Stimmen Zu Alexander Kluge: „Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind“

Thomas Meinecke

München, 1990. Ich saß mit meiner Band F.S.K. und drei US-amerikanischen Musikern, David Lowery, Johnny Hickman und Carson Huggins, die uns, im Line-up der Band, auf unserer aktuellen Tournee begleiteten, in Alexander Kluges Küche in der Elisabethstraße, dem Setting vieler seiner Fernsehsendungen. Kluge hatte uns zuvor live in einer Münchner Veranstaltungshalle gefilmt und würde das mit dem nun aufzuzeichnenden Interview zu einer Sendung zusammenfahren.

Wir hatten unsere amerikanischen Freunde auf einen „europäischen Intellektuellen“ vorbereitet, darunter auf Alexander Kluges eigenwillige Fixierung auf das Jahr 1945. (Später kritzelte er einmal spontan ausgedachte Lyrics auf eine Papierserviette und ließ uns die zu einem unserer Songs in einer Sendung zum Kriegsende 1945 singen.) Seine Sendungen waren eh stets mit Panzern gespickt (die wurden sogar in Opernmitschnitte hineinkopiert). Also waren unsere transatlantischen Kollegen wenig erstaunt, als der Gastgeber sie gleich eingangs befragte, wo sich ihre Väter respektive Großväter im Frühjahr 1945 befunden hätten.

Der Berliner Literaturpreisträger 2020, Schriftsteller, Musiker und DJ Thomas Meinecke legt am 27.Februar 2020 im Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt Platten auf.Picture Alliance

Carsons Vater, G.I. und Native American, hatte die Deutschen sogar mitbefreit. The 7th Army neben der Sowjetarmee als die Befreier Deutschlands. G.I. Huggins blieb, sein Sohn wurde in Saarbrücken geboren (allabendlich als „the Saarbrücken Seminole“ auf der Bühne eingeführt) und hatte als Kind sogar Elvis Presley in Friedberg, Hessen, kennengelernt.

Alexander Kluge konterte mit einer Anekdote aus dem Zusammenhang einer USA-Reise, wo er eine Audienz bei Jimmy Carter hatte. Sie saßen auf einem Dach des Anwesens, als plötzlich Sicherheitsberater Brzeziński die Szene betrat und dem Präsidenten etwas ins Ohr flüsterte. Kluge: „And suddenly it was Operetta!“

Der Autor ist Sänger und Gitarrist der Band F.S.K., zuletzt erschien sein Roman „Odenwald“ (Suhrkamp).

Elfriede Jelinek

In deutschen Pensionen werden oft schwindelerregende Bekanntschaften gemacht, die dann gar keine sind. Eine Frau geht die Treppe hinunter, unten sitzt an einem Tisch der Regisseur mit seiner Crew, mit der er sich unterhält. Der Regisseur schaut die Frau an, die da herunterkommt, die Frau schaut den Regisseur an. Nichts passiert. Viel passiert, das in der Luft enthalten ist, wo man es nicht sieht. Man weiß nie, was drin ist. Ich habe einmal die Kassette von Fassbinders Serie „Acht Stunden sind kein Tag“ gekauft, und als ich mir die DVDs anschauen wollte, war ein ganz andrer Film drin, mehrere Filme, ich weiß bis heute nicht, welche, denn ich habe die Pappschachtel mit ihrem nutzlosen Inhalt weggeschmissen. Da hätte aber etwas drin sein können, was mich sehr interessiert hätte. Ich werde es nie wissen.

Elfriede Jelinekdpa

Es bleibt eine Hülle, die nicht leer ist, aber für mich nichts enthält. Als würde man im Vorübergehen jemandem gefallen oder nicht, ein kurzer Moment bleibt das in Schwebe: Soll man? Soll man nicht? Man wird nie wissen, ob man hätte sollen, denn man geht vorüber. Man geht weiter. Man geht nie zu weit, was schlecht ist. Wenn man stehen bliebe, obwohl sich in der Umgebung nicht viel verändert hätte, würde wahrscheinlich mehr passieren. Die Ereignisse würden an einem vorbeigezogen werden, ohne dass man Mühe aufzuwenden hätte. Ein neues Wort kommt herein, ich habe es noch nie gehört, es enthält vieles für mich, aber: alles falsch! Was ist eine Beischlafdiebin?

