Standpunkt: Eine ganz neue Rente

„Ein ganz neues System“ soll es werden in der Rente. Aber bislang hat man eher den Eindruck, dass wir ganz alte Debatten führen: Wer darf wann in Rente gehen, mit wie vielen Beitragsjahren, mit welchem Beruf? Es geht mal wieder um Grenzen. Eine Reform fürs Weitermachen, nicht fürs Aufhören, das wäre dagegen etwas Neues. Für Selbstbestimmtheit, Anreize, Motivation und Fachkräfte.

Es öffnet sich gerade ein Möglichkeitsfenster, das wir nutzen müssen. Statt nur die Grenzen neu zu setzen, sollten wir die Grenzen endlich beseitigen. Hier ist der Plan:

Die oberste Regel ist, Menschen entscheiden selbst, wann sie in Rente gehen. Es gibt ein einheitliches Mindestalter, beispielsweise 63. Für jeden Monat, den man die Rente später in Anspruch nimmt, werden 0,5 Prozent auf die Rente aufgeschlagen. Das ist versicherungsmathematisch angemessen und zugleich mehr als die bisherigen Abschläge von 0,3 Prozent vor Erreichen der Regelaltersgrenze. Die Anreize werden also stärker. Und zu mehr Frühverrentung wird das nicht führen, denn nach derzeitiger Regelung braucht man für eine Rente mit Abschlägen ab 63 nur 35 Versicherungsjahre, zu denen auch Studium, Erziehung, Arbeitslosigkeit und viele weitere Zeiten gehören.

Wie stark kann ich meine Rente durch Weiterarbeit erhöhen?

Statt Altersgrenzen kann man dann gerade die Anreize hervorstellen – mit einer großen Informationskampagne, um die Möglichkeiten des Weiterarbeitens und der Zuschläge bekannt zu machen. Denn genau das sind sie wegen der notorischen Fixierung auf Altersgrenzen bisher kaum. Die Frage sollte nicht mehr lauten, wann kann ich endlich in Rente gehen, sondern wie stark kann ich meine Rente durch Weiterarbeit erhöhen?

In diesem System kann eine besondere Lebensarbeitsleistung, wenn politisch gewünscht, auf einfache Weise honoriert werden: Man sieht beispielsweise ab einer Versicherungszeit von 40 Jahren für jedes weitere Jahr einen zusätzlichen Rentenaufschlag vor. Geht man mit 63 oder 65 in Rente, liegt diese natürlich grundsätzlich niedriger als bei der bisher vorgesehenen Regelaltersgrenze von 67. Der zusätzliche Rentenaufschlag bei langen Versicherungszeiten würde das wieder ausgleichen. Die Betroffenen würden bei vorzeitigem Renteneintritt dann genauso gestellt, wie wenn man den Renteneintritt – wie derzeit diskutiert – an die Beitragsjahre koppeln würde. Das würde ähnlich wirken wie die abschlagsfreie „Rente mit 63“ (die bis 2031 zu einer Rente mit 65 wird), nur mit einer Rampe statt einer Stufe bei 45 Beitragsjahren.

Enzo WeberIAB

Diese Modelle honorieren die Lebensleistung aber nur, wenn man auch wirklich in Frührente geht. Der Staat dankt sozusagen für die Arbeit, signalisiert aber im selben Atemzug, dass man jetzt doch besser aufhören solle. Das neue System honoriert dagegen in jedem Falle, und die Menschen können selbst entscheiden, weiterzuarbeiten und eine höhere Rente erst später in Anspruch zu nehmen.

Das ermöglicht nicht nur mehr Selbstbestimmung, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten für die Fachkräftesicherung. Und darauf ist Deutschland dringend angewiesen, denn in einer Zeit, in der durch Alterung über 15 Jahre ohne Ausgleich sieben Millionen Arbeitskräfte verloren gehen würden, bieten ältere Beschäftigte das größte inländische Potential.

Natürlich verursachen zusätzliche Rentenaufschläge Kosten – aber im Gegensatz zu einer ebenso teuren Regelung über ein niedrigeres Renteneintrittsalter gäbe es hier auch Erträge: Wenn Menschen nämlich im Job bleiben, bringt das mehr Wirtschaftsleistung und damit auch höhere Steuer- und Beitragseinnahmen.

Ein Aufschlag für Schwerarbeitende

Nun kommen Schwerarbeitende selten auf viele Beitragsjahre. Möchte man ihnen dennoch einen früheren Weg in die Rente ebnen, wäre auch das möglich: nämlich, indem man für eine bestimmte Zahl von Jahren in einem besonders belastenden Beruf einen zusätzlichen Rentenaufschlag vornimmt. Die Auswahl der Tätigkeiten wäre sicherlich der kritische Punkt, man könnte zumindest auf Erfahrungen im Ausland wie mit der Schwerarbeitspension in Österreich schauen.

Auch hier könnten die Menschen dann entscheiden, mit dem Schwerarbeitsaufschlag vorzeitig in Rente zu gehen. Aber wir sollten alles daransetzen, dass sie auch anders entscheiden können. Das geht, wenn man Menschen in belastenden Berufen nicht frühzeitig aussortiert, sondern rechtzeitig und systematisch in Tätigkeiten mit längerer Perspektive weiterentwickelt. Dabei soll es normalerweise nicht um komplette Umschulungen gehen, sondern um andere Rollen und verwandte Tätigkeiten, in denen Stärken weiter genutzt werden können. Das wäre ein arbeitsmarktpolitisches Programm wert.

Ein System des selbstbestimmten Weiterarbeitens würde zuletzt bedeuten, Hürden aus dem Weg zu räumen. Arbeits- und Tarifverträge sehen üblicherweise vor, dass die Beschäftigungsverhältnisse an der Regelaltersgrenze enden. Hier könnte es ermöglicht werden zu regeln, dass sie nur enden, wenn das explizit gewünscht ist. Damit wäre der Standard umgekehrt und der eingeschlagene Pflock herausgezogen, der im Moment automatisch Fakten schafft.

Eine Reform für Arbeit und für Respekt vor der individuellen Leistung: Plus auf die Rente statt Minus auf das Renteneintrittsalter, und dann entscheiden die Menschen selbst und werden bestmöglich unterstützt. Das wäre tatsächlich „ein ganz neues System“.

Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

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