Stadt-Land-Doppelleben: Pingpong zwischen Berliner Trubel und Eifel-Idylle

Vorne Ku’damm, hinten Waldhaus. So könnte man mein Lebensmodell – angelehnt an Kurt Tucholskys Zeile „Vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“ aus dem Gedicht „Das Ideal“ – in einen Satz packen. Vor einem Jahr habe ich begonnen, ein duales Hausleben zu führen, an zwei Orten zugleich heimisch zu werden. Mit zwei Adressen, zwei Schlüsselbunden, zwei Stromverträgen.

Rund 100 Jahre nachdem Tucholsky die Unmöglichkeit eines ländlich-mondänen Lebens, das alles will, beschrieb, mache ich einen praktischen und emotionalen Selbstversuch: Kann man parallel Wurzeln in zwei Häusern schlagen, die rund 600 Kilometer voneinander entfernt sind? Zwei Nester bauen und sich in ihnen sicher, ruhig und glücklich fühlen? Oder ist dieses Doppelleben nur purer Stress?

Dazwischen: Travelling with Deutsche Bahn

Natürlich kann man das alles erst einmal als Luxus sehen. Gesagt sei aber auch: Wir haben unsere Quadratmeter im Vergleich zu unserer vorherigen Mono-Wohnform lediglich auf zwei Standorte aufgeteilt. Zuvor lebten wir 16 Jahre lang in Niedersachsen. Dieses Zuhause gaben wir auf. Für ein Appartement in Berlin-Charlottenburg, fünf Minuten mit dem Rad vom Ku’damm entfernt, und einen Vierkanthof in Alleinlage in der Nordeifel, an dem am Wochenende mal der ein oder andere Wanderer vorbeiläuft.

Dazwischen: Travelling with Deutsche Bahn. Sechs, sieben, acht Stunden. Große Koffer mit Fachbüchern und schweren Schuhen vorschicken. Den kleinen Koffer hinter sich herzerren. Um von der Rosamunde-Pilcher-Idylle in der Einöde in die 3,7-Millionen-Einwohner-Stadt zu kommen. Und zurück.

Es braucht Training

Um ehrlich zu sein: In den neuen Alltag zwischen zwei Residenzen finde ich mich noch hinein. Er braucht Training. Ich muss erst warm werden mit diesem Leben, das sich wie ein neuer, unbekannter Aggregatzustand anfühlt. Jedes Mal ist der Wechsel vom Land in die Metropole eine Reise vom Pianissimo ins Fortissimo. Vom Innen ins Außen. Die eher kleine Stadtwohnung im bürgerlichen Charlottenburg ist – Überraschung! – viel lauter als gedacht. Gerade gibt es eine Baustelle zur Straße, eine Baustelle im Innenhof, eine Baustelle nebenan. Es bohrt und hämmert und kreischt von 7 Uhr in der Früh an. Der Nachbar gegenüber spielt wunderbar Bach am Klavier, das Baby oben schreit, Müllmänner lärmen mit den Tonnen. Ständig klingeln Paketboten und stellen Lieferungen für die Nachbarn ab. Gerade hat unten noch eine Klangschalen-Therapeutin eine Praxis eröffnet.

Auf dem Land dagegen ist es so ruhig, dass man seine eigenen Gedanken zu hören glaubt. Laut sind nur die Espressomaschine und die Wildschweine. Letztere, wenn sie sich nachts laut um die ölreichen Walnüsse auf der Streuobstwiese streiten. Sonst schaut lediglich ab und zu ein Hermelin durch das Küchenfenster. Im Sommer hing eine meterlange Schlange an der Fassade neben der Eingangstür und wand sich dramatisch züngelnd auf den warmen Steinen entlang: eine eher seltene Schlingnatter, mit einer kronenförmigen Zeichnung auf dem Kopf. „Sie wird ihr Nest hier am Haus haben“, sagte der örtliche Jäger, dem wir die Videos dieser Hofbewohnerin zeigten. Ein Nest. So wie wir. Wir haben sie Gisela getauft.

