Schnurstracks läuft Stefan Fulst-Blei an diesem Wintervormittag die Treppe eines Mietshauses in Mannheim-Sandhofen hoch. Es ist Wahlkampf in Baden-Württemberg, und der Politiker, der für die SPD im Landtag sitzt, will die Bewohner von sich und seiner Partei überzeugen. Fulst-Blei, Outdoorschuhe und braune Umhängetasche, klingelt bei einer Familie im ersten Stock. Vorsichtig öffnet eine Frau die Tür.
„Ich bin Stefan Fulst-Blei, Ihr Landtagsabgeordneter von der SPD, ich wollte Ihnen nur den Flyer überreichen“, sagt der Politiker. Die Frau erwidert: „Danke, wir wählen die AfD.“ Schon ist die Tür wieder zu und Fulst-Blei steht allein im Hausflur, in dem der Geruch von frisch gekochten Kartoffeln und Braten hängt.
Es ist eine Begegnung, wie sie symptomatischer kaum sein könnte für die Sozialdemokratie im Jahr 2026. Selbst in Wahlkreisen wie dem Mannheimer Norden mit seinen Arbeiterquartieren in Sandhofen, Schönau oder Waldhof kann sie nicht mehr punkten. Dabei spielt hier die Industrie nach wie vor eine große Rolle: Daimler produziert Lastwagen und Busse, es gibt ein großes Werk des Chemieriesen Roche, eines des Armaturenherstellers Bopp & Reuther und eine Zellstofffabrik. Über Jahrzehnte war Mannheim Nord der einzige rote Punkt auf einer tiefschwarzen Landkarte. Fast immer errang die SPD hier das Direktmandat im Landtagswahlkreis Mannheim I.
Bis 2016 – da holte es die AfD, als eines von zwei Erstmandaten überhaupt. Ein Stich mitten ins Herz der Sozialdemokratie. Und ein Schock, der Fragen aufwarf, die sich die Partei bis heute stellt: Warum ist die SPD nicht einmal mehr in ihrem Ursprungsmilieu erfolgreich – der Arbeiterschaft?
Haustürwahlkampf und Müllsammel-Aktionen
Um potentielle Wähler zu erreichen, erproben Fulst-Blei, einst Berufsschullehrer und Gewerkschafter, und sein Kampagnenleiter Dennis Ewert, ein junger Architekt, einen neuen, aktivistischen Wahlkampf. „Wir wollen zeigen, dass wir die Problemlagen der Menschen ernst nehmen und was man tun kann“, sagt Ewert. An 53 Türen klingelt Fulst-Blei an diesem Februarvormittag; immerhin 30 Mal klappt die Kontaktaufnahme. In den Wochen vor der Wahl veranstalten die Sozialdemokraten zusätzlich immer wieder kleine Aktionen: einen „Kita-Spaziergang“, die Besichtigung maroder Schulen oder eine „Job-Mahnwache“.
Am Tag des Haustürwahlkampfs treffen sich Fulst-Blei, sein Team und einige Aktivisten aus dem Ortsverein außerdem zu einer Aktion, die sie „Putz deine Stadt raus“ nennen. Im Stadtteil Waldhof, am Seppl-Herberger-Platz – benannt nach dem Weltmeistertrainer von 1954, einem Mannheimer Urgestein – werden orangefarbene Müllsäcke und nagelneue Müllzangen verteilt.
Und schon marschiert der Tross los. Geübt greifen Fulst-Blei und die SPD-Ortsvereinsvorsitzende Nadja Fakesch Kronkorken, Zigarettenkippen und Colabecher aus den Rabatten – den Hundekot lassen sie liegen. Auf den Rasenflächen unter den Bäumen sind Rattenfallen aus schwarzem Plastik aufgestellt.
Die Sozialdemokraten brauchen viel Geduld, bis sie überhaupt einen wahlberechtigten Bürger treffen. Im Stadtteil leben viele Einwanderer, die gar nicht wählen dürfen. Am vergangenen Samstag, erzählt einer aus Fulst-Bleis Team, sei es mal gelungen, einen AfD-Wähler im Gespräch zu überzeugen – man müsse den Leuten einfach mal sagen, dass es ohne die SPD noch weniger bezahlbare Wohnungen gäbe, weil sie die Privatisierung von städtischen Wohnungen verhindert habe.
Nach der anderthalbstündigen Sammelaktion stapeln die Wahlkampfhelfer die gelben Säcke am Seppl-Herberger-Platz auf. Da kommen zwei Männer auf die Genossen zu. „Das ist gut, was ihr macht – das ist Deutschland!“, sagt der Ältere von ihnen. Er ist 47 Jahre alt und wird von seinem 17 Jahre alten Sohn begleitet. Beide sind 2015 aus Syrien geflohen, sie wollen irgendwann in ihre Heimat zurück. „Danke, dass ihr hier aufräumt, das macht sonst niemand“, sagt der Vater. Für Fulst-Blei ist es ein Anerkennungserfolg: Der Mann ist kein deutscher Staatsbürger und kann ihn am 8. März nicht wählen.
