Lange hat sich die Baubranche vor Aufträgen nicht retten können, nun hat die Wirtschaftskrise auch sie erreicht. Von einer „Stornierungswelle“ sprachen Wirtschaftsforscher des Ifo-Instituts am Dienstag. Immer mehr Bauherren zögern angesichts explodierender Bau- und Finanzierungskosten, ihre Bauvorhaben umzusetzen. Bei jedem sechsten Unternehmen aus der Baubranche wurden zugesagte Aufträge erst einmal zurückgestellt, ermittelten die Ifo-Forscher.
Das ist ein großes Problem. Denn Neubauten können dafür sorgen, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht und die Spaltung der Gesellschaft nicht weiter vorangetrieben wird. Abgesehen davon geben sie Tausenden Bauarbeitern einen Job.
Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung hieß es kühn, „400.000 neue Wohnungen pro Jahr“ sollten gebaut werden, „davon 100.000 öffentlich geförderte Wohnungen“. Die Regierung startete ein „Bündnis bezahlbarer Wohnraum“. Von einer „neuen Dynamik“ und der dauerhaften „Sozialbindung bezahlbaren Wohnraums“ war die Rede.
Nur: Wer soll das jetzt noch bezahlen? Mit jedem Monat wird es für Investoren schwieriger, den Traum der Regierung vom bezahlbaren Wohnraum zu erfüllen. Denn die eigene Pleite wird wohl kaum ein Bauherr in Kauf nehmen für ein paar günstige Wohnungen mehr. Stein für Stein in den Ruin? Das will keiner.
Die aktuelle Situation hat makroökonomische wie politische Gründe. Zum einen hat die aus geldpolitischer Sicht notwendige und ohnehin zu späte Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank dramatische Folgen. Sie kam mit einer solchen Wucht, dass die Finanzierungszinsen für Bauvorhaben sehr schnell um zwei Prozentpunkte gestiegen sind. Wer einen Finanzierungsbedarf von einer halben Million Euro hat, zahlt in diesem Herbst – 30-jährige Tilgung unterstellt – 400 Euro monatlich mehr als noch im Frühjahr. Und weil viele Vorhaben, auch die von größeren Investoren, ohnehin oft auf Kante genäht sind, bringt der hohe Zins sie zu Fall.
Nicht zu vergessen, dass der Notstand in mancher Kommune selbstverschuldet ist. Bis heute wirkt nach, was seit Ende der Neunzigerjahre manchen kommunalen Haushalt sanieren sollte – die Privatisierung von Wohneigentum. Allein die Stadt Berlin verkaufte 2004 rund 65.000 Wohnungen an private Investoren, Dresden fast 50.000, Kiel 11.000. Auf diese Wohnungen würde mancher Baudezernent heute wohl gern zurückgreifen, der die sozialen Lasten in seiner Stadt gerechter verteilen möchte.
Doch wer sich einmal für die Marktwirtschaft entschieden hat, kann nicht plötzlich wieder auf Sozialismus machen, und sei das Ansinnen noch so ehrbar. Wenn Wohnraum – wie vielfach analysiert – knapp ist, dann regelt der Preis, wie er verteilt wird. Wer wenig Geld hat, zieht notgedrungen an den Stadtrand oder gleich aufs Land. Und gebaut wird vor allem dort, wo die Rendite stimmt. Am ehesten mitten in der Stadt.
Man kann das politisch ganz und gar unmöglich finden und die Gentrifizierung weiterer Stadtteile verteufeln. Verhindern wird man sie in der aktuellen Lage kaum. Im Gegenteil. Die Zinsen werden weiter steigen, die öffentlichen Kassen werden sich weiter leeren, die Rezession ist schon zum Greifen nah. Die Stornierungswelle hat gerade erst begonnen. Die Senkung der Grunderwerbsteuer, wie Sparkassenpräsident Helmut Schleweis sie am Dienstag im Handelsblatt forderte, wäre ein erster Schritt, um sie zu mildern.