Der Fund wirft neues Licht auf ein Rätsel, das Gelehrte seit dem 18. Jahrhundert beschäftigt. Bekannt war, dass Shakespeare in seinen späteren Jahren eine Immobilie in Blackfriars besaß, doch war es bislang unmöglich, den genauen Standort zu bestimmen. Auch andere Aspekte der Geschichte der Immobilie waren unklar. Wie das King’s College in London meldet, hat die Shakespeare-Expertin Lucy Munro jetzt drei spektakuläre Dokumente entdeckt, die zu neuen Erkenntnissen führen: Eine dieser Quellen, die sich in den London Archives befindet, ist der Plan eines Teils des Blackfriars-Bezirks, der 1668 nach dem Großen Brand von London erstellt wurde und der die genaue Lage und Größe von Shakespeares Blackfriars-Haus bestätigt. Zum ersten Mal zeichnet Munros Forschung ein klares Bild davon, wo sich diese Immobilie genau befand, wie sie aufgebaut war und welche Gebäude sie umgaben.
Lange Zeit nahm man an, dass Shakespeare sich kurz nach dem Kauf des Blackfriars-Hauses im Jahr 1613 aus seiner Londoner Theaterkarriere zurückzog und nach Stratford-upon-Avon zurückkehrte, wo er bis zu seinem Tod 1616 als Gentleman ein komfortables Leben führte. Diese Entdeckung könnte jedoch darauf hindeuten, dass Shakespeare in seinen späteren Jahren mehr Zeit in London verbrachte als bisher angenommen. „Er hätte überall in London eine Anlageimmobilie kaufen können“, so Lucy Munro, „doch dieses Haus lag in der Nähe seines Arbeitsplatzes am Blackfriars-Theater. Wir wissen, dass Shakespeare später im Jahr 1613 gemeinsam mit John Fletcher das Stück ,Two Noble Kinsmen‘ verfasste, und diese neuen Hinweise darauf, dass das Blackfriars-Haus recht umfangreich war, machen es nicht unvorstellbar, dass Teile davon genau in dieser Immobilie geschrieben wurden. Wir wissen außerdem, dass Shakespeare im November 1614 in London war – ist es da nicht wahrscheinlich, dass er in seinem eigenen Haus übernachtete?“
Beim Großen Brand von London zerstört
Die beiden anderen Dokumente betreffen den Verkauf der Blackfriars-Immobilie durch Shakespeares Enkelin Elizabeth Hall Nash Barnard – die Tochter von Shakespeares ältester Tochter Susanna. Sie zeigen erstmals, wie und wann das Anwesen aus dem Besitz der Nachkommen des Dichters überging und zu welchem Preis es verkauft wurde. Shakespeares Enkelin verkaufte das Haus im Jahr 1665, und nur ein Jahr später wurde es – wie so viele Gebäude der Stadt – beim Großen Brand von London zerstört.
„Ich arbeitete im Rahmen eines größeren Projekts an Recherchen und konnte kaum glauben, was ich da vor mir hatte – den Grundriss von Shakespeares Blackfriars-Haus“, so Munro auf der Website des King’s College. „Man war davon ausgegangen, dass es kaum noch weitere Belege dazu gibt, daher war die Forschung dazu eine Zeit lang eingeschlafen. Diese Funde helfen uns wirklich, die vollständige Geschichte von Shakespeares Blackfriars-Haus zu erzählen, und dank dieser neuen Entdeckung wissen wir jetzt genau, wo es stand.“
Im vergangenen Jahrhundert gehörten zu den Nutzern der Gebäude, die auf dem Gelände von Shakespeares Haus errichtet wurden, unter anderem: Judd and Co., ein Druckunternehmen; Stoer Brothers & Coles, Hersteller von Druckfarben; die National Book Association; Heeps, Willard & Co., ein Bauunternehmen; Humphries and Taplings, Großhändler für Teppiche; sowie zuletzt Vermessungsingenieure, Investmentmanager und Bewohner von umgebauten Wohnungen.
Source: faz.net