Stephan Sulke: Die letzte Tanke macht noch längst nicht zu

Wer sein Publikum beim allerersten Lied eines Konzerts zum Mitsingen auffordert, in einem Moment, in dem eigentlich alle noch warm werden müssten, der traut sich was. Der freundliche ältere Herr, der wachsam auf die Menschen vor ihm schaut, braucht dazu nicht viel. Er steht auf dem Parkettboden, ganz nahe und auf gleicher Höhe die roten, gepolsterten Sessel der etwa 60 Zuhörer, von denen einige noch niedrige Tischchen mit Weingläsern und Erdnussdosen vor sich stehen haben. Hinter ihm ist links ein Flügel aufgebaut, auf einem Ständer in der Mitte steht eine akustische Gitarre, ganz rechts ein Synthesizer. Er plaudert ein bisschen, dann singt er ganz ohne Begleitung ins Mikrofon: „Du lieber Gott . . .“, und das Publikum fällt ohne Scheu ein: „. . . komm doch mal runter.“ Geht doch.

Das Lied stammt von der allerersten LP, die Stephan Sulke auf Deutsch veröffentlicht hat. Das ist genau fünfzig Jahre her, Sulke war damals Anfang dreißig, aber die selbstverfassten Lieder der nur mit seinem Namen überschriebenen Platte sind wie ihr Urheber gut gealtert. Vielleicht auch, weil die melancholischen Klavierballaden des Albums nach den zeitlosen Chansons klingen, die seit den Sechzigerjahren ein eigenes, immer neu interpretiertes Genre bilden, das Sulke als Songschreiber perfekt beherrscht.

Hoffentlich hält das Gitter vom Bärenkäfig!

Mit einem dieser Lieder, „Lotte“, wurde er nach einem Fernsehauftritt bei Rudi Carrell und seinem „laufenden Band“ schlagartig bekannt. Er habe damals Vollplayback singen müssen, erzählt er nun, im Fokus der Kamera, während neben ihm, unsichtbar für die Fernsehzuschauer, die Bühne umgebaut worden sei. Man habe einen echten Bären in einem Käfig herbeigeschafft, und die Sorge darum, ob die Gittertür tatsächlich ausreichend verschlossen sei, habe ihn beim Singen reichlich Nerven gekostet.

Jetzt, im Wappensaal von Schloss Gedern, ist außer dem Hund eines Zuschauers kein Tier im Raum und alles live. Gedern ist eine Kleinstadt im weiten Gebiet zwischen Bad Nauheim und Fulda. Dass jemand wie Sulke überhaupt in die hessische Provinz kommt, ist der Grundschullehrerin Dörthe Herrler zu verdanken, die im benachbarten Ortenberg nebenberuflich die Stadtbücherei leitet, eine Galerie betreibt und ein ambitioniertes Kulturprogramm durchführt. Herrler holte Sulke, der sich selbst als „sauteuer“ beschreibt, wiederholt zum Konzert hierher, und der Künstler, der in seinen Ansagen bei kleinen Störungen des Ablaufs gern darauf verweist, so sei das nun mal bei einem Wohnzimmerkonzert, dankt es ihr an diesem Abend mit 24 Liedern in mehr als zwei Stunden.

Ist die Liebe vielleicht doch noch irgendwo?

Eine Werkschau, gewiss, wobei das Frühwerk überwiegt – allein sein Langspielplattendebüt ist mit vier Liedern vertreten, und „Lotte“, der damalige Durchbruch, setzt mit seiner melancholischen Ratlosigkeit noch immer einen Stachel beim Hörer. Der Sänger erinnert sich an Stationen einer amour fou, setzt an, bricht ab, kann es nicht fassen, dass aus der blinden Liebe hellsichtige Distanz geworden ist, während die Moll-Akkorde des Flügels unbeirrt den Takt vorgeben, ein erbarmungsloses Uhrwerk, das dem schönen Chaos und Überschwang des Anfangs langsam ein stilles Ende bereitet hat und schließlich mit der letzten Silbe „hin“ in ein überraschendes Dur mündet – ist vielleicht doch noch etwas möglich?

Sulkes Leben ist von Umschwüngen gezeichnet, zum Teil von dramatischen. Seine jüdischen Eltern flohen 1939 aus Polen vor den Deutschen Richtung Osten und kamen über Wladiwostok nach Shanghai, wo ihr Sohn 1943 geboren wurde. Sein Vater, erzählt Sulke, lernte damals an der Hotelbar zwei Chinesen aus der Baumwollindustrie kennen, mit denen er eine Firma gründete, die aus Abfallprodukten der Stoffherstellung Putzfäden machte. Damit kam die Familie durch den Krieg. Weil Sulkes Vater aber auch den japanischen Feind beliefert hatte, sei er anschließend dafür verfolgt worden, sagt sein Sohn. Die Familie übersiedelte in die Schweiz, der Vater starb, und seine Mutter, erzählt Sulke, brachte das vierjährige Kind erst mal in ein Bündner Kinderheim. Als sie ihn nach einiger Zeit dort wieder abholte, hatte der Junge sich sprachlich so weit assimiliert, dass er die Mutter auf Schwyzerdütsch begrüßte.