Will man wissen, wie die Sozialdemokratie in ihre Schieflage geraten konnte, ist Stefan Höß der ideale Ansprechpartner. Höß ist eine Art menschgewordener sozialdemokratischer Idealtypus, ein Mannheimer Tausendsassa: Aufgewachsen im Arbeiterstadtteil Waldhof, in einem sozialdemokratischen Haushalt, aktiv in zig Vereinsvorständen – Sportkreis, Karnevalsverein, Arbeiterwohlfahrt –, saß er für die SPD im Stadtrat, wo auch Schwester und Tochter vertreten sind. Und Höß arbeitet bei Daimler – „beim Benz“, wie sie in Mannheim sagen, in dritter Generation schon. Er lernte Maschinenschlosser, machte dann seinen Meister und einen Abschluss als Betriebswirt, arbeitete in dem Konzern als Planer. Inzwischen ist er stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Daimler Truck.
Im Kulturhaus Waldhof kann man mit ihm über das Mannheimer Arbeitermilieu sprechen, das kaum einer so gut kennt wie er. In einer Vitrine werden Fußballpokale und Faschingsbilder präsentiert – betrieben wird das Haus vom Kulturverein Waldhof, dessen Vorsitzender ebenfalls Höß ist. Der typische Arbeiter, erklärt er, wähle nicht mehr so wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Bei Daimler und auch im Stadtteil bekomme er viel Lob für sein Engagement, doch mit der SPD könnten viele Menschen nichts mehr anfangen. „Du bist in Ordnung, aber deine Partei kann man nicht wählen“: Das kriegt Höß dann zu hören.
„Die Leut’ sterben dir weg“, sagt Höß
Woran liegt das? Er erreiche die Leute einfach nicht mehr, sagt Höß. Es klingt nicht besonders ratlos oder verzweifelt, eher nach einer nüchternen Feststellung. Die Gesellschaft habe sich gewandelt: „Egal ob Polizei oder Politiker, alle werden ins Negative gezogen.“ Die Menschen lesen keine Zeitung mehr, klassische Medien betrachteten sie mit Argwohn, stattdessen informierten viele sich ausschließlich über die sozialen Medien. „Die Leute kommen auch nicht mehr zu öffentlichen Veranstaltungen, um Argumente zu hören“, sagt Höß.
Und sich gar dauerhaft zu engagieren, in festen Strukturen? Fehlanzeige, besonders bei jungen Menschen. „Die Leut’ sterben dir weg“, sagt Höß, und es käme niemand nach, um die Leerstellen zu füllen. Für den Kommunalpolitiker ist das der zentrale Punkt, die Antwort auf die Frage, warum nicht nur die Sozialdemokratie kriselt, sondern die Gesellschaft insgesamt: „Die Gesellschaft zersetzt sich selbst, und deshalb macht sie Freiräume für die AfD.“
Womöglich hat der Abstieg der Sozialdemokratie mehr mit den alten Strukturen zu tun, die nicht mehr funktionieren, als mit den Themen der SPD? Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man Höß zuhört. „Die AfD muss gar nichts machen, die muss nur auf den Unmut der Leute bauen“, sagt er. Im aktuellen „Ihr-und-wir-Denken“ – wir, das Volk, und ihr, die vermeintliche Elite – stehe man selbst als lokaler SPD-Funktionär und Gewerkschafter schon fast auf der falschen Seite.
Dann führt Höß durch den Waldhof, ein kleiner Spaziergang durch das Herzstück des Mannheimer Industriearbeitermilieus. Er winkt immer wieder Menschen zu, begrüßt das Faschingsprinzenpaar, das zufällig im Auto vorbeikommt, wechselt ein paar Worte mit Passanten, die er kennt. Zu jedem kann der Sozialdemokrat etwas erzählen. Die Faschingsprinzessin – eine Kindheitsfreundin seiner Tochter. Der Herr am Steuer – war mal Profi, lange ist das her, beim ortsansässigen Fußballverein, dem SV Waldhof.
Stichwort SV Waldhof: Mit dem Verein ist es ein bisschen wie mit der SPD. Er hat seine besten Zeiten hinter sich. In den Achtzigerjahren kickte er in der Bundesliga, danach ging es jahrelang bergab, zeitweise bis in die fünfte Liga. Seit 2019 spielt der Waldhof in der dritten Liga, der Klub hat sich gefangen und wieder im Profifußball etabliert – womit man bei einem entscheidenden Unterschied zur SPD wäre: Bei den Sozialdemokraten dauert die Talfahrt weiter an. Gut möglich, dass der Tiefpunkt noch nicht erreicht ist.
