Stellenabbau und Umbau: Wie RTL gegen Netflix und Co. ansenden will

Für RTL Deutschland steht ein größerer Stellenabbau bevor: Wie das Medienunternehmen am Dienstag mitteilte, sollen rund 600 Arbeitsplätze wegfallen. RTL begründet das mit dem rückläufigen klassischen TV-Geschäft und der Notwendigkeit, sich „noch gezielter“ auf das Streaming auszurichten. „In den letzten Monaten haben wir in der Geschäftsführung definiert, wie wir uns angesichts des tiefgreifenden Wandels im Medienmarkt und den großen konjunkturellen Herausforderungen als Haus aufstellen müssen“, sagte RTL-Deutschland-Chef Stephan Schmitter im Gespräch mit der F.A.Z. „Dabei haben wir uns für jeden einzelnen Firmenbereich die strategische Frage gestellt, wie die Abteilungen umstrukturiert werden müssen, um in der Streaming-Zukunft so erfolgreich zu bleiben, wie wir es im Moment sind.“

Derzeit beschäftigt RTL Deutschland rund 7500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen ist die wichtigste Einheit der RTL-Gruppe, die wiederum für etwas mehr als ein Drittel des Umsatzes der Muttergesellschaft Bertelsmann steht. Zu deren Umsatz steuerte RTL im vergangenen Jahr 6,25 Milliarden Euro bei.

Doch die Gemengelage ist schon länger kompliziert. Seit dem Jahr 2019 seien die linearen TV-Werbeumsätze in Deutschland um mehr als 20 Prozent gesunken, heißt es in der Mitteilung. Auch im anderen wichtigen Markt Frankreich bleibt das Umfeld schwierig. So erwartet die RTL-Gruppe für dieses Jahr auch nur noch einen Umsatz von bis zu 6,1 Milliarden Euro. Das kommende Jahr dürfte aus Werbesicht ebenfalls schwierig werden.

Noch bringt das Fernsehen den Löwenanteil der RTL-Werbeumsätze

In den ersten neun Monaten dieses Jahres stiegen die Digitalwerbeumsätze zwar um fast 32 Prozent auf 345 Millionen Euro und konnten rund 70 Prozent des Rückgangs im linearen Geschäft ausgleichen, betonte die Gruppe zur Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal.

Doch die Einnahmen der TV-Werbung waren in diesem Zeitraum mit 1,49 Milliarden Euro zum Umsatz weit größter. Die Einnahmen aus Streaming-Abos betrugen nach den ersten drei Quartalen 351 Millionen Euro. Ein Plus von 26,6 Prozent im Vorjahresvergleich, aber eben noch weit weg vom unter Druck stehenden TV-Geschäft. Unter Verweis auf diese Entwicklung senkten sowohl die RTL-Gruppe als auch Bertelsmann die Gewinnprognose für das Gesamtjahr.

Stand Ende September bedient die Gruppe knapp 7,6 Millionen Abonnenten, Frankreich und Ungarn steuern hier jedoch nur einen kleinen Teil bei. Das Gros macht RTL+ in Deutschland aus – 6,6 Millionen – entsprechend groß sind die Hoffnungen, die auf dem hiesigen Markt liegen. „Wir wollen die Organisation mit dem vollen Fokus auf das Streaming-Geschäft umbauen“, unterstreicht Schmitter. Das betreffe das Unternehmen „in Gänze“ und alle Bereiche gleichermaßen. „Wenn Sie ein Haus wie RTL strukturell erneuern wollen, dann müssen Sie das umfassend und sehr konsequent machen.“

Im Zuge der Integration des Verlages Gruner + Jahr in RTL wurde Anfang 2023 der Abbau von 1000 Arbeitsplätzen angekündigt – in Teilen auch durch den Verkauf von Zeitschriftentiteln. Im Frühjahr dieses Jahres gingen zudem die Titel „Brigitte“, „Eltern“ und „Gala“ an die Funke Mediengruppe. Mit dem nun angekündigten Schritt steht RTL indes nicht alleine da. Konkurrent ProSiebenSat.1 kündigte Anfang Mai den Abbau von rund 430 Stellen an. Die Begründung auch hier: konsequenter Fokus „auf digitale Transformation“.

