Subkontinent bis zu Beginn des Irankriegs fast ausschließlich aus Nahost importiert hat, und zwar durch die nun faktisch gesperrte Straße von Hormus. Wird die in Indien selbst produzierte Menge Gas einbezogen, hat das Land seit Beginn des Irankriegs nun 54 Prozent weniger Gas.
Frittiertes vom Menü gestrichen
Dass dies politische Sprengkraft hat in einer Nation, in der in 0,1 Prozent der Haushalte mit Strom gekocht wird, aber in drei von vier Wohnungen, Restaurants und Hotels ein Gasherd steht, wird dieser Tage nicht zuletzt an den Live-Tickern deutlich, in denen die Medien jede noch so kleine von der Polizei beschlagnahmte Menge von Gaszylindern auf dem Schwarzmarkt vermelden. Auch die Länge der Schlangen vor den seriösen Zylinderanbietern wird von Zeitungen und Fernsehsendern vermessen.
Solange sie nicht schon ganz geschlossen haben, streichen Restaurants Frittiertes von der Karte. Am Montag machte die Nachricht von der Suspendierung eines Dorflehrers aus dem Bundesstaat Madhya Pradesh Schlagzeilen, der bei einer lockeren Veranstaltung Mimik und Tonfall von Ministerpräsident Narendra Modi nachgemacht hatte: Wenn im Land die „lieben Brüder und Schwestern“ ihre Herde allesamt wieder mit Holz statt Gas befeuern müssten, schließe das „die Lücke zwischen Arm und Reich.“ Nachdem ein Video von dem Witz kursiert war, hatte ein Parteigenosse Modis den Lehrer angezeigt.
Zwei indische Frachter haben Straße von Hormus passiert
Kein Wunder, dass Indiens Regierung vor diesem Hintergrund mit einem diplomatischen Erfolg in Iran nicht hinter dem Berg hält. Während der amerikanische Präsident Donald Trump alliierte Staaten wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland dazu drängt, Kriegsschiffe an den Golf zu senden, um die Straße von Hormus „offen und sicher“ zu halten, haben zwei indische Frachter am Samstag die Meerenge passiert.
Die Schiffe mit dem Namen „Shivalik“ und „Nanda Devi“ sind Neu Delhi zufolge mit insgesamt 92.700 Tonnen Flüssiggas beladen und sollen in ein paar Tagen die Häfen Mundra und Kandla im westlichen Bundesstaat Gujarat erreichen. Ob tatsächlich ein indisches Kriegsschiff beide oder zumindest einen Frachter bei der Durchfahrt eskortierte, darüber gibt es unterschiedliche Angaben.
Auch ein unter liberianischer Flagge fahrender Frachter mit Ziel Indien durfte in der vergangenen Woche mit der Erlaubnis Irans passieren, dazu Schiffe aus China und der Türkei. Seit die Operation „Epic Fury“ Ende Februar begonnen hat, habe Iran die Straße von Hormus von einem internationalen Seeweg in einen „politischen Auswahlmechanismus“ verwandelt, sagt Vincent James Hooper von der SP Jain School of Global Management. Neu Delhi hingegen stellte die Durchfahrt als Ergebnis des Verhandlungsgeschicks Neu Delhis dar.
Jedes Schiff muss neu verhandelt werden
Zunächst hatte Ministerpräsident Modi am Donnerstag – zwölf Tage nach Kriegsbeginn – mit Irans Präsident Masoud Pezeshkian am Telefon gesprochen. Davor und danach hatte der indische Außenminister S Jaishankar insgesamt dreimal mit seinem iranischen Amtskollegen verhandelt, wobei „Ergebnisse“ erzielt wurden. Allerdings stelle die Erlaubnis für die beiden indischen Tanker „keinen Blankoscheck“ dar. Für jedes Schiff müsse die Passage durch die Straße von Hormus mit den Iranern wieder neu verhandelt werden, sagte S Jaishankar.
Die Strategie Irans ist klar: Die Meerenge ist offen für alle, ausgenommen für „Feinde“ und deren Freunde. Am Mittwoch beschoss die iranische Revolutionsgarde einen Frachter aus Bangkok, der ausgerechnet einer thailändischen Industriedynastie mit dem Namen Shah gehört. Länder, die israelische und amerikanische Botschafter auswiesen, hätten freie Durchfahrt, hat die Revolutionsgarde versprochen. Indien hat das nicht getan, weshalb die Durchfahrt der Gasfrachter „Shivalik“ und der „Nanda Devi“ die Frage aufwirft, warum ausgerechnet Neu Delhi von den Iranern die Vorzugsbehandlung erfährt.
Indien bezieht seit 2019 kein iranisches Öl mehr
Während Iran selbst während des Kriegs weiterhin täglich rund 1,5 Millionen Barrel Rohöl in Tanker pumpt und nach China verschifft, hat Indien von Iran seit 2019 keine größeren Ladungen Öl mehr bezogen. Schließlich wollte Indien die von seinem Wirtschaftspartner Amerika verhängten Sanktionen gegen das islamische Land nicht verletzen, während Teheran und Peking die tiefe Abneigung gegen die USA eint.
Die Antwort liege in Chabahar, ist Ökonom Hooper überzeugt. Gelegen an Irans Südostküste, sei der Hafen vor der Straße von Hormus das „Herzstück von Indiens Bestrebungen nach einer Anbindung nach Westen“ gewesen. Der „Geopolitical Monitor“ spricht vom „ersten echten Versuch einer „Seidenstraßen“-Initiative mit indischen Merkmalen – als Antwort auf die Infrastrukturinitiative „Gürtel und Straße“ Chinas, mit der Peking 2013 begonnen hat, sich neue Handelsrouten und Märkte in der Welt zu erschließen.
Die Planung von Indiens Seidenstraße begann allerdings viel früher. Schon 2003 hatte die Führung in Neu Delhi die Idee, über den Hafen in Iran einen Handelsweg zu errichten, mit dem etwa Energie aus Russland importiert werden konnte, ohne das Nachbarland Pakistan durchlaufen zu müssen. Chabahar sollte Indiens Tor nach Afghanistan und Zentralasien werden, der Startpunkt eines über 7000 Kilometer langen Nord-Süd-Korridors, der Mumbai mit Moskau verband. Noch im Mai 2024 schloss Indien einen zehnjährigen Pachtvertrag für den Betrieb eines Terminals im iranischen Hafen und sagte dafür 120 Millionen Dollar an Investitionen zu, dazu Kredite von 250 Millionen Dollar. In diesem März sollte die 600 Kilometer lange Eisenbahnlinie durch Iran bis Afghanistan eröffnen.
Das wird nun nicht mehr passieren. Indien ist aus dem Projekt ausgestiegen. Nur die Kommunikationskanäle zum Land, das eben noch Partner war, die will Regierungschef Modi lieber doch nicht ganz schließen.