Die Geschichte klingt abenteuerlich. Drei Männer reiferen Alters, die zuvor nicht viel mit der Agrarwirtschaft zu tun hatten, glauben mit einem neuen Produkt die Ernten steigern, den Hunger besiegen, die Wüsten begrünen zu können. Den parallel laufenden Versuch eines renommierten Chemieprofessors, zum gleichen Ziel der Weltverbesserung durch Bodenverbesserung zu gelangen, glauben sie mit Tüftlergeschick überflügelt zu haben. Und den Schlüssel dazu hat ihnen ein glücklicher Zufall beschert.
So lässt sich grob zusammenfassen, was Mike Kuhlmann, Marc Wenzel und Daniel Weissenberger am kommenden Mittwoch in Frankfurt der Öffentlichkeit vorstellen wollen. Kuhlmann kommt aus der Werbebranche, trägt zum Sakko lässig Jogginghose und ist in der gemeinsamen Firma Alymp fürs Bildhaft-Visionäre zuständig. Im Urlaub lernte er einst Wenzel kennen, der in der Finanz- und Börsenwelt daheim ist. Weissenberger ist der Techniker im Bunde, ohne Diplom, dafür aber mit viel Praxiserfahrung, unter anderem als früherer Bundeswehrsoldat.
Was das Trio bald tonnenweise auf den Markt bringen will, sieht denkbar unspektakulär aus. Es ist eine dunkelbraune Masse, die an Kaffeesatz erinnert und wahlweise als Pulver oder flüssige Lösung eingesetzt werden kann. Darin steckt hochreine Huminsäure – und das ist, da sind sich Gartenfreunde und Bodenkundler einig, ein wahrer Wunderstoff, der das Wurzelwachstum anregt, Schadstoffe bändigt, Kohlendioxid bindet und Pflanzen die Wasseraufnahme erleichtert.
In der Natur dauert es Jahrtausende, bis Pflanzenreste zu Humus werden, dem segenbringenden Bestandteil von Mutterboden. Die drei Unternehmer, geboren zwischen 1966 und 1976, nutzen ein Verfahren, das diesen Prozess auf Stunden verkürzt und einen industriellen Einsatz ermöglichen soll.
Der „Huminator“ soll bald tonnenweise Ware produzieren
Vor einem Vierteljahr berichtete die F.A.S. über das Start-up Humify aus Teltow bei Berlin, das an derselben Idee arbeitet. Beide Firmen sind fast gleich alt, 2021 beziehungsweise 2022 gegründet. Der überraschende Unterschied: Während in Teltow, obgleich einer der bekanntesten Chemiker Deutschlands und ein erfahrener Manager dahinterstehen, bislang nur zentnerweise produziert wird, sprechen die vermeintlichen Underdogs aus Frankfurt gleich von Schiffsladungen. Die CE-Kennzeichnung für den Warenverkehr in Europa liegt auf dem Tisch. Allein in der kommenden Woche soll der „Huminator“ eine Tonne versandfertige Ware herstellen. Der erste Großkunde aus Italien hat schon bestellt.
Nun gibt es ähnliche Wettläufe oft in der Geschichte des technischen Fortschritts. Und nicht immer ist der, der unterwegs die beste Zwischenzeit hat, am Ende auch der große Gewinner. Von Humify heißt es, man mache beständig Fortschritte; mit höherem Kapitaleinsatz könne man heute auch schon größere Mengen herstellen, entscheidend sei die Wirtschaftlichkeit; womöglich könne man künftig aber auch gemeinsame Sache machen.
Die Wettbewerber aus Frankfurt, die für diesen Gedanken durchaus aufgeschlossen wirken, haben nämlich einen charmanten Trumpf im Ärmel. Ihr Vorstoß geht als mustergültiges Beispiel für die Kraft des Zufalls durch, „Serendipity“ genannt nach dem alten Märchen von den drei Prinzen aus dem persischen Serendip. Während bei Humify von Anfang an akademische Exzellenz und ausgefeilte Businesspläne vorlagen, der Weg zum Ziel sich dann aber in vielen Anläufen als mühselig erwies, scheint Alymp die Lösung geradezu in den Schoß gefallen zu sein.