Jahrelang, und zwar wirklich viele Jahre, habe ich es nicht gewusst. Ich habe ein fremdes Wort von einem Regisseur erfahren, das alles enthalten konnte, was ich mir dazu vorgestellt hatte, und nichts davon hat gestimmt. Und trotzdem hält das Wort immer noch an sich selber fest. Es hat mich längst losgelassen, ich weiß, im Gegensatz zur Loreley, was es bedeutet, und doch bedeutet es alles andre auch.

Ich wünsche dem Regisseur, Autor, Denker eine schöne ewige Ruhe.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek lebt in Wien. Im Juni erscheint ihr neues Buch „Unter Tieren“ im Rowohlt Verlag.

Joseph Vogl

Zuweilen musste man bei den Begegnungen mit Alexander Kluge an die alte aufklärerische Gattung der Projektemacher denken, die sich mit überraschenden Erfindungen, abenteuerlichen Ideen, unerschrockenen Experimenten und immer neuen Einfällen in der Verbesserung Mitteleuropas versuchten. So hat sich der Jurist und Geschichtenschreiber, der Autorenfilmer, Medienunternehmer und Saboteur des Privatfernsehens, der Video- und Ausstellungskünstler zuletzt in die Sturmgebiete der Künstlichen Intelligenz begeben. Dabei hat er in all diesen Werkstätten stets am Aufbau eines Vorrats an Zuversicht gearbeitet, der seine Artistik der Auswege belebte. Er nannte es „Baustellen der Vernunft“.

Joseph VoglJens Gyarmaty

Noch in seiner letzten Bildersammlung „Sand und Zeit“ hat er die Eigenbewegung von KI-Bildern den Verwertungsanlagen von Konzernen und Propagandisten entrissen. Und wenn in ihnen monströse Kriegsmaschinen – wie einst Hannibals Elefanten – durch Phantasielandschaften rollen, sind mit ihrem Schrecken virtuell-aktuelle Ansichtsräume entstanden, die mit einem realistischen Ahnungsvermögen die Gegenwart als bislang ungesehenen Möglichkeitsraum erschließen. Ein „Konjunktiv der Bilder“.

Seinem verstorbenen Freund Jürgen Habermas hat Kluge gerade eben hinterhergeschrieben, man brauche in den Bezirken intellektueller und politischer Tatkraft mehr Fragen als Antworten, mehr Suchbegriffe als Resultate. Das werde von einer umsichtigen Realitätsprüfung verlangt. Er hat sich selbst mitgemeint und darin sein eigenes Erzählprogramm definiert. In der Vielzahl seiner Anekdoten, Kurzgeschichten und literarischen Exempel hat er durchs Erzählen Geschichten aus der Abgeschlossenheit der Geschichte herausgelöst, in Gegen-Geschichten verwandelt und die unerledigten Fragen und Möglichkeitsreste, die immer in den Ereignissen stecken, präpariert. Überall in diesem bewundernswerten Erzählen – das möchte man Alexander Kluge und mit ihm selbst hinterherschreiben – werden wir stets etwas Besseres als den Tod finden.

Joseph Vogl war bis 2023 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist Permanent Visiting Professor an der Princeton University. Seit 1994 war er regelmäßiger Gast in Kluges Sendungen und hat mit ihm die Gesprächsbücher „Soll und Haben“ und „Senkblei der Geschichten“ herausgegeben (Diaphanes).

