Stark steigende Kosten: Krankenkasse DAK warnt vor Pflegekollaps und Altersarmut

Eine der größten deutschen Krankenkassen warnt vor dem Zusammenbruch der Altenpflege und davor, dass immer mehr Heimbewohner verarmen könnten. 2026 habe die Sozialhilfequote in der vollstationären Pflege den Höchstwert von 37,1 Prozent unter allen vergleichbaren Bewohnern erreicht, teilte die DAK-Gesundheit am Donnerstag mit. Das seien 0,3 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und 1,5 mehr als 2024. Ohne Reformen werde der Quotient bis 2035 auf 43 Prozent steigen, ergab eine Sonderanalyse des Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang für die Krankenkasse.

„Die stationäre Pflege wird für immer mehr Menschen zur konkreten Armutsfalle“, sagte Kassenchef Andreas Storm. Einen weiteren Anstieg der Sozialhilfe dürfe es nicht geben: „Das Vertrauen in die soziale Pflegeversicherung schwindet, es droht ein Pflegekollaps.“ Storm forderte eine Begrenzung der Eigenanteile in den Heimen als Teil eines „neuen Finanzierungsmixes“. Tatsächlich sieht das Gutachten den SPD-Vorschlag, einen „Pflegedeckel“ einzuführen, als den besten Weg an, um die Belastungen zu verringern. Im Gespräch ist ein „Sockel-Spitze-Tausch“: dass man die Beteiligung der Versicherten an den Pflegekosten auf 1000 oder 1200 Euro im Monat begrenzt. Alle weiteren Pflegeausgaben müssten Beitrags- oder Steuerzahler aufbringen.

Derzeit ist es andersherum, sodass der „Einrichtungsbezogene Eigenanteil“ (EEE) wächst. Gegenwärtig beläuft er sich nach Angaben des Kassenverbands VDEK auf 1685 Euro im ersten und 496 Euro vom dritten Heimjahr an, weil die Pflegekassen einen Leistungszuschlag zahlen. Dieser übernimmt bis zu 75 Prozent des EEE. Rothgang zufolge ließe sich mit einem Deckel von monatlich 1000 oder 1200 Euro die Sozialhilfequote bis 2035 auf 32 bis 37 Prozent begrenzen.

Mehr als 800.000 stationär Pflegebedürftige

Allerdings müssten dazu die Pflegebeitragssätze steigen. Beim Deckel von 1200 Euro betrüge die Zunahme 2027 rund 0,1 Prozentpunkte und 2035 dann 0,4 Punkte. Die Zusatzausgaben beziffert das Gutachten für das kommende Jahr auf 2,2 und acht Jahre später auf 8,6 Milliarden Euro. 2,2 Milliarden Euro sind rund drei Prozent aller Ausgaben der Pflegekassen im Jahr 2024. Die Beitragssätze sind bereits stark gestiegen, zuletzt 2025 um 0,2 Punkte auf 3,6 Prozent für Versicherte mit einem Kind.

Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sagte der F.A.Z.: „Mit rund sechs Millionen Berechtigten ist die Pflegeversicherung eine Erfolgsgeschichte, gerade dank der Pflegeversicherung wird Armut im Alter vermieden.“ Es seien nur fünf bis sechs Prozent der Pflegebedürftigen auf Sozialleistungen durch die Hilfe zur Pflege angewiesen. „Ohne Zweifel besteht an vielen Stellen Anpassungsbedarf, den ich durch eine umfassende Reform in diesem Jahr auch angehen werde“, versprach sie.

Rothgangs Daten zufolge gibt es in Deutschland 833.000 vollstationär Pflegebedürftige. Davon erhalten etwa 309.000 die Sozialleistung „Hilfe zur Pflege“. Bis 2035 rechnet die Studie mit mehr als 356.000 Berechtigten. „Damit wird das ursprüngliche Ziel der sozialen Pflegeversicherung weit verfehlt, Sozialhilfebezug in Pflegeheimen wieder zum Ausnahmefall zu machen und pflegebedingte Verarmung abzuwenden“, so der Autor.

Sozialhilfequote seit Jahren etwa ein Drittel

Der Verband der Privatversicherungen (PKV) hält andere Zahlen parat. Danach pendelt die Sozialhilfequote seit Jahren um ein Drittel. Vor Einführung der Pflegeversicherung 1995 seien es indes mehr als 80 Prozent gewesen. „Rund zwei Drittel der Pflegeheimbewohner finanzieren ihren Eigenanteil aus eigenen Mitteln“, stellte Verbandsdirektor Florian Reuther am Donnerstag klar. „Ein Pflegedeckel würde die Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung weiter verschärfen.“ Die Beitragszahler müssten dafür zwischen 2027 und 2030 rund 9,3 Milliarden Euro zusätzlich aufbringen: „Das träfe die jüngeren Generationen und belastete den Wirtschaftsstandort Deutschland.“ Ein Deckel würde auch der nichtbedürftigen Mehrheit zugutekommen. „Die wirklich Hilfebedürftigen würden kaum profitieren, während auch Vermögende und ihre Erben entlastet würden“, so Reuther.

Der Leistungszuschlag greift heute schon für alle, unabhängig von Vermögen und Einkommen. Rothgang möchte daran festhalten. Sonst betrüge die Sozialhilfequote bereits 45 Prozent und würde bis 2035 auf 53 Prozent steigen. Andere Ökonomen sind nicht überzeugt. „Leistungszuschläge wirken nicht bedarfsgerecht, sondern nach dem Gießkannenprinzip unabhängig vom Vermögen oder der Art des Pflegeheimes“, moniert Richard Ochmann vom IGES-Institut in Berlin. „Die Zuschläge stellen einen erheblichen Kostenfaktor der Pflegeversicherung dar und belasten die Beitragszahler.“

Maximilian Stockhausen vom Institut der Deutschen Wirtschaft IW sagt, die Hilfe zur Pflege wirke viel genauer als Leistungszuschläge oder Pflegedeckel: Vor der Auszahlung berücksichtige die Bedarfsprüfung sämtliches Einkommen und Vermögen bis auf Freibeträge. „Das folgt dem Prinzip der finanziellen Eigenverantwortung und schützt dennoch vor einer Verarmung“, so Stockhausen.

Der Bezug von Hilfe zur Pflege sei nicht gleichbedeutend mit Armut: „Als Grundsicherungsleistung schützt sie doch gerade vor einer Verarmung im Pflegefall und unwürdigen Lebensbedingungen bei nicht ausreichenden finanziellen Mitteln oder unterlassener privater Vorsorge.“ Seiner Meinung nach „sollte sich die Gesellschaft von dem Stigma lösen, dass der Bezug von Hilfe zur Pflege etwas Negatives ist“.

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