Der exotisierende Blick auf Ostdeutschland, wie ihn westliche Autoren kultivierten, hat mittlerweile zahlreiche Gegenerzählungen auf den Buchmarkt gebracht: Retrospektives DDR-Verstehen bildet ein verkaufsträchtiges Genre. Systematische Beobachtungen aus der Nahdistanz sind hingegen rar gesät. Stefan Wellgrafs beeindruckende Studie über Ostdeutschland steht in der methodischen Tradition teilnehmender Beobachtung. Der Soziologe am Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universität kann dabei aus eigenen Feldforschungen in den Habitaten einer exotisierten Jugendkultur schöpfen.
Dabei begibt sich der Feldforscher zwar in eine Kultur, in der Gewalt ausgeübt wird. Aber offenbar kam er auf seinen Exkursionen nicht in die Verlegenheit, an ihr teilnehmen zu müssen. Dennoch bekennt der aus einer Ostberliner Arbeiterfamilie stammende Autor eingangs, dass er sich unter Skinheads und Fußball-Ultras „manchmal wohler als in der bürgerlichen Welt der Universität“ fühlte. Nicht nur dieses offenherzige Geständnis dürfte ihm die Skepsis mancher akademischer Kollegen sichern.
In seinem Buch begibt sich Wellgraf auf Nahdistanz zu Gewalttätern. Er redet ausgiebig mit Rechten, im geschützten Raum anonymisierter Gespräche, die sich am Spielfeldrand, in Fanbus oder -kneipe des (Ost-)Berliner Fußballclubs Dynamo (BFC) ergeben. Noch immer werden viele Fans des einschlägig bekannten BFC in die polizeiliche Kategorie C als „gewaltsuchend“ eingestuft. Die Fankurve reagierte darauf mit einem Stadionbanner, auf dem sie sich selbst in der fiktiven „Kategorie D“ verortet – gewaltbereiter, als die Polizei erfassen kann. Zu den Paradoxien des Vereins gehört dabei, dass er in der DDR unter der Schirmherrschaft von Stasichef Erich Mielke stand, für den auf der Tribüne ein Ehrenplatz reserviert war.
Ihren notorischen Ruf hatten sich BFC-Fans schon damals bei zahlreichen Scharmützeln mit der Volkspolizei, aber auch bei Übergriffen auf mosambikanische und kubanische Vertragsarbeiter redlich erworben, weswegen sich der Verein wie kein anderer im Osten Deutschlands für eine Genealogie rechter Gewalt eignet. 1980 etwa fällt eine Hundertschaft betrunkener BFC-Fans im brandenburgischen Jüterbog unter rassistischen Parolen mit Fäusten und Flaschen über 26 Kubaner her, die gerade von einem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald kommen. Auf dem Berliner Alexanderplatz kommt es immer wieder zu Schlägereien mit anderen Gruppierungen, später zu Überfällen auf Punks und besetzte Häuser.
Eine im Inneren höchst widersprüchliche Szene
In diesen Exzessen zeigen sich exemplarisch die Grenzen der oft als „Erziehungsdiktatur“ beschriebenen DDR. Zwar reagierte der Staat mit Überwachen und Strafen: Nach geheimpolizeilicher Bespitzelung und erzwungenen „Aussprachen“ werden etliche Beschuldigte in die von psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt geprägten Jugendwerkhöfe oder das Haftarbeitslager Schwarze Pumpe eingewiesen, weibliche Delinquenten in das berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck. Während manche unter Einzelhaft, Schlägen und Schlafentzug psychisch zerbrachen, gingen laut Wellgrafs Interviews andere als brutalisierte und gefestigte Regimegegner daraus hervor.
Die Hilflosigkeit der bewaffneten Organe kulminierte in Blutbädern: Mitte der Achtzigerjahre feuerten Volkspolizisten wahllos mit scharfer Munition in eine in einer Gaststätte in Kremmen randalierende BFC-Menge und verletzten mehrere Fans schwer. Am 3. November 1990 schoss ein junger Polizist nach einem Spiel gegen Chemie Leipzig aus großer Distanz einem jungen BFC-Fan eine tödliche Kugel in den Hals, woraufhin ein bis heute wirksamer Märtyrermythos entstand.
Die Stärke von Wellgrafs Buch liegt nicht nur in der Nachzeichnung einzelner Gewaltkarrieren in Form persönlicher Porträts, sondern auch im Aufzeigen bisweilen überraschender Binnenfrakturen der im Inneren höchst widersprüchlichen Szene. So skandierten die Fans des „Stasivereins“ zwar häufig antisemitische Parolen, wurden aber von gegnerischen Fans in abwertender Absicht selbst als „Juden“ tituliert, worauf einige mit dem Mitführen von Israel-Fahnen reagierten – eine zudem oppositionelle Geste im DDR-Staat, der die antiisraelische Terrororganisation PLO militärisch unterstützte.
Verbindungen zu queeren Technoclubs
Ebenso verwirrend sind Wellgrafs Einblicke in Sexualität und Geschlechterverhältnisse der nach außen hin hypermaskulin und heteronormativ auftretenden Hooliganszene. Anhand von Fanzines aus den ehrenamtlichen, auf Spenden angewiesenen Berliner Sammlungen Archiv der Jugendkulturen e.V. und Antifaschistisches Pressearchiv (apabiz) zeichnet er interne Debatten über den Umgang mit Homosexualität nach, die zwar generell von Homophobie geprägt sind, aber immer wieder eine Duldung privat ausgelebter queerer Sexualität befürworten – zumal gerade Fans mit Haftkarriere über entsprechende Erfahrungen verfügten. Nach 1990 stellen BFC-Hools zudem die Türsteher vor queeren Technoklubs.
