Spritpreise in Deutschland: Warum Tankstellen so oft die Preise steigern

Die Höhe der Preise an deutschen Tankstellen ist derzeit nicht das einzige Ärgernis für Autofahrer und Autofahrerinnen. Die Preise ändern sich auch noch ständig. Zwar kann man sich über diverse Apps informieren. Aber bis man bei der vermeintlich günstigsten Tankstelle im Umkreis angekommen ist, können die Preise schon wieder gestiegen sein.

Die Bundesregierung hat diese Woche ein Gesetz auf den Weg gebracht,
laut dem Tankstellen ihre Preise nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr
mittags, erhöhen dürfen. Aber was verändert das wirklich? Das hat die ZEIT mit Daten der App Tankerkönig für alle 14.999 Tankstellen in Deutschland ausgewertet. Der ZEIT-Analyse zufolge wird der Preis einer Spritsorte jeden Tag im Durchschnitt sieben- bis achtmal erhöht. Doch es gibt erhebliche Unterschiede je nach Tankstelle. Und sogar zwischen Bundesländern.

Zwei Drittel der Tankstellen erhöhen die Preise für E5 mehr als siebenmal am Tag. Die Werte für andere Spritsorten unterscheiden sich kaum. Typischerweise steigt der Preis in den Morgenstunden steil und fällt dann bis zum Abend tendenziell, wobei zwischenzeitliche kleinere Erhöhungen für einen Zickzackkurs und damit Unberechenbarkeit für die Autofahrer sorgen.

Hört man sich in der Branche nach den Gründen für diese Praxis um, wiederholt sich ein Wort ständig: Wettbewerb. „Die Preisschwankungen im Tagesverlauf liegen am extremen
Preiswettbewerb zwischen den Anbietern in einem hochtransparenten Markt mit
hoher räumlicher Kundenflexibilität“, heißt es vom Verband der Mineralölindustrie en2x, in dem etwa Shell, Esso und BP (Marke Aral) Mitglied sind. In anderen Worten: Die Kundinnen und Kunden schauen nach den Preisen, etwa über besagte Apps, und fahren zu der Tankstelle, die am günstigsten ist. Die Branche muss sich somit stark an den Preisen der Konkurrenz orientieren.

Laut en2x sinke seit der Jahrtausendwende der Spritabsatz. Die Anzahl der Tankstellen sei im
Verhältnis dazu nicht im gleichen
Maße gesunken. Das habe den Preiswettbewerb deutlich verschärft. Der Bundesverband Freier Tankstellen fasst es so zusammen: „Die häufig kritisierte Preisdynamik ist in Wirklichkeit Ausdruck intensiven Wettbewerbs – nicht dessen Gegenteil.“ 

Aber wer entscheidet überhaupt über die Preise? Die Inhaber der Tankstellen sind es nur in wenigen Fällen. „Wir kriegen von Preisänderungen gar nichts mit“, sagt Herbert Rabl, Sprecher des Tankstelleninteressenverbands, der die Pächter vertritt. „In den Zentralen der Mineralölgesellschaften sitzen Menschen und Maschinen, die Verkehrswege, Verkaufsverhalten und all das analysieren, teilweise noch händisch, teilweise über algorithmische Preisbildung. Und die spielen uns den Preis direkt auf die Zapfsäule.“ Zumindest funktioniere es so bei den großen Ketten. Shell, Aral, Total, Avia, Esso und Jet beherrschen zusammen fast 60 Prozent des Marktes.

Kleinere Ketten gehen nach ähnlichen Methoden vor. „Grundlage der Preisentscheidungen sind insbesondere
Einkaufspreise, die Wettbewerbssituation im lokalen Umfeld, die Tageszeit sowie
typische Nachfragemuster“, heißt es vom Team-Konzern, der in Deutschland nach eigenen Angaben über 70 Tankstellen und 100 Automatenstationen betreibt. Es könnten „auch historische und
aktuelle Nachfrageindikatoren (zum Beispiel Verkehrsaufkommen) berücksichtigt werden.
Ebenso hat die Anzahl und Preispositionierung umliegender Tankstellen einen
wesentlichen Einfluss.“

Gleichzeitig gibt es eine relevante Zahl an Tankstellen, die den Preis deutlich seltener erhöhen. 8,7 Prozent gehen laut ZEIT-Analyse sogar im Schnitt nur einmal am Tag nach oben. Die meisten davon sind freie Tankstellen, die laut Bundesverband etwa ein Fünftel des Marktes ausmachen.

