Standort z. Hd. Investoren: Deutsche Bank sieht Deutschland qua Turnaround-Story

Die neue Bundesregierung hat nach Ansicht der Deutschen Bank einen Kurswechsel vollzogen. „Wussten Sie, dass in den vergangenen zehn Monaten mehr wirtschaftsfreundliche Reformen verabschiedet wurden als in den vergangenen zehn Jahren“, fragte Alexander von zur Mühlen. Das Vorstandsmitglied für Asien und Deutschland fügte vor Kunden auf einem Neujahrsempfang der Deutschen Bank in Frankfurt hinzu: „Das ist richtig gut.“ Dieses Signal komme auch im Ausland an in einer Zeit, in der die USA etwas weniger verlässlich wirkten und auch eine Alternative zu China gesucht werde. Zur Mühlen nannte als Beispiele das chinesische Unternehmen JD.com mit dem Kauf von Ceconomy („Media Markt“) und ein Staatsunternehmen aus Abu Dhabi, das gerade den Dax-Konzern Covestro erwarb.

Alexander von zur Mühlen, Vorstandsmitglied der Deutsche Bank.Frank Röth

Noch gebe es keine Erfolgsgeschichte zu erzählen, fuhr zur Mühlen fort. Viele Branchen – Auto, Maschinenbau, Chemie – stünden „massiv unter Druck“. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft von voraussichtlich mindestens einem Prozent in 2026 werde von staatlichen Investitionen getrieben. Die Wachstumsraten der USA und Chinas würden auch dieses Jahr von Deutschland nicht erreicht. „Aber wir sind die spannendere Turnaround-Story“, sagte zur Mühlen. Gleichzeitig machte der Deutsche-Bank-Vorstand deutlich, dass für die deutsche Wirtschaft ein Wachstum von 2,5 Prozent im Jahr nötig wäre, um „unser aktuelles Rentenniveau stabil zu halten“. Auch in die derzeitige Debatte um (zu viel) Teilzeit mischte er sich ein. Es brauche eine neue Leistungsmentalität, die Bereitschaft zur „Extra-Meile“. „In Deutschland arbeiten die Beschäftigten heute laut OECD 26 Stunden je Woche, der Durchschnitt liegt bei 33. Wenn wir daran nichts ändern, landen wir im Mittelmaß“, mahnte zur Mühlen.

Chips und KI für China und USA Hebel geopolitischer Macht

China und die USA hätten erkannt, dass Chips, Künstliche Intelligenz (KI) und Biotechnik wesentliche Hebel geopolitischer Macht seien. Zur Mühlen verwies darauf, dass in den USA Staat und Privatwirtschaft gemeinsam investierten, in Deutschland dagegen fehlten private Investitionen. Zur Mühlen erinnerte daran, dass allein die vier US-Tech-Giganten Google, Amazon, Microsoft und Meta im vergangenen Jahr 500 Milliarden Dollar in die Entwicklung von KI-Systemen steckten. „Das ist fast so viel wie das ganze deutsche Sondervermögen für die kommenden zwölf Jahre“, sagte er. Deutsche Unternehmen müssten hier mitgestalten, nicht zusehen. Handelshemmnisse in Europa seien abzubauen. Sie wirkten trotz Binnenmarkt, als ob im Warenverkehr Zölle von 45 Prozent und für Dienstleistungen von 110 Prozent erhoben würden.

Dank weniger bekannter Marktführer im Mittelstand könne die deutsche Wirtschaft in der Welt vorn mitspielen, machte zur Mühlen Mut. Auch würden Konzerne wie Siemens, BMW und Mercedes gerade von US-Unternehmen wie Nvidia, Qualcomm und AWS „umschmeichelt“, wenn es darum gehe, KI in physische Systeme, also auf ihre Umwelt reagierende Roboter, zu integrieren. Deutschland wirke sehr verlässlich auf Staaten des globalen Südens, die immer wichtiger würden, Indien sei etwa bald drittgrößte Volkswirtschaft. „Die Welt wird konfrontativer, Handelskorridore verschieben sich, der globale Handel wird weiter wachsen“, lautete ein Fazit zur Mühlens.

Source: faz.net