Auch das Klischee weiblicher Skinheads, sogenannter Renees, als untergeordneter Anhang in einer von toxischer Männlichkeit geprägten Szene stellt Wellgraf infrage: Zwar plädieren viele abtreibungsfeindliche Artikel in Skingirlzines mit einschlägigen Namen wie „Mädelbrief“ oder „Volkstreue“ für Mutterschaft im Sinne einer völkischen Reproduktionsideologie, doch wehren sie sich gleichzeitig gegen die verbreitete sexualisierte Gewalt innerhalb der Szene. Dies gipfelt in einem Schmähartikel der „Skingirlfront Deutschland“ gegen den Funktionär der rechtsextremistischen Kleinstpartei DVU, Gerhard Frey, der in unverblümter Prosa als „nationaler Wichser“ und Verleger eines rechten „PLAYBOY-Verschnitts“ tituliert wird.
Kritik an zu hoch gewichteten Aussteigerbiografien
Solche Frakturen zwischen rechter Subkultur und den „Scheitel-Nazis“ neonazistischer Parteien sind Wellgraf zufolge eher die Regel als die Ausnahme. Funktionären und Politaktivisten wie Ingo Hasselbach standen weite Teile der Skinhead- und Hooligan-Szenen zwar politisch nicht ablehnend, aber kulturell befremdet gegenüber. Dies zeigt die Anekdote aus einem Lichtenberger „national besetzten“ Haus: Als ein Neonazi-Kader die Fußballfans durch einen militärischen Weckruf daran hindern will, ihren Rausch auszuschlafen, wird er von einem Hooligan kurzerhand mit einem Faustschlag seinerseits in den Schlaf geschickt.
Wellgraf bietet aber weit mehr als anekdotische Szene-Interna und dichte Beschreibungen der Gewalt. Ausgiebig zitiert er aus staatlichen Archiven und Sozialstatistiken, etwa zum Alkoholkonsum vor 1989 und zur Arbeitslosigkeit danach, und lässt die wechselnden Strategien rigider „Zersetzung“ und „akzeptierender Jugendarbeit“ Revue passieren. Dabei spart er nicht an Kritik: Etwa an dem von der Jugendministerin Angela Merkel in den Neunzigern verantworteten Aktionsprogramm, womit das nach der Schließung von FDJ-Jugendklubs entstandene Vakuum mehr schlecht als recht gefüllt wurde.
Schon seinerzeit wurde es als „Extrawurst für Rechte“ und Förderung „faschistischer Strukturen“ für „kahle Kids“ kritisiert und als weitgehend gescheitert beurteilt. Ebenso kritisiert er das massenmediale Interesse an Aussteigerbiographien, deren wundersame Wandlungen wohlige Schauer versprechen, aber nur auf Einzelne zutreffen. Auch für die „Arroganz westdeutscher Akademiker“, die aus sicherer Entfernung vom Schreibtisch herab urteilten, und die Interpretamente vernachlässigter frühkindlicher Bindungen oder einer autoritaristischen Verzwergung durch den rigiden Staatssozialismus hat Wellgraf wenig übrig.
Antiautoritäre Revolte gegen die DDR-Diktatur?
Tatsächlich scheitern viele DDR-spezifische Deutungen schon daran, dass sich in der Bundesrepublik zwar graduell verschiedene, im Kern aber recht ähnliche Fanszenen herausbildeten, die zudem mit ihren ostdeutschen Pendants schon in den Achtzigern verflochten waren. Wellgraf tritt stattdessen mit Michel Foucault für eine Lesart der Gewaltkulturen als einer Machtlust versprechenden Selbsttechnik im Sinne eines emotional-affektiven Stils ein. Vollständig erklären lassen sie sich damit nicht – und ein Patentrezept zur Lösung kann auch Wellgraf nicht anbieten. Zudem dürfte seine Teilinterpretation rechter Gewaltkulturen als antiautoritäre Revolte gegen die DDR-Diktatur einige Diskussionen auslösen.
Das Buch, das bei aller Nähe stets auf kritischer Distanz zu den Selbstdeutungen seiner Protagonisten bleibt, wird vor allem in Ostdeutschland gelesen werden. Es bleibt zu hoffen, dass möglichst vielen Lesern in Zeiten einer neuen DDR-Nostalgie die Brutalität der sozialistischen Diktatur im Umgang mit Abweichlern in Erinnerung gerufen wird – und ebenso das Leid der Opfer rechter Gewalt.
Leider geht Wellgraf abschließend nicht näher auf die AfD ein. Am Rande der Buchpremiere in der Berliner Kulturbrauerei ließ sich aber kürzlich inmitten akademischer Jugend im modischen Noughties-Look auch mit einigen betagten Protagonisten seiner Studie plaudern. Er habe Parteien nie etwas abgewinnen können, gab ein szenebekannter Ex-Hooligan dort unumwunden am Stehtisch zu, werde nun aber in die AfD eintreten. Die einstmals fragmentierten und untereinander zerstrittenen Szenen und ihre Nachfolger scheinen mittlerweile ihr parteipolitisches Sammelbecken gefunden zu haben.
Stefan Wellgraf: „Staatsfeinde“. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren. Ch. Links Verlag, Berlin 2026. 560 S., Abb., geb., 28,– €.
Source: faz.net