Der Stellenabbau bei RTL soll nun „so sozialverträglich wie möglich“ von statten gehen, wie es in der Mitteilung heißt. „Wir haben gemeinsam mit dem Betriebsrat einen speziellen Sozialplan mit diversen Komponenten erarbeitet“, so Schmitter. Neben einer Altersteilzeitregelung gebe es beispielsweise auch die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft zu wechseln: „Wir hoffen, dass wir die strukturelle Neuausrichtung bis zum Ende des ersten Halbjahres 2026 abgeschlossen haben.“ Eine „hohe zweistellige Millionensumme“ will RTL mit dem Schritt einsparen. Zu den erwarteten Kosten etwa auch mit Blick auf Abfindungen, gab es zunächst keine Informationen. Auch ob das jetzt vereinbarte Programm ausreicht, ist nicht ausgemacht. „In der jetzigen Phase geht es darum, keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen zu müssen, sondern die Chance zu haben, die betroffenen Kolleginnen und Kollegen im Rahmen des Sozialplans direkt anzusprechen“, sagt Schmitter, „grundsätzlich kann ich aber betriebsbedingte Kündigungen in Zukunft nicht ausschließen.“

Der Wettbewerb im Streaming ist hart. RTL konkurriert hier nicht nur mit den Mediatheken von ARD und ZDF und dem Dienst von ProSiebenSat.1, sondern allen voran mit Netflix , Amazon Prime oder Disney . In diesem Umfeld müsse RTL sein Angebot stetig verbessern, sagt Schmitter – zumal die US-Plattformen in den vergangenen Monaten alle noch mal einen Gang hochgeschaltet hätten: „Paramount+ kauft die Champions-League-Rechte, Netflix und Amazon arbeiten in der Werbevermarktung zusammen, Warner Bros. Discovery steht zum Verkauf und das ist längst noch nicht alles“, zählt er auf. Doch schlussendlich kämen die Menschen für gute Inhalte, „je attraktiver die sind, desto eher sind sie bereit ein Abo abzuschließen.“

Unter anderem für die Erstellung eben dieser Inhalte soll die neue Organisation Vorteile bringen, so Schmitter. Ziel sei, künftig strukturell andere Arbeitsprozesse zu etablieren: „Beispielsweise sind im Moment, aus der bisherigen linearen TV-Logik heraus, einzelne Sender-Teams für den jeweiligen Inhalt auf einem TV Kanal verantwortlich. Diese Teams wollen wir zusammenlegen, damit sie gemeinsam die bestmöglichen Inhalte produzieren – unabhängig vom Kanal, und mit Fokus auf unseren Streamingdienst RTL+.“

Gestartet im Jahr 2019 bedient dieser hierzulande derzeit besagte 6,6 Millionen Abonnenten. „Eigene“ – und damit besonders lukrative Kunden – sind das aber nicht alle: Gut die Hälfte nutzt den Dienst im Rahmen einer Partnerschaft mit der Deutschen Telekom. Mit der Entwicklung des Dienstes zeigt sich Schmitter freilich absolut zufrieden: „Seit 2019 haben wir jedes Jahr rund eine Million Abonnenten dazugewonnen und RTL+ entwickelt sich bei allen wichtigen Kennzahlen sehr gut: Umsatz, Netto-Reichweite und Nutzungsdauer.“ In Deutschland sei man der am schnellsten wachsende Streamingdienst und wolle im kommenden Jahr in diesem Tempo weiterwachsen. Obendrein sei RTL+ auf Kurs, um wie geplant im Jahr 2026 schwarze Zahlen zu schreiben.

Auch auf inhaltlicher Ebene mangelt es nicht an Herausforderungen. Der teure Deal mit Stefan Raab zahlt sich bislang nicht in entsprechenden Einschaltquoten aus und jüngst verlor RTL die begehrten Rechte an der Europa und Conference League an DAZN. „Wir haben vor kurzem ein DFB-Pokal-Paket gekauft und RTL in dieser Hinsicht verstärkt“, betont Schmitter. Im kommenden Jahr werden erst einmal keine großen Sport-Pakete vergeben. Doch gibt die EU-Kommission grünes Licht für die Übernahme von Sky Deutschland, darf sich RTL nicht nur auf Millionen neue Abonnenten freuen, sondern auch auf Live-Rechte an der ersten und zweiten Bundesliga, der Premier League und der Formel 1. Wann genau die Entscheidung fällt, ist unklar. RTL hofft jedoch auf die Freigabe der Übernahme im ersten Halbjahr 2026.

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