Tom Shoval

Alexander Kluge war und bleibt eine Quelle großer Inspiration für mich als Filmemacher und Mensch. Ich habe ihn als Teenager entdeckt, als ich „Abschied von gestern“ sah. Der Film hat mich wirklich bewegt, ich war getroffen davon, wie Kluge die Essenz der Einsamkeit in einer Stadt komponieren konnte. Es war modern, selbstsicher, hell und stark. Der Film war klein, aber sein Minimalismus komplex.

Tom ShovalPicture Alliance

Fortan bin ich Kluges Werk mit Hingabe gefolgt. Ich habe das Faktum geliebt, dass er ein Denker war, und sein Schreiben so tiefgehend wie sein Kino. Er war ein großer Lehrer für mich. Ich werde für immer auf seine Lehrstunden warten, auch wenn das nicht rational ist.

Der israelische Filmregisseur Tom Shoval schrieb seinen Film „A Letter to David“ an David Cunio. Gemeinsam waren sie 2013 mit einem Film bei der Berlinale. Cunio wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt. Nach zwei Jahren kam er frei. Übersetzt aus dem Englischen von Tobias Rüther

Lilith Stangenberg

Als ich an meinem allerersten Drehtag frühmorgens die Treppe zu Alexanders Münchner Filmatelier hochstieg, erwartete er mich bereits in der Tür, sozusagen mit den Hufen scharrend. Wir stellen uns vor, sein katzenhafter feiner Kopf, mit vollem weißen gekämmten Haar, er bietet mir das „Du“ an, seinen Augen, die zugleich von herausforderndem Ernst und jugendlichem Schalk sprühen, scheint nichts zu entgehen. Er war damals 87 Jahre alt, doch wir verstanden uns wie zwei 7-Jährige, die sich viel zu erzählen haben. Seine zugleich beruhigende wie anstiftende Sprechweise, diese sanfte, auffordernde Stimme: Ich erfuhr damals zum Beispiel, dass Elefanten mit den Fußsohlen hören oder dass auch vulkanische Steine ein Bewusstsein haben.

Lilith StangenbergPicture Alliance

Eines stand jedenfalls schnell fest: Es durfte keine Zeit verloren gehen! Wir begannen unmittelbar zu drehen, die nächsten zehn Stunden drehten wir in einem ununterbrochenen Taumel auf die ihm eigene Art, die keine „Fehler“ zu kennen schien, die sowohl intellektuell als auch darstellerisch keine Grenzen steckte, sondern mich wie eine Seiltänzerin in unvereinbare Höhen schickte, fast so, als hoffe er auf den Charme der Unvollkommenheit, auf den Sturz ins Leben.

Bis dahin dachte ich, ich sei von preußischer Natur und Disziplin, wurde aber angesichts von Alexanders Jugend und Durchhaltevermögen eines Besseren belehrt. Erstaunlicherweise hatte die Arbeit mit ihm, trotz aller philosophischen Kaskaden, nie etwas Verkopftes, sondern war vor allem eines: verspielt! Jeder Filmemacher in Deutschland kann von Alexander etwas lernen in puncto: Freiheit! Mut! Respektlosigkeit!

Ich erinnere mich, dass ich in einer Szene Seiten aus einem Buch reißen wollte, er gab mir ein sehr altes, sehr schönes Buch, und weil ich mich scheute, das edle Buch kaputtzumachen, sagte er: „Zerreiß es jetzt! Es gibt im ganzen Leben nichts Wichtigeres, als einen Film zu drehen!“

Die Schauspielerin Lilith Stangenberg und Alexander Kluge arbeiteten für den Film „Orphea“ (2020) zusammen.

Adolf Winkelmann

Alexander Kluge war für mich der wichtigste Vertreter des Neuen Deutschen Films. Nicht weil er die meisten Filme gemacht hat oder ein begnadeter Geschichten-Erzähler war, sondern weil er am schärfsten gedacht hat. Er war ein politisch denkender intellektueller Filmessayist – und das hat ihn von allen anderen unterschieden.

