„Ullrich hat neulich ein großes Paket mit lauter DVDs bekommen“, sagte die Buchhändlerin, als wir zusammen am Main spazierten. „Zwölf Staffeln seiner Krankenhausserie, jede hat um die 40 Folgen.“
„Also komplett?“
„Ach was, bis heute sind über zwanzig Staffeln gelaufen, und ein Ende ist nicht abzusehen, sagt Ullrich.“
„Und warum …“
„Warum er sich das ansieht? Er sagt, nach über tausend Folgen könne er inzwischen schon mitoperieren. Jedenfalls weiß er meist schon vor den Ärzten, was die Kranken haben, die in den Schockraum zur Erstuntersuchung gebracht werden.“
Tutorial mit Schwester Judy
„Schockraum?“
„Ullrich sagt, der heißt wirklich so. Und auch sonst sei die Serie ganz dicht an der Realität. Als er das neulich auch beim Geburtstag meiner Schwägerin sagte, hat die ihn ausgelacht. Sie ist Ärztin. Ullrich glaubt, sie sei eben noch nicht lange genug dabei.“
Dann fing es an zu regnen, und wir verabredeten uns für den nächsten Spieleabend bei uns.
Ich hatte beim Händler das Spiel „New York Emergency Room“ aus der Reihe „Medical Mysteries“ gekauft. Nach dem Essen öffneten wir die Pappschachtel und fanden mehrere Umschläge: Je einer für insgesamt vier Patienten, ein fünfter enthielt die Anleitung, medizinische Informationen und ein Heft, in dem Codes aufgeschlüsselt wurden, die uns im Verlauf des Spiels begegneten. Im sechsten Umschlag war ein Tutorial mit Schwester Judy. Mit ihr zusammen sollten wir uns der ersten Patientin annehmen: Luana Kapule, 53 Jahre alt.
Doktor Ullrichs Diagnose
„Dann wollen wir mal sehen“, sagte Ullrich und schnappte sich das Blatt mit dem Aufnahmegespräch. „Den ganzen Tag im Garten gearbeitet, ah ja, sie betreibt einen Onlineshop für Kräuter, soso, starke Schmerzen … Nun?“
„Wie jetzt, nun?“, fragte mein nordhessischer Cousin, der sich bei uns von seinem Unfall mit dem Lenkdrachen erholte. „Hier steht, dass wir die erste Story-Karte lesen sollen, dazu die Zustands-Karte ZK1 ‚Starke Schmerzen‘. Oder nicht?“
„Ich glaube nicht, dass wir das brauchen, aber bitte, macht, wie ihr denkt“, sagte Ullrich und lächelte fein.
Wir folgten dem Fall und berieten uns über die Möglichkeiten, die wir hatten, um Luana zu helfen und den Grund ihrer Schmerzen herauszufinden. Die Nacht war in mehrere Abschnitte eingeteilt, in denen wir jeweils nur eine begrenzte Anzahl von Aktionen durchführen durften: Fragen stellen, Tests, Medikamente geben. Je nachdem, was wir unternahmen, ging es Luana besser oder schlechter.
Meine Frau wählte die Möglichkeit, Luana nach ihren Rückenschmerzen zu fragen, die Antwort schlugen wir im Heft mit den Ergebniscodes nach. Später gaben wir ihr Morphin gegen die Schmerzen und führten Tests durch. Bei jeder Aktion stand ein Ergebniscode, sodass wir erfuhren, welche Wirkung das hatte.
„Ich sag’ nichts, aber achtet mal auf die Kräuter“, schmunzelte Ullrich.
„Was für Kräuter?“, fragte die Buchhändlerin.
„Na, die, mit denen die Quacksalberin ihren Onlineshop betreibt“, sagte Ullrich. „Den ganzen Tag im Garten gearbeitet, ha! Wahrscheinlich hat sie sich vergiftet. Ihr werdet schon sehen.“
Am Ende fanden wir durch unsere Tests heraus, dass Luana Gallensteine hatte und ihr die Gallenblase entfernt werden musste. Und wir erfuhren, dass wir nicht viel länger hätten untersuchen dürfen. Ullrich meinte, dass wir nur die Symptome behandelt hätten und nicht die wahren Ursachen.
Weg vom Tisch!
Wir retteten eine junge Ausdauersportlerin und einen griechischstämmigen Rentner, bei dem es aber knapp wurde, weil er ein Kontrastmittel nicht vertrug. „Wir verlieren ihn!“, rief Ullrich, und „weg vom Tisch!“, während wir über die Diagnosen berieten.
„Sag mir bitte Bescheid, wenn du umsattelst auf Notfallmediziner“, sagte mein Cousin, „dann treffe ich meine Vorkehrungen.“
Und ich brachte unseren Sohn ins Bett.
Das Spiel „Medical Mysteries: New York Emergency Room“ ist bei Kosmos erschienen. www.kosmos.de
Spielekolumne „Einer wird gewinnen“
Einmal im Monat kommen die Freunde vorbei, um Gesellschaftsspiele zu testen: Brettspiele, Kartenspiele und auch solche, für die man nur Stifte, Zettel oder Würfel braucht. Wie diese Abende ablaufen, verrät unsere Kolumne „Einer wird gewinnen“ jeweils am zweiten Montag des Monats.
Source: faz.net