Spotify Wrapped oder: Höre Musik, qua ob keiner zuschaut

Spotify Wrapped oder: Höre Musik, qua ob keiner zuschaut

Als Kind wünschte sich unser Kolumnist, er könne durchschauen, was andere gerade für Musik hören. Dank Spotify Wrapped ist das kein Geheimnis mehr. Nur: Wer hört jetzt noch Musik, die nicht zum erwünschten Selbstbild passt?


Was er wohl hört?

Foto: Immo Wegmann/ Unsplash


Wenig hat mich als kindlichen Leser der Harry-Potter-Bücher so sehr fasziniert wie ein magischer Gegenstand, der darin vorkommt. Er hört auf den Namen „Karte des Rumtreibers“. Es handelt sich um ein Papier, auf dem sich alle Winkel eines Gebäudes mitsamt allen Personen darin in Echtzeit nachvollziehen lassen. Ein Kind der aktuellen Generation wird das wohl kaum noch begeistern, denn längst ist so eine Karte ja keine reine Fiktion mehr: So gut wie jeder hat eine in der Hosentasche.

Gerne hätte ich gewusst, was der Punk in der Straßenbahn hört

Als ähnlich reizvoll, wie immer wissen zu können, wo meine Freunde gerade sind, empfand ich die Vorstellung, Kopfhörerkabel durchschauen zu können: Was hören alle so, was hören die Jungs und Mädchen aus den höheren Klassen, was hört der Punk in der Straßenbahn? Nun gibt es kaum noch Kopfhörerkabel, aber weite Teile dieser kindisch-magischen Fiktion haben sich in Realität übersetzt. Spätestens seit den pandemischen Jahren vergeht kein Jahresende, ohne dass ich die musikalischen Jahresrückblicke meines Umfelds mitgeteilt bekomme. Sie hören auf den Namen: Spotify Wrapped.

Der Name ist ein Wortspiel, denn mit „wrapped“ bezeichnet man im Englischen sowohl etwas buchstäblich Eingepacktes – ein Geschenk etwa – als auch eine Zusammenfassung. „Spotify Wrapped“ ist eine schick animierte, individuelle musikalische Retrospektive, erzeugt aus den statistischen Daten, die der Musik-Streaminganbieter laufend von seinen Nutzer*innen sammelt. Auch wenn einige den Verdacht hegen, dass die Statistiken ungenau oder gar frisiert sein könnten, hat es Spotify geschafft, die jährliche Veröffentlichung dieses Datenpakets zu einem gern geteilten Highlight für viele werden zu lassen. Ein netter Nebeneffekt für Spotify: Wer will sich noch über unfreiwillige Datensammelei beschweren, wenn sie so hübsch aufbereitet wird?

Junge Eltern sind schnell enttarnt, anhand der Kinderlieder in ihren Statistiken

Nun kann ich also sehen, wer was das ganze Jahr über zu hören pflegt. In einigen Statistiken erkenne ich die jungen Eltern, auf deren Geräten schon längst öfter Kinderlieder und Einschlafgeschichten laufen als alles andere. Beim Blick auf andere stellt sich die sozial wohltuende Erkenntnis ein, dass man den Musikgeschmack genau richtig eingeschätzt hätte. Und bei wieder anderen bin ich fast verleitet, nachzufragen: Das hörst du also?

Meine eigenen Statistiken teile ich allerdings eher ungern. Der Grund dafür ist ein Effekt, den die Sozialwissenschaften unter dem Begriff „Reaktivität“ kennen. Reaktivität stellt sich ein, wenn Menschen wissen, dass ihr Verhalten beobachtet und beurteilt wird. Kurz gesagt: Man wird nicht gut herausfinden können, ob ein Mensch wirklich effektiv arbeitet, wenn den ganzen Tag der Chef neben dem Schreibtisch sitzt. Oder: Die Spendenbereitschaft von Menschen steigt, wenn sie wissen, dass ihre Großzügigkeit gesehen werden kann (was das Konzept „Spendengala“ vollumfänglich erklärt).

Wie sieht es denn aus, wenn ein Metal-Fan einen Sommer lang Peter Maffay hört?

Wer also ahnt, dass der eigene Musikgeschmack am Ende eines jeden Jahres einer allgemeinen Beurteilung ausgesetzt wird, der denkt daran – vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst – auch im laufenden Jahr. Und wie sähe das denn aus, wenn man sich als eingefleischter Metal-Fan über einen Sommer hinweg eine schwer erklärliche Obsession mit dem neuen Livealbum von Peter Maffay zugezogen hätte? Oder: Wird man schrecklich altmodisch wirken, wenn unter den fünf meistgehörten Songs keiner jünger als 20 Jahre ist?

Zum Glück bin ich dem Harry-Potter-Alter entwachsen und weiß, dass mein Selbstwert nicht von meinem Musikgeschmack abhängt; dass ich hören kann, was ich will, wann ich will, und nicht jede Laune ein Ausdruck meiner unglaublich individuellen Persönlichkeit sein muss.

Und ich weiß nun auch, dass so manche magische Fantasie besser eine solche bleibt.

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Musiktagebuch

Konstantin Nowotny schreibt beim Freitag die Kolumne Musiktagebuch. Darüber hinaus schreibt er öfter über Themen rund um die Psyche und hin und wieder über Ostdeutschland.

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