Adolf WinkelmannPicture Alliance

Manchmal rief er einfach an. Er suchte ein bestimmtes Bild für eine seiner Dokus. Wenn ich so ein Bild hatte, habe ich es ihm geschickt. Keine große Sache – aber so hat das funktioniert zwischen uns.

Adolf Winkelmann ist Filmregisseur und Professor für Film-Design. Er betreibt die Video-Installation „Fliegende Bilder“ am Dortmunder U.

Ulrike Sprenger

Alexander Kluge sagte, dass er gerne allein an einem runden Tisch mit leeren Stühlen schreibe. Das Schreiben sei keine einsame Tätigkeit, sondern er tausche sich dabei mit den Toten aus: seiner Mutter, seinem Vater und vor allem seiner Schwester, der er alle seine Texte auch im Geiste vorlege.

Sicher saßen an diesem Tisch auch Adorno, sein Lehrer, sein Ko-Autor Oskar Negt, seine langjährigen Dialogpartner Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Miriam Hansen und viele andere. Wer Alexander Kluges Gespräche mit den Lebenden kennt, weiß, dass auch die Gespräche mit den Toten keine Selbstbestätigung gewesen sein können, sondern Dialoge im besten Sinne: Die eigene Perspektive korrigieren und ergänzen und der anderen Erfahrung eine Stimme geben war immer sein Ziel, seine Methode die Kooperation und der Kommentar.

Ulrike Sprenger, fotografiert von Thomas Willke, Kameramann für Alexander KlugeThomas Willke

Sein Satz aus der Trauerrede für Heiner Müller „Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind“ ist aber noch in anderem Sinne zu verstehen: Kaum ein deutscher Autor hat sich so wie der Jurist Alexander Kluge als erzählender Anwalt der ungehörten und unbetrauerten Toten des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft verstanden. Sein Elternhaus wurde bei dem Luftangriff auf Halberstadt 1945 „weggebombt“, Vater, Schwester und er selbst kamen nur knapp mit dem Leben davon, eine Bombe schlug direkt neben ihnen ein.

Nach eigenem Bericht versuchte der 13-jährige Alexander seine Angst zu beherrschen, indem er plante, das Erlebnis am nächsten Tag seinen Schulfreunden zu erzählen – nicht bedenkend, dass es auch keine Schule mehr geben würde. Im Auftrag dieses Kindes hat Alexander Kluge schreibend und filmend lebenslang vom Krieg und seinen Entstehungsbedingungen erzählt, von der „industriellen Herstellung von Unglück“, die jedes menschliche Maß übersteigt, in der es keinen Trost gibt und die über Generationen fortwirkt. Im Gegenzug hat er auch „Notausgänge“ und „Oasen“ entworfen und in seinen Fernsehmagazinen und Ausstellungen gezeigt, wie sich eine „Gegenöffentlichkeit“ formieren kann, in der möglichst viele Stimmen von ihren Erfahrungen, Interessen, Wünschen erzählen und dabei an einer utopischen Gesellschaft der Verständigung bauen.

Es gilt jetzt, Alexander Kluge weiter zuzuhören und seine Bücher zu lesen, von den „Lebensläufen“ über den „Luftangriff auf Halberstadt“ und die „Chronik der Gefühle“ bis zu den eben erschienenen „Schattenrissen der Macht“.

Ulrike Sprenger ist Professorin für Romanische Literaturen an der Universität Konstanz und war seit 1992 Dolmetscherin, Autorin und Interviewpartnerin für Alexander Kluges TV-Kulturmagazine.

Christian PetzoldAFP

Christian Petzold

„Schlachtbeschreibung“ und „Anwesenheitsliste für eine Beerdigung“ sind mit die wichtigsten Texte meines Lebens. Für mich war er der klügste Ermittler und die Gespräche mit ihm die wunderbarsten Verhöre. Ein großer Schriftsteller.