Warum entscheiden sich manche Tankstellen für eine Strategie, die der Großteil der Konkurrenz für undenkbar hält?

„Weil der Kunde in meinen Augen veräppelt wird“, sagt der Inhaber einer freien Tankstelle im südlichen Baden-Württemberg, der laut der Daten auch nach Kriegsanbruch im Schnitt weniger als einmal am Tag die Preise erhöht hat. „Es kann nicht
sein, dass der Kunde, der morgens tankt, beschissen wird im Vergleich zu dem
Kunden, der abends tankt. Es kann nicht sein, dass der kleine selbstständige
Handwerker bestraft wird, weil seine Arbeiter vormittags oder vor der Arbeit
zum Tanken gehen und nicht abends nach Feierabend.“ Seinen Kunden würde auffallen, dass er so selten die Preise ändere, sie wüssten das zu schätzen.

Grundsätzlich funktioniert die Preisbildung an freien Tankstellen aber nach ähnlichen Mechanismen wie bei den großen Ketten. Zum einen ist der Einkaufspreis entscheidend. „Die Lieferanten sagen uns, was sie wollen für den Sprit“, sagt der schwäbische Inhaber. „Und
jetzt hast du die Qual der Wahl. Kaufe ich oder kaufe ich nicht? Ist es morgen
günstiger oder teurer? Das ist wie Lotto spielen.“ Als freie Tankstelle kann er den Lieferanten regelmäßig wechseln und tut das auch. Außerdem beobachtet der Geschäftsmann die Konkurrenz: „Nehmen wir an, ich kaufe teurer ein und alle anderen
Tankstellen gehen im Preis zurück, dann tankt bei mir keiner zum teuren Preis.
Also muss ich dieses Preisgefüge im groben Rahmen mitspielen und mitmachen – nur
halt nicht täglich zehnmal.“

Mittlerer Preis der Tankstellen in Deutschland

Aus dem Faktor Konkurrenz kann man auch eine Erklärung dafür ableiten, warum Tankstellen je nach Bundesland unterschiedlich oft die Preise erhöhen. Frederick Beckmann, CEO der Q1 Energie AG, die über 230 Tankstellen betreibt, erklärt es so: „Je mehr Stationen im direkten Umfeld sind, desto intensiver ist der Preiswettbewerb und desto häufiger werden Preise angepasst.“

Weil es tendenziell dort viele Tankstellen gibt, wo viele Menschen wohnen und Auto fahren, ähnelt die Rangfolge der durchschnittlichen Preiserhöhungen stark der Bevölkerungsdichte. Nur Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein fallen aus dem Muster.

Kurioserweise finden sich unter den Tankstellen mit den wenigsten Änderungen aber auch einige der großen Ketten: Avia, Esso und Aral. Diese liegen in der Regel an den großen Autobahnen. Dort sind die Preise zwar höher – aber sie werden seltener geändert. Die Konkurrenz ist eben nicht so groß. Laut Rabl vom Tankstelleninteressenverband lässt sich an Autobahnen außerdem besser vorhersagen, wie viel Verkehr sein wird, also wie groß die Nachfrage ist.

Ein neues Phänomen ist der wilde Preistanz jedenfalls nicht. Die ZEIT-Analyse zeigt, dass es kaum weniger Erhöhungen gab, bevor die USA und Israel den Iran angegriffen haben.

Tatsächlich wurden die Preise nach Kriegsbeginn sogar etwas stabiler. Denn was sich verändert hat, ist die Zahl der Senkungen. Diese ging in den 13 Tagen nach dem Angriff von 16,2 auf 14,8 zurück. Inzwischen werden die Preise an Tankstellen wieder öfter gesenkt: 15,6-mal am Tag, wenn man ab dem 14. Kriegstag rechnet. Es ist also eine gewisse Normalisierung zu beobachten – auf hohem Preisniveau wohlgemerkt.

Ab Anfang April haben zumindest die zahlreichen Erhöhungen ein Ende. Dann soll das Gesetz der Bundesregierung in Kraft treten. Doch Branchenvertreter und Expertinnen bezweifeln, dass es auch zu niedrigeren Preisen führt.


„Was mache ich, wenn ich nur einmal am Tag den Preis erhöhen
darf? Dann erhöhe ich doch ein bisschen mehr, weil runter kann ich immer
noch“, sagt der schwäbische Tankstelleninhaber. „Also nicht ich“, schiebt er noch nach, „die Mineralölgesellschaften.“

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