Spanischer Kunstmarkt: Sitzblockade vor Picassos „Guernica“

Im Madrider Reina-Sofía-Museum haben mehr als hundert spanische Künstler, Galeristen und Sammler gegen die hohe Mehrwertsteuer auf Kulturgüter protestiert. Zunächst setzten sie sich auf den Boden in dem Saal, der einer Nachbildung einer 38 Tonnen schweren (und auf unerklärliche Weise  verschwundenen) Skulptur von Richard Serra gewidmet ist, danach zogen sie vor Picassos Gemälde „Guernica“ und hielten ihre Transparente in die Höhe.

Die Branche beklagt, dass die spanische Mehrwertsteuer von 21 Prozent, die bei An- und Verkauf von Kunstwerken fällig wird, den spanischen Kunstschaffenden, Galeristen und Sammlern gegenüber den europäischen Nachbarländern einen erheblichen Wettbewerbsnachteil beschert und fordern eine eigene, deutlich niedrigere „Mehrwertsteuer für Kultur“. Manchmal, so argumentieren sie, entscheide eine Differenz von 15 Prozent über Kauf oder Nichtkauf.

Rücktrittsforderungen werden laut

Nach einem Bericht der Zeitung „El País“ riefen die Protestierenden während ihrer Sitzblockade im Chor die Steuersätze anderer europäischer Länder: „Portugal, 6 Prozent. Frankreich, 5,5 Prozent. Italien, 5 Prozent.” Der rund viermal so hohe spanische Satz gilt seit 2012 und geht auf den damaligen Finanzminister und Wirtschaftswissenschaftler Cristóbal Montoro (PP) zurück. Die Protestierenden forderten den Rücktritt derer, die in ihren Augen in der gegenwärtigen Lage, die ohnehin krisenhaft ist, nichts an der Misere ändern: Kulturminister Ernest Urtasun (ICV, die katalanischen Grünen) und Finanzministerin María Jesús Montero (PSOE).

Bisher hat die spanische Regierung unter dem Sozialisten Pedro Sánchez eine europäische Richtlinie von 2022, nach der Mitgliedstaaten bei kulturellen Gütern und Dienstleistungen einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz (von mindestens 5 Prozent) anwenden dürfen, nicht umgesetzt. Täte sie es, würde das Geld anderswo fehlen.

Gegen eine „Kultur der Reichen“

In Deutschland gilt bei kulturellen Gütern ein ermäßigter Satz von 7 Prozent. „Jeder, der versteht, dass die Branche mit 21 Prozent Mehrwertsteuer nicht überleben kann, wenn alle Nachbarländer Transaktionen mit 5 bis 8 Prozent besteuern, ist willkommen“, wird Idoia Fernández, Präsidentin des Verbandes der Galerien für zeitgenössische Kunst, von „El País“ zitiert. Auf verschiedenen Transparenten geißelten die Protestierenden die „Kultur der Reichen“, die in Spanien entstanden sei – nicht zuletzt durch die drastisch erhöhten Preise für Kunst.

Nach einer Schließung von Galerien am 2. Februar, um gegen das anhaltende „Schweigen der Regierung“ zu protestieren, folgten außer in Madrid auch in Museen in Barcelona, Valencia und Sevilla Protestveranstaltungen. Demnächst wird es für den Unmut der Kunstbranche sogar ein erlesenes internationales Publikum geben: In der kommenden Woche findet in Madrid die ARCO statt, die bedeutendste Kunstmesse des Landes.

Source: faz.net