Der vielfach ausgezeichnete Filmregisseur Christian Petzold lebt in Berlin. Zuletzt lief sein Film „Miroirs No.3“ im Kino.

Ben Lerner

Es ist die Ehre meines Lebens gewesen, Alexander Kluge zu kennen und mit ihm zusammenzuarbeiten, er hat mir die Trümmer der modernen Welt neu verzaubert. Er verband gewaltige kritische Einsicht mit poetischem Mysterium. Mit einem Satz klang er gleichzeitig wie ein Gegenwartskünstler und ein uralter Rabbi. Er war zugleich Anwalt und Wahrsager, ein Logiker wie ein Zauberer.

Ben LernerPicture Alliance

Mir fällt es oft nicht leicht, mir die Stimmen derjenigen, die ich liebe und bewundere, ins Gedächtnis zu rufen. Anders bei der von Kluge: Die hypnotisierende Poesie seines Englisch habe ich jetzt gerade im Ohr, wenn ich hastig ein paar unzureichende Zeilen in seinem Gedenken schreibe (mit Tränen in den Augen). Wenn ein massereicher Stern stirbt, kann er eine stärkere Anziehungskraft auf die Körper um ihn herum ausüben als noch zu Lebzeiten. Auf dass der Einfluss Alexander Kluges auf uns nur stärker werde.

Der amerikanische Schriftsteller Ben Lerner hat mit Alexander Kluge das Buch „Schnee über Venedig“ veröffentlicht (Spector) und ihn in seinem gerade erschienenen Roman „Transkription“ (Suhrkamp) in eine Figur verwandelt. Übersetzung Tobias Rüther.

Mark Siemons

Bei RTL nannten sie ihn den „Quotenkiller“. Aber sie wurden ihn nicht los. Als Fernsehproduzent brachte Alexander Kluge zwei seiner hervorstechendsten Talente zusammen: die Fähigkeit, sich als ausgefuchster, bestens vernetzter Jurist in der Welt der Mächtigen und Medienmagnaten zu behaupten, ja unangreifbar zu machen – und dann die Kunst, in seinen eigenen Sendungen ebendiese Welt von innen her zu unterwandern. Als Anfang der Achtzigerjahre kommerzielle Sender ins Fernsehen drängten, warnte Kluge wie viele andere vor einer „Industrialisierung des Bewusstseins“; aber anders als andere beließ er es nicht bei der Kulturkritik, sondern begab sich mitten in die Industrie hinein.

Dank seiner Verbindungen zur Staatskanzlei in NRW hatte er seinen Anteil an der Verordnung, dass private Anbieter nur dann eine Sendelizenz bekommen sollten, wenn sie auch einen Platz für die Kultur garantieren. Und gleichzeitig schuf er mit dem japanischen Werbekonzern Dentsu, dem „Spiegel“-Verlag und der NZZ eine Produktionsgesellschaft namens dctp, die ebendiese Lücke zu schließen beanspruchte. Das Ergebnis war, dass RTL und Sat.1 in ihren nächtlichen Programmen nun ihre eigene Antithese dulden mussten.

Mark SiemonsDaniel Pilar

Alle eindeutige, lineare Botschaft und Dramaturgie, wie sie im Fernsehen sonst üblich ist, wurde in Kluges Sendungen aufgesplittert in ein Mosaik aus Assoziationen, Filmfetzen, Schriftbändern und akustischen Effekten, meist um ein Gespräch herum, bei dem Kluges leise, atemlose Interventionen aus dem Off das jeweilige Thema weniger kommentierten als auf manchmal schwindelerregende Weise mit allen möglichen anderen Themen, Epochen, Kontinenten verknüpften. Dieser Fernsehproduzent war erkennbar nicht an den eingeschliffenen Routinen des Mediums interessiert, sondern an der Welt außerhalb und dem, was sie im Kopf auslösen kann. Dass er den kalkulierenden Programmgewaltigen einen solchen Raum des unreglementierten, riskanten, für alle Erfahrungen offenen Denkens mit List abtrotzen konnte, macht Alexander Kluge einzigartig.

