Dies ist ein einfaches Buch mit einer simplen Geschichte. Sie beginnt mit einer Zugfahrt von Düsseldorf nach Zürich und endet in einem Pensionszimmer mit Blick auf die Lagune von Venedig, und dazwischen spielt sie in Köln, Düsseldorf-Benrath, Flensburg, Bremerhaven und auf einem Kreuzfahrtschiff in der Nordsee. Am Schluss sind ihre Protagonisten, zwei ältere Männer und eine junge Frau, um fast dreißig Jahre gealtert oder tot, und in Europa hat sich, wie es zuletzt heißt, „angesichts der Bedrohung durch autoritäre Weltmächte ein neuer Zusammenhalt“ gebildet, in Deutschland sogar „eine neue Konzentration auf Wesentliches und Rettendes“. Gute Nachrichten.
Dies ist aber auch ein schwieriges, vertracktes, manchmal geradezu durchtriebenes Buch. Es setzt ein mit dem Prolog eines „erfundenen Autors“ und schließt mit dem Schlusswort eines vorgeblich nicht erfundenen, der allerdings mit „Berlin, im Frühjahr 2027“ unterzeichnet, was seine Aussagen wieder ins Fiktive rückt. Dessen erfundenes Alter Ego wiederum erfindet auf den letzten Seiten des Romans die Geschichte, von der er handelt, basierend auf Erzählungen eines alten Schulfreunds, den er auf einer – fiktiven, realen? – Nordseekreuzfahrt wiedergetroffen hat. Nur dass wir die Geschichte nicht mehr lesen müssen, denn wir kennen sie aus dem eben gelesenen Buch.
Wo so viel Verschlüsselung und Verspiegelung am Werk ist, so viel kunstvolle Schale um einen zarten Kern, muss es etwas geben, das besonderen literarischen Schutz verdient, etwas ebenso Kostbares wie Flüchtiges. Worin besteht diese flüchtige Substanz in Sten Nadolnys Roman „Herbstgeschichte“? Die Antwort liegt in der Geschichte selbst. Sie beginnt an einem Herbstnachmittag des Jahres 1998 im Intercity. Die beiden Reisenden, die dort einander gegenübersitzen, waren einmal beste Freunde, nun sind sie sich fremd. Der eine, Michael Waßmuß, ein bekannter, aber zunehmend erfolgloser Schriftsteller, ist zu einer Lesung unterwegs, der andere, Bruno Gnadl, Regisseur und Theatergründer, zu einem Bühnenabend. Im Abteil sitzt eine junge Frau. Sie ist schön – „stockhübsch“, wie der Schriftsteller findet –, heißt Marietta, studiert Kunst, liebt Teppiche und hat ein fotografisches Gesichter-Gedächtnis. Und sie wird verfolgt.
Der Motor der Erzählung springt an. In Zürich schütteln die drei, die jetzt ein Trio sind, den Verfolger, einen zwielichtigen jungen Mann, mit einem simplen Trick ab. Dann beschließen sie, gemeinsam nach Venedig weiterzureisen. Aber an diesem Punkt unterbricht der „erfundene Autor“ das Geschehen und bringt sich selbst ins Spiel. Es ist August 2024, und Titus – so heißt unser Mann – fährt mit dem (höchst fiktiven) Kreuzfahrtdampfer Enrico Caruso von Hamburg nach Schottland, um ein Fernsehdrehbuch zu schreiben. Auf dem Schiff trifft er – Überraschung – seinen alten Schulfreund Michael Waßmuß, der allein eine Luxussuite bewohnt. Der Schriftsteller ist trübsinnig, denn seine Reisebegleiterin, ebenjene Marietta, von der im vorigen Kapitel die Rede war, hat ihn versetzt; und weil er seinem Herzen Luft machen muss, erzählt er dem Erzähler seine Geschichte.
Eine rätselhafte Lähmung zwingt sie in den Rollstuhl
So, auf Umwegen, nähert sich der Roman seinem eigentlichen Ziel. In den folgenden drei Kapiteln erlaubt er sich dann keine Abschweifung mehr, und man begreift, dass es dem Autor, fiktiv oder real, jetzt ernst ist mit seinem Stoff. Nach einem weiteren Zeitsprung sind wir im Jahr 2002 und in Flensburg, wo Waßmuß bei einer Lesung die auf der Vergnügungsreise nach Venedig plötzlich verschwundene Marietta wiedertrifft. Sie sitzt, von einer rätselhaften Lähmung befallen, im Rollstuhl, und sie heißt in Wahrheit Irina, was den Schriftsteller nicht davon abhält, nach ihr zu suchen, als sie abermals verschwindet. Wenig später meldet sie sich aus Köln, wo sie in einer elenden Parterrewohnung in einem Neubauviertel lebt.
