Staat steuert hinauf Zinskosten solange bis 150 Milliarden Euro pro Jahr zu

Stand: 24.03.2026 • 06:25 Uhr

Der Ausverkauf bei deutschen Staatsanleihen infolge des Iran-Kriegs hat die Renditen der Wertpapiere in die Höhe getrieben. Das könnte für Experten zufolge zum Problem werden – für den Bund.

Finanzexperten halten die seit Beginn des Iran-Kriegs drastisch gestiegenen Renditen für deutsche Bundesanleihen mittelfristig für problematisch. Auf Dauer könnten die staatlichen Finanzierungskosten deutlich nach oben klettern, prognostizieren Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) gegenüber Reuters.

Rendite zehnjähriger Bundesanleihen über drei Prozent

Über Staatsanleihen können sich Staaten langfristig Geld bei Investoren leihen. Diese bekommen dafür jedes Jahr einen festgelegten Zins und am Ende der Laufzeit den vollen Kapitalbetrag zurück. Auf diese Art nehmen Länder Schulden auf, um über Steuereinnahmen hinaus ihren Haushalt zu finanzieren.

Wenn viele Anleger ihre Staatsanleihen gleichzeitig verkaufen, fällt der Kurs der Papiere. Damit steigt andersherum die Rendite für Anleger, die neu zugreifen. Genau das geschieht derzeit: Zuletzt stieg die effektive Verzinsung für deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit über die Marke von drei Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2011. Vor Kriegsbeginn lag sie noch bei etwa 2,7 Prozent.

Kurzfristig sei das „gut verkraftbar“, so ZEW-Ökonom Heinemann. „Rechnerisch belastet dieser Anstieg den Bund auf Jahresfrist mit überschaubaren 1,5 Milliarden Euro.“ Dennoch sei er „brisant“, warnte der Finanzexperte.

Die Rendite von Anleihen

Die effektive Verzinsung einer Staatsanleihe nennt man Rendite. Eine Rolle spielt dabei die Laufzeit. Für längere Bonds gibt es mehr Zinsen, da die Investoren ihr Geld länger los sind – mit allen Risiken. Entscheidend für die Rendite sind aber vor allem der Zins und der Kurs. Wenn eine Anleihe bei der Ausgabe 100 Euro wert ist und pro Jahr mit drei Prozent verzinst wird, ist der Zins auch gleichzeitig die jährliche Rendite – in diesem Beispiel wären es drei Euro.

Das setzt aber voraus, dass die Anleihe bis zur Fälligkeit gehalten wird. Die Papiere werden jedoch dauernd am Markt gehandelt, sodass sich der Kurs stetig verändert. Wenn viele Investoren sie aus dem Depot werfen, sinkt der Kurs. Für Anleger, die neu zugreifen, steigt daraufhin die Rendite. Fällt der Kurs von 100 auf 90 Euro, bezieht sich der Zins auf den neuen Kurs, und die laufende Rendite steigt auf 3,33 Prozent. Rendite und Kurs entwickelt sich am Anleihemarkt also gegenläufig.

Vertrauen der Anleger schwindet

Deutschland ist wegen seiner Top-Bonitätsnote AAA meist ein gefragter Schuldner bei Pensionsfonds, Zentralbanken oder Versicherer. Wenn die Rendite von Staatsanleihen aber nach oben geht, ist das ein Zeichen für sinkendes Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit des Schuldners – ein Warnsignal also. Die Investoren sehen ein höheres Risiko – auch für Deutschland.

Früher hätten Bundesanleihen als sicherer Hafen gegolten und bei Kriegen eher von Kursgewinnen profitiert, sodass die Renditen fielen, sagt Heinemann. „Dies gilt nicht länger.“ Euro-Staatsanleihen würden heute bei geopolitischen Krisen eher mit wachsenden Risikoprämien belegt, was einen starken Reputationsverlust belege.

Bei der Ausgabe neuer Anleihen oder der Aufstockung bestehender Bonds muss sich der Staat stets an den aktuellen Renditen orientieren und gegebenenfalls höhere Zinsen bieten. Dazu kommt: Angesichts wachsender Inflationsgefahren infolge des Krieges steigt derzeit auch das allgemeine Zinsniveau. So fasst die Europäischen Zentralbank (EZB) Insidern zufolge eine baldige Zinserhöhung ins Auge.

Bund will so viele Schulden aufnehmen wie noch nie

Um die Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung zu finanzieren, will der Bund in diesem Jahr die Rekordsumme 512 Milliarden Euro bei Investoren durch die Auktion von Wertpapieren einsammeln. Allein im zweiten Quartal sollen 115,5 Milliarden Euro in die Staatskassen gespült werden, wie die zuständige Finanzagentur zu Wochenbeginn mitteilte.

Die Höhe der Schulden von Bund, Ländern und Gemeinden dürfte in den kommenden Jahren durch das Sondervermögen und die schuldenfinanzierten Verteidigungsausgaben in Richtung vier Billionen Euro klettern, meint Heinemann. Länder und Gemeinden müssten dabei noch höhere Zinsen als der Bund zahlen, um den Anlegern den Kauf von Anleihen schmackhaft zu machen.

„Deutschland steuert daher bei den Zinskosten aller Ebenen auf Beträge von 120 bis 150 Milliarden Euro pro Jahr zu“, sagte Heinemann. „Früher konnte Deutschland aus seinen Schulden herauswachsen, so ein Szenario wird immer unrealistischer.“

Haushaltsplanung dürfte schwieriger werden

Auch nach den Worten von LBBW-Analyst Elmar Völker treibt die Reaktion der Anleihemärkte auf den Iran-Krieg – wachsende Inflationssorgen, Spekulation auf EZB-Zinsanhebungen – die Kosten für den Staat nach oben. „Die finalen Auswirkungen lassen sich in dieser frühen Phase nach dem Schock noch schwer abschätzen“, so der Experte. Hielten die ersten Effekte an oder bauten sich diese infolge anhaltender Disruption in den Lieferketten weiter auf, dürften sich die ohnehin schon bestehenden Nöte der Regierung in der Haushaltsplanung absehbar weiter vergrößern.

Andere Euro-Länder müssen derweil noch weit höhere Zinsen bezahlen als Deutschland. In Italien liegt die Rendite bei vier Prozent, in Frankreich knapp darunter. „In diesen Ländern droht das Schuldenwachstum außer Kontrolle zu geraten“, warnte ZEW-Experte Heinemann. „Die Wahrscheinlichkeit einer Schuldenkrise steigt.“ Dadurch könnte die EZB in ein Dilemma geraten. Zur Inflationsbekämpfung seien Zinserhöhungen angesagt, welche die Euro-Mitgliedstaaten aber fiskalisch in die Krise stürzen könnten.

Mit Informationen von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion.

Source: tagesschau.de