In Berlin erst einmal zum Barista ins Bobo-Café

Wichtig für das veritable Einwurzeln auf Zeit am jeweils anderen Ort sind die Transitionstage. Das bewusste Ankommen. Schön auf dem Land ist immer der erste Morgen nach der Rückkehr aus der Stadt. Mit dem Blick aus dem Arbeitszimmer über die Hügel des Rheintals. Ausatmen. Der Moment, in dem Hofhund Kenai mich freudig begrüßt, wenn ich noch im Nachthemd die Tür öffne und den Morgentee auf den Stufen trinke. Egal bei welcher Temperatur. Vielleicht sind es überhaupt diese kleinen Rituale, die die Basis für das Ankommen an einem Ort und sich selbst bauen.

In Berlin heißt das Ritual: Einen großen Blumenstrauß schon bei der Ankunft am Bahnhof Spandau kaufen und mit ihm samt Trolley nach Charlottenburg düsen, am Funkturm vorbei. Erst Blumen in die Vase, dann Hände waschen. Am ersten Morgen in der Stadt zum nahen Bobo-Café rübergehen und ein wirklich hervorragendes Pain au chocolat und einen überteuerten Milchcafé bei einem der englisch sprechenden Baristas mit merkwürdig bedruckten T-Shirts bestellen. Mit dem roten Klapperrad (in einem Schöneberger Hinterhof von einem Bastler gekauft) Richtung Ku’damm rollen und der Herzensfreundin Hallo sagen, die auch gerade in die Stadt und das Viertel gezogen ist. Und ebenfalls zwischen Stadt und Land wechselt.

Es fühlte sich fast wie in einem Airbnb an

Eine meist erzwungene örtliche Doppelexistenz kennen manche Familien ja vom klassischen Pendelleben: Während der Woche ist einer der Partner auswärts im Job und wohnt in einer kleinen Butze. Es folgt dann ein langes Wochenende daheim mit der Familie im „richtigen“ Haus. Bei uns ist die Lage anders, denn wir haben uns auf das Pingpong-Leben zwischen Stadtwohnung und Landhaus bewusst eingelassen. Zuerst fühlte sich die Etagenwohnung fremd an, fast wie ein Airbnb. Der innere Zuhause-Regler verschiebt sich aber gerade immer mehr hin zu Berlin, je öfter wir dort leben. Der Kleine-Prinz-Effekt, vielleicht. Sich einen Ort zu eigen machen, indem man sich um ihn kümmert.

Zwar ist das Zuhause an der Spree schwerpunktmäßig als Standort für den Beruf konzipiert, denn hier finden eben geballt Termine und Kontakte statt. Aber es ist auch unser Wunsch, dass die ganze Familie in der Hauptstadt ein Standbein in einer neuen Lebensphase hat. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, aber alle gerne zusammen sein wollen.

Der Wechsel zwischen dem Charlottenburger Kiez – samt persischen Cafés, Autorenbuchhandlung und Weinhandlung namens „Suff“ – und dem einsamen Hügelhaus ist bislang eine Bereicherung. Auch wenn man als Familie immer wieder Kalenderkonferenzen wie im Bundespräsidialamt ansetzen und als Paar sorgfältig darauf achten muss, dass man genug gemeinsames Leben hat und der Partner nicht zu einem fernen Satelliten verkommt.

Alles doppelt

Unterschätzt habe ich allerdings die Tücken der doppelten Möblierung. Was zuerst als lässiges Aufteilen eines zentralen Möbelfundus gedacht war, stellt sich im real existierenden Leben als teures Problem heraus. Der kleine Glastisch aus Studienzeiten, der – mit einer prachtvollen französischen Decke gepimpt – in Berlin bisher als Esstisch dient, ist viel zu beengt schon für vier Leute. In der Hauptstadt fallen ständig Gäste ein. Sollen die weiter Lasagne auf dem Sofa essen? Eigentlich muss dringend ein ausziehbarer Tisch für sechs bis 14 Personen her. Ohne lange Tafel ist für mich ohnehin ein Zuhause kein richtiges Heim.

