Ihre Seelenvögel werden nur die Kinder gleich bemerken: Eine Eule, ein Blässhuhn, ein Specht und ein Rotkehlchen schweben auf Kniehöhe, in Flughaltung präpariert, fast als trügen sie die Vitrine über ihnen, um die Tote darin ins Jenseits zu geleiten. Um ihr Skelett herum sind zahllose Objekte angeordnet, die an den Wänden des zentralen Saals im Landesmuseum für Vorgeschichte noch einmal in stark vergrößerten, aber gestochen scharfen Bildern des Fotografen Juraj Lipták zu sehen sind. Die Dinge sind vor allem aus Stein und Knochen, doch hier leuchten sie wie Juwelen. Und tatsächlich, für die Zeitgenossen der Frau in der Vitrine waren sie ein großer Schatz.
Sie starb mit 35 bis 40 Jahren vor etwa neuntausend Jahren. So lange saß sie in einer Art Truhe aus Flechtwerk, bis man 1934 bei Bauarbeiten im Kurpark von Bad Dürrenberg an der Saale auf ihr Skelett und die zahlreichen Beigaben stieß. Das Fundensemble wurde allerdings unter großer Eile geborgen und von nationalsozialistisch gesinnten Forschern erst einmal völlig falsch eingeordnet. Seit 2004 aber ist die Bestattung aus Bad Dürrenberg ein zentrales Objekt des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, der Heimat der Himmelsscheibe von Nebra.
Warum Schamanin? Und was ist das überhaupt?
Was dieses Objekt für die Bronzezeit ist, das ist die Schamanin von Bad Dürrenberg, als die sie heute bekannt ist, für das mitteleuropäische Mesolithikum: Ein Jahrhundertfund, singulär, wissenschaftlich erstaunlich und in mancher Hinsicht rätselhaft. Seit 2019 haben nun Nachgrabungen am Fundort das Staunen wie das Rätselraten noch einmal gesteigert. Daher hat Harald Meller, der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Direktor des Museums, die Schamanin nun zum Mittelpunkt einer Sonderausstellung gemacht und Juraj Lipták mit der künstlerischen Gestaltung betraut. Von Freitag an ist sie für die Öffentlichkeit zu sehen.
Eigentlich sind es sogar zwei Ausstellungen – sind es doch auch zwei Fragen, die sich stellt, wer zum ersten Mal von der mesolithischen Frau hört: Warum bezeichnet man sie als Schamanin? Und was bitte war das Mesolithikum?
Es ist die Zeit der vier auf den ersten Blick paradiesisch anmutenden Jahrtausende zwischen dem Ende der Eiszeit und der Einführung der Landwirtschaft in Mitteleuropa. In sie kann sich der Besucher in den Ausstellungsflächen hinter der Schamanin vertiefen – um dabei festzustellen, wie überraschend merkwürdig diese Epoche war. Ihre überwiegend ungegenständliche, geometrische Kunst ist schwerer zu fassen als die Höhlenmalereien oder Skulpturen der Eiszeit.
Antworten auf die Frage nach dem Schamanismus sind vielleicht noch etwas voraussetzungsreicher. Bevor deutlich werden kann, warum die Archäologen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, dass diese Frau in ihrer Gruppe tatsächlich eine ähnliche Funktion erfüllt haben dürfte wie die Schamanen historischer Zeit, gilt es, erst einmal etwas über Letztere zu erfahren. Das Phänomen war oder ist besonders in Sibirien und Nordamerika anzutreffen, und um es zu verstehen, helfen die in Halle versammelten Leihgaben von Ausrüstungsgegenständen und Gewändern, unter ihnen das älteste Schamanenornat, das überhaupt erhalten ist und 1788 aus Russland nach Göttingen gelangte.
Doch zuvor muss der Schamanismus seinerseits eingeordnet werden in die verschiedenen Weisen, in denen sich Menschen archäologisch greifbar einen Reim darauf gemacht haben, was hinter der Realität des Diesseits steht. Propädeutisch beginnt der Rundgang in Halle mit personalen Göttern. Schwieriger ist es für uns Abendländer, den Animismus zu verstehen, der dem Schamanismus allerdings zugrunde liegt. Animismus war vermutlich die dominante Weltsicht der Altsteinzeit – ausweislich der Kunstwerke, die aus ihr erhalten sind. Einige sehr berühmte sind hier zu sehen, etwa das mindestens 35.000 Jahre alte aus Elfenbein geschnitzte Mammut und die kleine, anthropomorphe Figur aus der Vogelherd-Höhle in der Schwäbischen Alb.
Einen anderen altsteinzeitlichen Superstar konnten Harald Meller und sein Team ebenfalls als Leihgabe bekommen: ein etwa 26.000 Jahre altes elfenbeinernes Köpfchen aus Dolní Věstonice in Mähren, das als das früheste bekannte Porträt einer individuellen Person gilt, da es eigentümlich asymmetrische Gesichtszüge aufweist. Möglicherweise stellt es eine gleich in der Nähe bestattete Frau dar, die sich als Kind das linke Kiefergelenk gebrochen hatte. Bei ihr fanden sich Reste eines Polarfuchses.
Tierbezug und körperliche Anomalie – an beides wird sich der Besucher erinnern, wenn er dann vor der Schamanin steht. Augenfällig ist nur Ersteres: Die beigegebenen Knochen und Zähne, von denen etliche Bestandteile ihres Ornats gewesen sein dürften, gehören nur zu bestimmten Tieren, wie es auch für Schamanen in historischer Zeit zu beobachten ist. Aber die Frau hatte auch eine körperliche Besonderheit, über die sich die Forscher erst durch einen Fund in der Nachgrabung klar wurden: Seltene Fehlbildungen an den beiden obersten Halswirbeln sowie der Schädelbasis dürften dazu geführt haben, dass die Frau in der Lage war, sich bei bestimmten Kopfhaltungen den Blutfluss einer Arterie abzuklemmen. Damit könnte sie sich in einen Zustand versetzt haben, der von Umstehenden – und möglicherweise auch von ihr selbst – als Trance wahrgenommen wurde, in dem ihre Seele in eine Geisterwelt reiste.
Es gibt nur sehr wenige andere Bestattungen, bei denen ein Schamanismusbezug vielleicht möglich ist, darunter die Frau aus Dolní Věstonice mit dem asymmetrischen Antlitz. Aber nur in zwei Fällen neben Bad Dürrenberg sind sich die Archäologen hinreichend sicher: dem eines Mannes in einem Doppelgrab mit einem Kind unter dem Felsüberhang von Horn Shelter in Texas und einer Frau der Natufien-Kultur aus der Hilazon-Tachtit-Höhle in Israel. Letzterer hatte man unter anderem die Flügelspitze eines Adlers mitgegeben. Aber auch im Grab der Schamanin von der Saale wurden kürzlich Reste von Federn nachgewiesen.
Die Schamanin. Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle an der Saale; bis 1. November. Der Katalog kostet 35 Euro.
Source: faz.net