Stirbt welcher Rapper Haftbefehl? Warum die Doku „Babo“ aufwärts Netflix so erschütternd ist

Ein Gramm ins linke Nasenloch, ein Gramm ins rechte Nasenloch: Netflix zeigt eine Doku über den Rapper Haftbefehl und seine schweren gesundheitlichen Probleme. Ein erschütternder Beweis, dass Drogen etwas Schlimmeres bewirken als den Tod


Also erstmal Fallhöhe aufbauen: Haftbefehl sei der größte Künstler, den die Deutschrap-Szene je hervorgebracht hat, heißt es

Foto: Netflix


Man hatte nicht gut geschlafen nach Sicht der Doku Babo – Die Haftbefehl Story. Der erste Gedanke am nächsten Morgen war: Ich muss nach Aykut Anhan sehen. Und so öffnet man das Instagram-Profil des Rappers – schauen, ob er überhaupt noch lebt. Denn in der Doku macht er wirklich einen besorgniserregenden Eindruck und auf seinem Profil war es lange leer. Aber jetzt hat er gerade den Trailer des Films gepostet. „Es muss echt sein“, kommentiert er darunter. Und damit meint er wohl die echte, ungeschönte Darstellung dessen, was mit dem Künstler in den vergangenen Jahren passiert ist.

Anfang 2024 zog sich der Rapper mehr oder weniger aus der Öffentlichkeit zurück. Das war, nachdem er mit dem Auto in die Glasfront eines Cafés in Darmstadt gefahren war, nachdem er zwei Personen auf dem Bürgersteig nur knapp verfehlt und danach Fahrerflucht begangen hatte. Schon im August 2022 war ein Video aufgetaucht, in dem der Musiker taumelnd ein Konzert abbrechen musste. „Von der Legende zum Junkie“ war ein Foto von ihm betitelt, das im Sommer 2024 durch die sozialen Medien ging. Es sah nicht gut aus. Und diese Doku ist nun die Erklärung, warum. Am 28. Oktober läuft Babo auf Netflix. Und der Inhalt ist schockierend.

Es ist kein intelligenter Dokumentarfilm, sondern ein direkt erzählter Ehrenepos. Und auch deswegen wirkungsvoll. Klassisch aufgebaut, erzählt der Film zunächst Aufstieg, Absturz, noch mehr Absturz und dann folgt die Ehrenrettung.

Also erstmal Fallhöhe aufbauen: Haftbefehl sei der größte Künstler, den die Deutschrap-Szene je hervorgebracht hat, heißt es. Und das stimmt zwar nicht so ganz, wenn man sich Verkaufszahlen anschaut. Aber was er zweifelsohne erreicht hat, ist, einen neuen Stil zu etablieren: die große künstlerische Erweiterung von Deutschrap, indem er Sprachen, Slang und Laute mixte.

Regisseur Juan Moreno will abbrechen, doch Haftbefehl bittet ihn, zu bleiben

In Offenbach aufgewachsen, wurde er so nicht nur für Menschen in ärmeren Vierteln ein Sprachrohr, sondern wirkte in einer Zeit, in der migrantische Stimmen endlich lauter sprechen durften, als deren Anführer. Er wurde als „Ghetto-Goethe“ sogar zum Feuilletonliebling – und diese idealisierte Authentizität ihm auch zum Verhängnis.

Denn der Absturz kommt – wie immer – schleichend. Schon früh nimmt Aykut Anhan Drogen. Die psychologische Begründung dafür wird im Film mitgeliefert: schwierige Kindheit, der Vater nimmt sich das Leben, Depression. Die Herausforderungen des Showbiz tun dann ihr Übriges.

Regie und Interviews führten Sinan Sevinç und Juan Moreno. Letzterer ist der Spiegel-Autor, der bekannt wurde, weil er Kollege Claas Relotius auf die Schliche kam. Moreno hat zwar noch nie einen Film gemacht, aber er soll auf Anraten von Schauspieler Elyas M’Barek zu dem Projekt gekommen sein, der hier der Produzent ist und wiederum mal Moreno in einem anderen Film spielte.

Einmal fragt Moreno Anhan, warum er ihn nie gebeten hätte, irgendetwas nicht zu zeigen. Im Gegenteil: Einmal bittet der Rapper ihn sogar zu bleiben, als er nur noch Blut ins weiße Handtuch schnaubt und Moreno abbrechen will. Es müsse echt sein, sagt der Musiker später. Zehn nackte Frauen um einen Rapper, das sei nicht die Realität. Die Realität sieht so aus: Ein Gramm ins linke Nasenloch, ein Gramm ins rechte – alle zwanzig Minuten. Blut, Schweiß, Gin. Danach landet Haftbefehl erst einmal im Krankenhaus. Doch das reicht natürlich noch nicht zur Heilung.

„Babo“ stellt die Frage, was bleibt von Haftbefehl: der Rapper oder der Junkie?

Die Auswirkungen des Drogenkonsums (man weiß von Alkohol, Lachgas, Zigaretten, Kokain) sind wohl selten so schonungslos dargestellt worden. Der Film steuert in seiner Erzählung zwar von Anfang an auf Haftbefehls drohenden Tod zu. Doch der Film schafft zu erzählen, dass Drogen etwas Schlimmeres bewirken als den Tod.

Dafür sorgen unter anderem die zwei stärksten Momente des Films: Da ist einmal das Wiedersehen mit Haftbefehl in der ersten Szene. Ein leerer Sessel, er nimmt Platz. Und man erkennt ihn kaum wieder. Aufgedunsen. Trauriger Blick. Körperlich schwach. Und da, wo einst eine Nase war, sind nur noch ihre Reste.

In einer späteren Szene ist Aykut Anhan in seinem Haus. Es ist der Geburtstag seiner Tochter. Die ist nicht da. Auch nicht seine Frau, nicht sein Sohn. Sichtlich unter Substanzeinfluss zeigt er auf ein Foto von sich, bezeichnet sich selbst als Dreck und sitzt danach am Boden und singt ein Lied von Reinhard Mey mit. „Was ich besaß, hab’ ich vergeben. Meine Seele und mein Leben“, heißt es in dessen letzter Strophe.

Was bleibt von ihm, wenn er stirbt? Der Musiker oder der Junkie? Das fragt Haftbefehl im Film. Er wolle diesen Film machen, um seine Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen – falls ihm mal etwas zustoße, wie er sagt. Und welchen Erkenntnisgewinn diese Geschichte hat, darüber denkt man lange nach. Erstmal schockiert sie nur. Und hoffentlich schreckt sie auch ab. Doch das Wichtigste scheint jetzt erstmal, dass ihm nichts zu stößt. Weder dem Musiker noch dem Junkie.

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