Der letzte Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland wird vorerst nicht erneuert. Beide Seiten könnten Vernunft walten lassen und im vertragslosen Zustand keinen Freibrief für atomare Aufrüstung sehen. Sicher ist das nicht
Russische Truppen laden eine Iskander-Rakete während einer taktischen Atomwaffenübung an einem unbekannten Ort in Russland (Archivbild, 2024)
Foto: Russisches Verteidigungsministerium/AP/picture alliance
Der 2011 beschlossene und 2021 um fünf Jahre verlängerte New START-Vertrag erlaubte den USA und Russland jeweils 1.550 Atomsprengköpfe und 700 stationierte Langstreckenraketen und Bomber. Umfassende bilaterale Inspektionen und Regeln zur Verifizierung hatten das Einhalten dieser Obergrenzen bis Anfang 2023 bestätigt. Am 5. Februar 2026 lief der Vertrag schließlich aus.
Die Kombination aus Begrenzung und Vertrauen galt lange als Stabilitätsanker im Verhältnis der beiden größten Nuklearmächte. Mit seinem Ende droht nun der Rückfall in eine Phase nuklearer Anarchie. Für die USA und Russland, die über 90 Prozent der weltweiten Atomsprengköpfe besitzen, gelten damit keine rechtlichen Beschränkungen mehr. Sie können das Arsenal ihrer Kernsprengköpfe und Trägersysteme aufstocken.
Gefahr von Fehlalarm und Missverständnissen
Die Logik der nuklearen Abschreckung – also die Vorstellung, dass die gegenseitige Fähigkeit zur totalen Zerstörung einen Krieg verhindert – wird nun absehbar durch einen gefährlichen Rüstungswettlauf untergraben. Technische Fehlalarme, Missverständnisse oder eskalierende regionale Konflikte können in einer Welt ohne robuste Rüstungskontrolle schneller außer Kontrolle geraten.
Offenbar sind sich die bisherigen Vertragspartner dessen bewusst. Am Rande der Ukraine-Verhandlungen in Abu Dhabi sollen die USA und Russland übereingekommen sein, ein neues Abkommen anzustreben oder das bisherige doch befristet fortzuschreiben, wobei es bei der amerikanischen Position bleibt, dass künftig China einbezogen werden müsse.
New START reduzierte nicht nur die Anzahl stationierter Sprengköpfe, sondern bot auch Kommunikationskanäle und überprüfbare Regeln. Fällt dieser Rahmen weg, wächst die Gefahr eines neuen nuklearen Wettrüstens – nicht zwingend sofort quantitativ, aber qualitativ etwa durch neue Trägersysteme, Hyperschallwaffen oder modernisierte Sprengköpfe.
Zudem verändert sich das geopolitische Umfeld. Während New START ein bilaterales Abkommen zwischen den USA und Russland war, rücken heute andere Atommächte stärker ins Blickfeld. China baut sein Arsenal massiv aus, Indien, Pakistan, Großbritannien und Frankreich modernisieren ihre Systeme. Zugleich verstärken regionale Spannungen die Unsicherheit. Ohne krisenresistente Rüstungskontrolle zwischen Washington und Moskau kann die Bereitschaft zu multilateralen Abrüstungsinitiativen weiter sinken.
Unregulierter nuklearer Wettbewerb
Das Auslaufen des Vertrages hat insofern erhebliche globale Konsequenzen. Das Nichtverbreitungsregime für Atomwaffen, das auf dem Atomwaffensperrvertrag von 1968 fußt, wird massiv geschädigt. Es besteht die Gefahr, dass sich immer mehr Staaten mit Kernwaffen ausrüsten. Gleichzeitig zeigt das Vertragsende auch die Grenzen klassischer Abrüstungspolitik.
Politisches Vertrauen ist eine Voraussetzung solcher Verträge, doch gerade dieses Vertrauen ist in den vergangenen Jahren stark beschädigt worden. Sanktionen, geopolitische Rivalität und militärische Konflikte erschweren neue Vereinbarungen. Doch kann ein weitgehend unregulierter nuklearer Wettbewerb keine Alternative sein.
Langfristig stellt sich daher die Frage, ob neue Formate der Rüstungskontrolle entstehen können, die geeignet sind, den multipolaren Realitäten der heutigen Welt Rechnung zu tragen. Kernwaffen werden auf absehbare Zeit Teil internationaler Machtpolitik bleiben. Gerade deshalb sind Transparenz, Kommunikationskanäle und verbindliche Obergrenzen nötig, um Fehlkalkulationen zu vermeiden.
Debakel für internationale Sicherheitspolitik
Das Auslaufen von New START ist nicht „nur“ das Ende eines Vertrages, sondern vor allem ein Symbol für den Zustand der globalen Sicherheitsordnung. Ob daraus eine neue Phase verstärkter Konfrontation oder der Impuls für innovative Abrüstungsinitiativen entsteht, hängt letztlich vom politischen Willen der beteiligten Staaten ab.
Sicher ist: Die Rolle von Nuklearwaffen bleibt zentral – und damit auch die Verantwortung, die von ihnen ausgehenden Risiken möglichst klein zu halten. Dass strategische Nuklearwaffen nun außer Kontrolle geraten können, unterläuft die internationale Sicherheitspolitik.