Waßmuß besorgt ihr eine neue Bleibe und passende Möbel, hilft ihr bei Formularen, Bewerbungen und Behördengängen, kauft die Teppiche, die sie in Heimarbeit knüpft, und holt Irina-Marietta geduldig aus der Sprachlosigkeit zurück, in die sie nach einem brutalen Überfall abgeglitten ist. Als sie mehr als zwei Jahrzehnte später – inzwischen ist die Ehe des Schriftstellers gescheitert und seine Karriere praktisch am Ende – beim Kölner Karneval durch einen üblen Streich beinahe ihr rechtes Auge verliert, pflegt er sie hingebungsvoll. Dann bucht er für sich und die Frau eine Kreuzfahrt. Aber vor deren Beginn verschwindet sie – mit seinem Schulfreund Bruno Gnadl.
Der Freundesverrat ist kein neues Motiv im Werk von Sten Nadolny, es klingt schon in „Die Entdeckung der Langsamkeit“, dem Roman, der den 1942 geborenen Autor berühmt machte, und zuletzt in „Das Glück des Zauberers“ an. Und auch der auctor in fabula, der Erzähler als Mitspieler der Erzählung, ist Nadolny geläufig, etwa in „Er oder Ich“, wo er ihn als richtende Instanz neben seinen gespaltenen Helden setzt. Der Schulfreund als Spiegel des eigenen Lebens, das Wasser als Medium der Verwandlung, die Reise als Selbstfindung – das alles gibt es reichlich bei Nadolny. Aber eine Figur wie die Rollstuhlfahrerin Irina Meyer hat es bei ihm noch nicht gegeben. Mit ihrer Hilflosigkeit ist sie das Gegenteil all der Mobilen und Beschleunigten, die sich in seinen Büchern tummelten, und auch der Sand im Getriebe der Langsamkeit. Sie ist der Stillstand. Und deshalb faszinierend.
Eine Affäre, die den Künstler beflügelt
Darum ist es schade, dass Nadolny sie so dicht ins Gewebe seiner Kunstfertigkeit eingesponnen hat, dass sie kaum Luft bekommt. Wir betrachten sie ja nicht nur mit dem Blick des Melancholikers Waßmuß, sondern auch mit dem des beherzteren Titus, dem Nadolny jene Neigung zum filmischen Schreiben mitgibt, von der er sich selbst als Romancier verabschiedet hat. Und als die Erzählung an Bord des Kreuzfahrtschiffs zurückkehrt, sehen wir Irina-Marietta auch noch mit den Augen einer Pastorin, die dort als Seelsorgerin arbeitet. Mit dieser Helen d’Arezzo hat Titus eine Affäre, die ihn als Mann wie als Künstler beflügelt, dem Roman aber schadet.
Denn die alsbald stattfindende Enthüllung, dass auch Helen in Irinas Schicksal verwickelt ist, hat einen Stich ins Routinierte, der nicht zum bitteren Ernst der Köln-Episoden und auch nicht zu den eingestreuten Sottisen über woke Sprachverbesserer und Moralapostel passt. Dass am Ende alles aufgeht, ist ein Kennzeichen mittelmäßiger Romane. Hier wünschte man sich, der Erzähler Nadolny hätte vor dem Epilog, der die Fäden vernäht, gnädig abgeblendet.
Nach Venedig wollten die Schulfreunde Bruno und Michael fahren, um zusammen mit ihrer Freundin aus dem Intercity einen Film von Éric Rohmer anzuschauen: „Herbstgeschichte“. Bei Rohmer hätten sie lernen können, wie man von Vergänglichkeit erzählt, ohne sentimental zu werden. Von Rohmers Regiekollege Bresson stammt der Satz: „Wenn eine Geige genügt, nicht zwei verwenden.“ Sten Nadolny hat drei Geigen genommen und so seine Herbstgeschichte verkitscht.
Sten Nadolny: „Herbstgeschichte“. Roman. Piper Verlag, München 2025. 239 S., geb., 24,– €.
Source: faz.net