Ein weiterer Unterschied: Mit dem Verein identifizieren sich viele im Viertel. Auf Laternenpfählen kleben SV-Waldhof-Sticker, Stromkästen sind in den Vereinsfarben Blau-Schwarz getüncht, Graffitis und Wandmalereien erinnern an Vereinsidole. Auch Stefan Höß ist Fan des Vereins, Stadiongänger und – man ist nicht überrascht, als er es erzählt – ehemaliger Vizepräsident des Vereins.
Mit dem Auto geht es zum Geburtsort von Josef „Sepp“ Herberger, der dem zentralen Platz des Waldhofs seinen Namen gibt: der Spiegelkolonie. Die älteste Arbeiterwohnsiedlung Mannheims wurde in den 1850er-Jahren für die Arbeiter der Spiegelfabrik der Pariser Firma Saint-Gobain erbaut. Spiegel werden hier heute keine mehr produziert, doch eine der historischen Häuserzeilen ist erhalten: beschauliche zweistöckige Reihenhäuser mit grünen Fensterläden und Laubengängen aus Holz. Über vielen Haustüren weht eine blau-schwarze Flagge des SV Waldhof. Steinstraße, Eisenstraße, Glasstraße, Spiegelstraße – die Namen künden noch von der Vergangenheit.
Die war in Mannheim auf Sand gebaut, wortwörtlich. Denn für die Spiegelherstellung brauchte man Sand – und den gab es im Norden Mannheims reichlich, weshalb hier die Fabrik errichtet wurde. Auch der Arbeiterstadtteil Waldhof ist ein Industrieprodukt, entstanden mit der Ansiedlung der großen Fabriken. „Das ist das, was Mannheim ausmacht“, findet Höß. Er verweist auf das Badnerlied, die badische Regionalhymne, in der auch Mannheim erwähnt wird – als Fabrikstandort. „Das ist hier“, sagt Höß nicht ohne Stolz.
Doch die Hochzeiten der Industrie sind längst vorbei. Genauso wie die Zeiten, als Multifunktionäre wie er das sozialdemokratische Milieu unter Kontrolle hatten und als allzeit bereite Kümmerer auftraten. Deshalb ist es so schwierig, einen verlorenen Wahlkreis zurückzugewinnen. Es fehlen der Unterbau und die Verwurzelung im Mikrokosmos eines Quartiers.
Einer der Letzten, die für diese politische Praxis des Multifunktionärs standen, war Werner Nagel: Arbeiter, Feinmechaniker, Gesamtbetriebsratsvorsitzender im Mannheimer Motorenwerk, Gemeinderat, Vorstandsmitglied der örtlichen Arbeiterwohlfahrt, Vorsitzender des Ortsvereins Sandhofen und von 1972 bis 1990 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für den Mannheimer Norden. Er starb vor mehr als dreißig Jahren, nach ihm ist inzwischen eine Straße benannt. Der SPD-Ortsverein Sandhofen hat heute 47 Mitglieder – in einem Stadtbezirk mit etwa 14.000 Einwohnern.
Der Morgen desselben Tages, einige Stunden vor dem Treffen mit Stefan Höß. Auf dem Weg zu Tor 2 des Mannheimer Daimler-Werks fährt man an einem großen Plakat mit dem Porträt des AfD-Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier vorbei. Anders als die Plakate von CDU, SPD, Grünen und FDP ist es sogar in den frühen Morgenstunden beleuchtet. Um sechs Uhr ist Schichtwechsel. Der Mitarbeiterparkplatz ist gut gefüllt.
Vor manchen Daimler-Werken, etwa in Sindelfingen oder Untertürkheim, schenkt die AfD morgens manchmal Kaffee aus oder verteilt Brezeln. Das Mannheimer Werk ist für solche Aktionen weniger interessant. Denn vor allem die Geschäfte mit elektrischen Bussen laufen hier gut – und die AfD versucht ja, mit ihrem Kampf für den Verbrennermotor Wähler zu gewinnen. Große Lkw mit polnischen Kennzeichen rollen vor die Werkschranke, sie liefern Material an. Einige Arbeiter mit Rucksack kommen durchs Drehkreuz und wollen nach Hause. Kaum einer will seinen Namen gegenüber der F.A.Z. nennen und offen über die AfD sprechen.