Immer noch vor dem Auftritt: Stephan Sulke macht sich bereit.Michael Braunschädel

Das ist mehr als nur eine Anekdote über ein Kind, das früh lernen musste, allein zu sein. Sulke lebt seit dieser Zeit zwischen den Sprachen. Er habe in Shanghai fließend Chinesisch gesprochen, sagt er, natürlich „mit dem Vokabular eines Vierjährigen“. Mit den Eltern unterhielt er sich auf Englisch, obwohl die Muttersprache eigentlich Deutsch war, in der Schweiz kam Französisch dazu, das, zusammen mit Italienisch, die Sprache ist, mit der er heute seinen Alltag bestreitet. Er gewann als Jugendlicher einen Gesangswettbewerb, nahm, immer noch sehr jung, in den USA Platten auf und lebte eine Zeit lang in Frankreich. Er arbeitete als Tontechniker und betrieb ein Studio. Seine Platten, die ihm rasch eine ungeheure Popularität über viele Jahre hinweg und ständige Fernsehauftritte eintrugen, sind bis in die heutige Zeit glänzend produziert, sieht man von einem unglücklichen Flirt mit Computersounds ab, der sich in seinen Platten rund um die Jahrtausendwende Bahn bricht. Fragt man Sulke, welche Rolle in diesem multilingualen Dasein das Deutsche spielt, die Sprache also, in der er seit fünfzig Jahren seine Platten produziert, dann spricht er von einer „Kunstsprache“, die „literarisch“ an ihn herangekommen sei, etwa mit Goethes „Erlkönig“ und den Worten „Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt“ – in keiner anderen Sprache, sagt Sulke, könne eine Liebeserklärung so viel Angst verbreiten, allein über den Klang. Im Lied „Meine Sprache“ von 1980 feiert er sie dennoch, in all ihrer Ambivalenz.

Der Sänger, der sich im frühen Lied „Germania“ mit Deutschland beschäftigte, der dem Land seinerseits „irgendwie“ seine Liebe erklärte und dann „Patriot“ auf „Idiot“ reimte, der die Nordsee im hinreißend schönen Lied „Die See in meinem Land“ mit Klarsicht und Zärtlichkeit beschrieb, Sulke also ist ein halbes Jahrhundert später fassungslos und zornig über den wachsend grassierenden Antisemitismus in Deutschland und über die Anfeindungen, die Menschen zu gewärtigen hätten, die etwa auf dem Weg zur Synagoge als gläubige Juden zu erkennen sind. Anders als er selbst: Er habe blaue Augen, blonde Haare und sei nicht religiös, „und in ein paar Jahren bin ich eh nicht mehr da“. Aber seiner Wut über diese Entwicklung, die er verstärkt seit geraumer Zeit beobachtet, nimmt das nichts, im Gegenteil.

Geld ist nichts? Was für ein arroganter Satz der reichen Kinder!

Überhaupt, die Wut. Live akzentuiert Sulke seine Lieder stärker als auf den Platten, was ihnen guttut, und nimmt ihnen so den Anschein des Versöhnlichen an Stellen, die eigentlich anklagen. An diesem Abend in Gedern spielt er „Bei uns zuhause“ von der schlicht „4“ betitelten Platte aus dem Jahr 1979, eine seiner besten. Es erzählt von einer Kindheit in einfachen Verhältnissen, die ans Elend streifen, von Eltern, die keine Verantwortung wahrnehmen können: „Bei uns zuhause, da hofft man nicht, da ist man blau“ und „Das war zuhause, das war niemals daheim“.

Dagegen steht als Kontrast die unbeschwerte Kindheit einer jungen Frau, von deren Familie es heißt: „Geld ist nichts, sagen sie“. Diese Zeile, die jede der drei Strophen beendet, singt Sulke nun mit so viel Ärger, erbittert über die ignorante Herzlosigkeit, die sich darin ausdrückt, dass man das auf der Platte so sanfte Lied ganz neu hört. Und wenn es ein geheimes Zentrum von Sulkes Schreiben gibt, dann ist es das fassungslose Staunen über das Fehlen von Empathie im Umgang miteinander, darüber, wie sich Menschen aus Bequemlichkeit verpassen, mit schlimmen Folgen: „Dem andern für Ideen in die Fresse reinzuhau’n / Sowas ist auch heute jedem dir und mir noch zuzutrau’n“, heißt es in „Hass und Krieg“ von 1984.

Im vergangenen Winter hat Sulke eine neue Platte herausgebracht. Sie heißt „Die letzte Tanke vor der Grenze“, und wer mit einer Tankstelle in jüngster Zeit horrende Preise für ein plötzlich knapp gewordenes Gut verbindet, der wird den Titel umso passender finden: Die CD, handsigniert und nummeriert, ist in limitierter Auflage für stolze 99 Euro zu haben. Darauf sind zwölf Lieder, die den 82 Jahre alten Musiker allerdings in bester Form zeigen, als Sänger und als Songschreiber. „Wieso“ knüpft an „Hass und Krieg“ an, „Ich knie vor keinem nieder“ feiert musikalisch beschwingt den Eigensinn, und „Bubi“ erzählt den kurzen Lebenslauf eines Kindes, um das sich niemand richtig kümmert. Das schönste Lied kommt zum Schluss: „Die letzte Tanke vor der Grenze“ ist ein knapper Rückblick auf ein Leben und lässt zugleich die Neugier auf das anklingen, was nach der Grenze kommt.

All das – die Feier des Individuums, der aufmerksame Blick auf Kinder, die durchs Raster fallen, und der weite Horizont auf eine Existenz zwischen Werden und Vergehen – ist Sulkes Werk seit je eingeschrieben. Auch das Spiel mit der Sprache, das am meisten: „Habt mich doch alle gern“, heißt eine von Sulkes Platten. Das Publikum muss an diesem Abend nicht mehr groß dazu aufgefordert werden.

Source: faz.net