Bislang war die ostdeutsche Presselandschaft geprägt durch westdeutsche Verlage. Mit der neuen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung ändert sich das nun. Doch die Publikation ist nicht unumstritten.
Die Erstausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) mit dem durchaus provokant gemeinten halbseitigen Titel „Vorsicht, Freiheit“ erschien am 20. Februar. Sie war im Nu vergriffen, alle 43.000 Exemplare. Ob sie allesamt verkauft oder teils auch umsonst verteilt wurden, geht aus der Pressemitteilung der OAZ nicht hervor. Der Start wird vom Verlag aber auf jeden Fall als Erfolg gewertet. Ein Erfolg, den die Macher der Zeitung durchaus erwartet hatten.
Wenige Tage, bevor die Zeitung an den Start ging, hatte Chefredakteur Dorian Baganz in einem Interview mit dem MDR erklärt, er sähe eine Lücke in der „seriösen Berichterstattung“ auf dem Zeitungsmarkt. Es fehle der „ostdeutsche Blick“ – nicht nur auf die Regional-, sondern auch auf die Weltpolitik.
Dorian Baganz ist Chefredakteur der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Am 20. Februar ist die erste Ausgabe erschienen.
„Viele bundesweite Medien schaffen es nicht, ihre Erzeugnisse im Osten zu verkaufen,“ erklärt der junge, aus Westdeutschland stammende Chefredakteur. Das läge an der Art und Weise, wie über die großen Themen berichtet würde. „Von AfD, Ukraine-Krieg, Meinungsfreiheit – you name it“, so Baganz.
Unterschied zwischen ost- und westdeutscher Perspektive
Dass es einen Unterschied zwischen ost- und westdeutschem Blick gibt, bestätigt der Leipziger Journalist und Medienforscher Lutz Mükke. Vor fünf Jahren erstellte er im Auftrag der Otto Brenner Stiftung eine vielbeachtete Studie zur medialen Spaltung Deutschlands.
„Man muss sich nur die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg ansehen,“ sagt Mükke. Da gäbe es große Unterschiede zwischen Ost und West. Aber auch im journalistischen Umgang mit der AfD glaubt Mükke, dass eine Erweiterung des Meinungskorridors, wie die Macher der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung versprechen, dem Gesamtdiskurs in Deutschland gut tun würde.
Druck der Zeitung in Dresden
Die Redaktion der OAZ ist weit gestreut: Das Wirtschaftsressort ist in Dresden ansässig, weitere Redaktionen sind in Chemnitz und Leipzig, Magdeburg, Halle und Rostock. Momentan arbeiten etwa 25 Menschen für die OAZ, sagt Baganz, man suche nach weiteren Mitarbeitern. Gedruckt wird die Zeitung in Dresden, aber alle Fäden laufen in Berlin zusammen: beim Berliner Verlag, der dem ostdeutschen Unternehmer Holger Friedrich gehört.
Holger Friedrich ist im Medienbetrieb allerdings nicht unumstritten. So wird ihm zum Beispiel die Verharmlosung der DDR vorgeworfen, weil er sich immer wieder lobend über den ehemaligen Staatschef Egon Krenz (SED) geäußert hat. Ein gemeinsamer Auftritt mit dem Ministerpräsidenten Ungarns, Victor Orbàn, sorgte 2022 zum Abgang des damaligen Kulturchefs der Berliner Zeitung.
OAZ-Redakteur hat einst für Russia Today gearbeitet
Ein anderer Vorwurf dürfte noch schwerer wiegen: Einer der neuen Redakteure der OAZ ist Florian Warweg. Er arbeitete von 2014 bis 2022 für Russia Today, jenem von Russland gegründeten und finanzierten Fernsehsender also, dem Propaganda und gezielte Desinformation vorgeworfen wird. In Deutschland ist der Sender seit 2022 verboten.
Der Herausgeber der OAZ, Dirk Jehmlich, besteht im Gespräch mit dem MDR darauf, man habe Warweg wegen seiner journalistischen Qualitäten zur OAZ geholt. Dessen Arbeit für Russia Today habe zu einem Zeitpunkt stattgefunden, als sich die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel noch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin getroffen habe. Eine Verbindung der OAZ zu Russland gebe es nicht.
„Ostdeutsch“ wirkt eher abschreckend
Mit ihrem Ansatz hofft die OAZ, auch in Westdeutschland Leser und Abonnenten zu gewinnen. Tatsächlich wurde etwa ein Drittel der mittlerweile vergriffenen Erstausgabe im Westen verkauft, sagen die Herausgeber. Judith Kretzschmar, die an der Universität Leipzig zum Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen forscht, glaubt allerdings nicht an einen Erfolg der Zeitung im Westen.
Schon allein der Titel mit einem roten „O“ in Fraktur scheint auf ein bestimmtes Publikum abzuzielen. „Das Label ‚ostdeutsch‘ schreckt die Menschen in den alten Bundesländern eher ab,“ meint Kretzschmar.
Aber auch sie sagt, dass etwas geschehen muss, um das Vertrauen der Menschen in die Medien wiederherzustellen. Denn dieses lässt seit Jahren nach: in Westdeutschland, besonders aber bei den Menschen in den neuen Bundesländern.
„Vertrauen beginnt vor der Haustür“
Ob die OAZ mit ihrer neuen, ostdeutschen Perspektive auf die Weltpolitik und den, wie Chefredakteur Baganz sagt, „positiven Geschichten aus dem Osten“ daran etwas ändern kann, bezweifelt Kretzschmar. Sie glaubt, es brauche einen regionalen oder lokalen Bezug, um Vertrauen wieder aufzubauen. „Vertrauen“ sagt sie, „beginnt vor der Haustür.“
Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung will sich in diesen für Printmedien äußerst schwierigen Zeiten auf dem Markt behaupten. Ob das gelingen kann, wird sich zeigen. Ab jetzt mischt sie jedenfalls als Tageszeitung online sowie mit einer gedruckten Wochenendausgabe mit auf dem hart umkämpften Markt – als einzige überregionale Publikation aus einem ostdeutschen Verlag.
Source: tagesschau.de