„Ich gehe nicht mehr wählen, weil es sonst Stress mit meiner Frau gibt, denn es ist schon vorgekommen, dass ich AfD wähle“, sagt ein 30 Jahre alter Mann. Ein Sachbearbeiter, der schnell nach Hause will, erzählt: „Ich würde sagen, die AfD würde hier in der Belegschaft 30 Prozent bekommen. Es geht den meisten gar nicht um ihre Jobs, sondern eher darum, dass sie glauben, dass es im Land bei Rente, Gesundheit und Infrastruktur nicht vorwärtsgeht.“
Ganz anders klingt Jürgen H. Er richtet Schweißanlagen ein, erzählt er, arbeite seit 42 Jahren im Werk und gehe bald in Rente. „Wer den Knall nicht gehört hat und uns 80 Jahre zurückkatapultieren will, wie die meisten in der AfD, dem ist nicht zu helfen.“ In seiner Abteilung gebe es keine große Begeisterung für die AfD, zumal die Auftragslage gut sei.
Laut Umfragen steht die SPD in Baden-Württemberg bei desolaten acht bis zehn Prozent. Von Ergebnissen deutlich über 30 Prozent, wie die Partei sie in den Siebziger- und Achtzigerjahren und zuletzt 2001 erreichte, können die Genossen heute nur träumen. Auf die Sozialdemokraten kommt also noch einiges an Arbeit zu.
Nicht nur die AfD macht der SPD in Mannheim Konkurrenz
Auch auf Stefan Fulst-Blei, den Direktkandidaten im Wahlkreis Mannheim I. Eine Chance für ihn könnte darin liegen, dass die Kandidaten von CDU und AfD im Mannheimer Norden viel weniger präsent sind als die Sozialdemokraten. „Ich will, dass Blau-Schwarz im Mannheimer Norden für den SV Waldhof steht und nicht für politische Mehrheitsverhältnisse“, sagt Fulst-Blei häufig, wenn er im Quartier unterwegs ist.
Fulst-Blei ist kein Leisetreter. Wenn er glaubt, er müsse zeigen, warum die älteste deutsche Partei noch gebraucht wird, tritt er auf dem Marktplatz oder im Landtag schon mal laut und polternd auf. Er hat einen guten Listenplatz und muss deshalb nicht fürchten, aus dem Parlament zu fliegen. Doch natürlich will er den Wahlkreis zurückerobern, das einstige sozialdemokratische Ausrufezeichen im Südwesten.
Tatsächlich ist der Wahlkreis Mannheim I der einzige, den die SPD im Industrieland Baden-Württemberg noch direkt gewinnen könnte. Im Weg steht ihr dabei nicht nur die AfD: Nach ihrem Sieg 2016 ging der Wahlkreis 2021 an die Grünen. An eine Partei also, die den Sozialdemokraten in vielen Politikfeldern eine direkte Konkurrentin ist, wie auch die Linkspartei.
Die Stimmen des linken Lagers teilen sich auf drei Parteien auf – und die einst stolze SPD ist in Baden-Württemberg schon lange nicht mehr die stärkste Partei in diesem Lager. Die Grünen holten bei der vergangenen Landtagswahl dreimal so viele Stimmen wie die Sozialdemokraten, heute liegen sie in den Umfragen mehr als zehn Prozentpunkte vor ihnen. Und auch die Linkspartei könnte in den Landtag einziehen, zum ersten Mal überhaupt. Umfragen sehen sie bei sieben Prozent – und damit nur wenige Prozentpunkte hinter den Sozialdemokraten.
Selbst als kürzlich der frühere SPD-Kanzler Olaf Scholz in Bruchsal und im Unimog-Museum in Gaggenau auftrat, blieben einige Stühle leer. Andreas Stoch, der baden-württembergische Landesvorsitzende und Spitzenkandidat, ist unermüdlich unterwegs, und auf den Podien gelingt es ihm sogar manchmal, als Gewinner nach Hause zu gehen. Und doch sagt Stoch: „Auch wenn den Bürgern soziale Themen, Bildung und Wohnen sehr wichtig sind, muss ich erst einmal wahrgenommen werden und in eine inhaltliche Auseinandersetzung kommen.“
Immerhin: Sein Parteikollege Fulst-Blei kann den Haustürwahlkampf als Erfolg verbuchen. „Ich habe eine andere Stimmung erwartet, bei insgesamt 3600 Hausbesuchen gab es drei unfreundliche Reaktionen. 2016 war das ganz anders“, sagt er und klingt zufrieden. Der Haustürwahlkampf, er funktioniert ein bisschen wie ein Post-it am Kühlschrank: Indem die Kandidaten klingeln und den Bürgern einen Flyer in die Hand drücken, erinnern sie an die Wahl. Und sie rufen den Leuten ins Gedächtnis, dass es die deutsche Sozialdemokratie tatsächlich noch gibt.
Source: faz.net