Mark Siemons war von 1987–2025 Feuilletonredakteur der F.A.Z. und F.A.S. und ist heute freier Autor.

Claus Philipp

Dass Alexander Kluge mit seinem ausufernden literarischen, theoretischen filmischen Werk bei vielen Nichtlesern große Ehrfurcht und bei Mehrlesern oft blanke Überforderung auslöst – das teilt er mit Goethe, Thomas Mann und Elfriede Jelinek. Dass man seine Bücher am besten quer und beständig auf der Suche nach neuen persönlichen Anknüpfungspunkten liest und seine Texte am besten selbst im Kopf montiert – dafür gab er mitunter schöne Suchanweisungen.

Anlässlich des Erscheinens der geschätzt 500 Geschichten in „Die Lücke, die der Teufel lässt“ (2003) sagte er in einem unserer Gespräche: „Wenn Sie nichts weiter täten, als in dem Buch alle Flüsse, alle Behauptungen und Erzählungen über Wasser zusammen zu greifen, hätten Sie eine eigene Geschichte. Dasselbe können Sie mit der Wilden Jagd der Geister machen. Es ist wie ein Wetter, das den Planeten umrundet. Darüber Karten zu haben, Informationen, Navigationsmöglichkeiten, das ist der Gebrauchswert eines solchen Buches in meinen Augen.“

Claus PhilippPicture Alliance

Navigation als produktive Nutzung von Irrwegen. Mit der Londoner U-Bahn-Karte durch den Harz wandern. Im Salzburger Festspielsommer 2006 luden wir Alexander Kluge ein, sich nochmals mit dem Teufel einzulassen, diesmal unter dem nicht unbedingt naheliegenden Titel „Magazin des Glücks“: Kluge redete mit einem Opern-Arzt, er befragte Hannelore Hoger in der Rolle einer Souffleuse, und: Er traf den Satanologen und Aktionismus-Miterfinder Josef Dvorak, der für gewöhnlich wirklich nicht leicht aus der Fassung zu bringen war. „Stellen Sie sich vor, Frühsommer 1968“, sagte Kluge. „Alle Kommunarden gehen demonstrierend auf die Straße. Nur einer zieht von unbehauster Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft und macht vielen Genossinnen Kinder. Ist das nun der Teufel oder ein Lichtbringer?“ Dvoraks Kinnlade bewegte sich hinter einem tolstoischen Rauschebart Richtung Knie. Kluge: „ICH WILL DOCH NUR SPIELEN!“

In Österreich, wo man es gerne mit der Behauptung hält, das gut Erfundene wäre oft dem Wahren und den Tatsachen vorzuziehen, entwickelte Alexander Kluge immer beträchtliche Spielfreude. Bei seinem ersten großen Wien-Besuch nach 9/11, im Jahr 2001, fuhren wir einmal im Taxi an der Staatsoper vorbei. Ich fragte ihn, wie er es geschafft habe, in der Geschichte „Die Götterdämmerung in Wien“ die Bunker rund um die Staatsoper so plastisch zu beschreiben, auf die sich während der Luftangriffe des Jahres 1945 Orchestermusiker verteilten, um Wagner dennoch einspielen zu können.

Kluges Antwort: „Man kann besser über Orte erzählen, an denen man nie gewesen ist.“ Ausgehend von diesem Befund und einer Erkenntnis, die Kluge mit Heiner Müller teilte – „Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind“ –, werden wir uns auch weiterhin sehr gut (und bitte ohne Scheu) mit ihm unterhalten können. Und: lesen, lesen, lesen.

Claus Philipp ist freier Dramaturg und Autor. Jan-Christoph Gockels Inszenierung „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen, an der er mitarbeitete und zu der Alexander Kluge einen Film beisteuerte, ist im Mai beim Berliner Theatertreffen zu sehen.

Source: faz.net