Man muss einen vierten Mann anrufen, um sich das erläutern zu lassen; er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, kann sich aber als Entwicklungsleiter eines Bauchemieherstellers aus Westfalen ausweisen. Vor einigen Jahren, berichtet er, habe er nach einem organischen Füllstoff für Bitumenanstriche gesucht, um dieses am Bau unverzichtbare Material weniger umweltbelastend zu machen. Er habe das richtige Verfahren gefunden und dann aus Neugier noch ein wenig mit dem Stoff experimentiert. Dessen Eigenschaften hätten sich bei Veränderungen des pH-Werts derart gewandelt, dass er ein externes Labor hinzugezogen habe. Die Analyse habe ergeben, dass es sich um Huminsäure handelte – deren Bedeutung ihm nicht zuletzt dank der Forschungen ebenjenes von ihm sehr geschätzten Professors, der in Teltow zu den Gründern zählt, bekannt gewesen sei. Die Sache funktioniere mit jedem beliebigen pflanzlichen Abfall. „Ich habe etwas gefunden, wonach ich nicht gesucht habe“, fasst er zusammen. Und weil er ein gläubiger Christ ist, fügt er hinzu: „Erfunden hat es der liebe Gott. Hut ab vor dem Schöpfer.“
Die Erträge sollen ein „Mutterbodeninstitut“ in Frankfurt finanzieren
Über einen Umweg erfuhr Daniel Weissenberger, der Techniker und Hansdampf aus dem Alymp-Trio, von diesem Zufallsfund. Mit Kuhlmann, dem Werbe- und Kreativkopf, hatte er früher an der Veredelung von Nutzhanf gearbeitet, ohne auf diesem Feld zu durchschlagendem Erfolg zu kommen. Nun sahen sie ihre Stunde gekommen, wie sie der F.A.S. in Kuhlmanns Atelier auf einem ehemaligen Frankfurter Brauereigelände erläutern.
Gemeinsam mit dem Chemiker im Hintergrund bauten sie im Westfälischen ein Netzwerk für die Huminsäureproduktion auf. Weissenberger kam darauf, eine vorhandene Anlage zur Weiterverarbeitung zu nutzen, um den Grundstoff etwa mit Kalium, Nitrat oder Eisen anzureichern. „Die Maschine passt in einen Container, läuft ohne Unterbrechung und voll automatisiert, und sie kann überall auf der Welt betrieben werden“, schwärmt er.
Skalierbarkeit lautet nun das Zauberwort, und Bescheidenheit ist an dieser Stelle nicht gefragt. Zehn Prozent mehr Ertrag auf derselben Fläche bei 20 Prozent weniger Düngemitteleinsatz lautet das ökonomische Versprechen. Das türkische Landwirtschaftsministerium habe für seine großen Begrünungspläne schon eine Alymp-Präsentation erhalten, und die Anfrage für den Aufbau einer Produktion mit Anschluss an einen Rheinhafen sei schon gestellt. „Wir können theoretisch allein mit dem Grünschnitt aus Deutschland ganz Europa versorgen“, sagt Weissenberger. Die Kapazität von zunächst 25.000 Tonnen im Jahr lasse sich ohne Weiteres verzwanzigfachen.
Mike Kuhlmann schwebt indes Höheres vor als ein glänzendes Geschäft. Aus den Erträgen, auf die er und seine Kompagnons hoffen, soll ein „Mutterbodeninstitut“ finanziert werden, um die „Infrastruktur des Lebens“ zu erhalten. „Bloße Profitmaximierung ist doch eine lächerliche Denke“, sagt Kuhlmann. Man darf also getrost gespannt sein, wie diese abenteuerliche Geschichte weitergeht.