Leise rieselt der Schnee: Winterlandschaft in der Eifeldpa

Im Landhaus stehen zwei große Tische, die wir aber dort für die regelmäßigen Besuche des Familienclans brauchen. Der Ehemann meint, ein dritter langer Tisch sei „nice to have, aber nicht Prio 1“. Ich habe den größten Tulip Table von Eero Saarinen auf der Wunschliste (Gruselpreis, no way), schaue ständig nach bezahlbaren Vintage-Tischen (den perfekten habe ich neulich durch Zaudern verpasst) und überlege, wie ich mit Böcken und Platten vielleicht eine Zero-Budget-Lösung bauen kann.

Der Salon braucht noch Vorhänge und Raffrollos, denn im Winter sehen die Nachbarn von gegenüber auf unser beleuchtetes Leben wie auf eine Opernbühne. In der Küche fehlen zwei Bistrostühle, die alten weißen Plastikmodelle sehen grauenvoll aus. Dafür habe ich bei Ebay nach Wochen einen Superschnapp mit einem gebrauchten Silberbesteck für 12 Personen gemacht. Müssen die Gäste halt erst einmal stehen, immerhin gibt es 1-a-Gabeln. Und für meinen Freund Wilhelm anständige Teetassen.

Es ist die Atmosphäre, die ein Zuhause ausmacht

Das Hauptproblem in Berlin ist, sich all der Freunde der Kinder zu erwehren, die dort nächtigen wollen. Eigentlich sollte Berlin auch zum Refugium der über 20 Jahre geplagten Mutter werden. Vorletzte Woche war jedoch ein mir bis dato unbekannter, aber angeblich als Star-DJ gefeierter Achtzehnjähriger als Übernachtungsgast auf dem Daybed im Salon angekündigt. Letzte Woche wurde mein Bett von einem Studi-Praktikanten belegt. Gerade ist zudem noch die Kindergartenfreundin meines Sohnes da. Dann möchten die Freundinnen der Tochter aus Taiwan, Italien und Venezuela kommen. Die Lage eskaliert manchmal so sehr, dass ich zu einer befreundeten Familie nach Brandenburg ziehe, wenn es zu voll wird.

Trotz der Horden, die in Berlin einfallen, und der Einsamkeit des Landhauses, in dem der soziale Höhepunkt des Tages oft das Klingeln des Briefträgers ist: Ich fühle mich tatsächlich an beiden Orten zu Hause. Es ist die Atmosphäre, die ein Haus zum Heim macht. Die Gestaltung der Räume, die Möbel, die eigenen Farben, Bücher. Und die Magie des Geruchs. Ich habe an beiden Orten dieselbe Duftkerze namens „Feu de Bois“, Holzfeuer, von Diptyque. Nach ihr riechen meine Häuser seit 25 Jahren, über Länder und Behausungen hinweg. Und an beide Orte kommen Menschen zum Essen. Deshalb das viele, viele Besteck. Nichts wäre trauriger, als allein mit einem Löffel einen Joghurtbecher vor dem Computer auszukratzen. Chili con carne für zwölf Personen! Rote Linsenbällchen und Aperol für zehn!

Dass sich sowohl die neue Etagenwohnung als auch das dreihundert Jahre alte Landhaus so zuhausig anfühlen, war nicht selbstverständlich. Denn wir haben dort noch keine langen Lebensgeschichten in ihre Räume eingeschrieben. Anders als in Niedersachsen. Dort waren wir enorm sozial eingebunden im örtlichen Kulturhaus und der Kirchengemeinde, hatten einen großen Freundeskreis. Aber: Die kommen nun alle nach Berlin. Ich brauche wirklich dringend diesen langen, langen Esstisch. Und ja: Manchmal, wenn ich in Berlin im Bett liege und die Lichter der Stadt ins Schlafzimmer scheinen, denke ich an Gisela, die Schlange, in meinem anderen Haus, die in den Steinen ihr Nest hat.

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