Anni Zamora und Andrés Eterovich sind leise Menschen. Sie sind beide Anfang 50, wägen jedes Wort ab, scheinen fast mit der kargen, ockerfarbenen Steppenlandschaft im Südosten Spaniens zu verschmelzen. Ihre Lage beschreibt Andrés seufzend als „muy complejo“ – was die Leute hier sagen, wenn die Dinge unendlich verworren sind.
Vor fünf Jahren zogen Anni und Andrés ins Tal der Comarca Filabres-Alhamilla nördlich von Almeria und kauften drei Pferde, um mit förderbedürftigen Kindern zu arbeiten. Als sie loslegen wollten, rollten die Bagger an. „Es hat 2022 angefangen“, sagt Anni, während sie zum hinteren Grundstückszaun führt, „und ist manchmal nicht auszuhalten.“
Spanien durchlebt eine gigantische energiepolitische Transformation
Auf der anderen Seite des Zauns reihen sich die Solarpaneele. Weil sich diese „Placas“ zur Sonne mitdrehen, knirscht es immer wieder laut und blechern – die Stille, die diesen Ort ausgemacht hat, ist dahin. „Seit die Pflanzen wegen des Solarfeldes gerodet wurden, peitscht bei uns der Wind durch“, erklärt Anni. „Im Sommer kriegen wir über 40 Grad.“ Wenn dann Regen auf den ausgedörrten Boden treffe, reiße er alles mit sich. Andrés schüttelt seinen Kopf. „Hier kannst du keine Kinder herbringen.“
Spanien durchlebt eine gigantische energiepolitische Transformation, Andalusien fällt eine Schlüsselrolle zu. Politiker aus der Region überbieten sich mit Meldungen über neue Großprojekte in der sonnenreichen Provinz, manche mehr als 1.000 Fußballfelder groß.
Laut dem staatlichen Netzbetreiber Red Eléctrica wuchs die Stromerzeugung aus Solarenergie in Spanien im vergangenen Jahr um 19 Prozent; der Anteil der Erneuerbaren am Strommix beträgt bereits 56 Prozent, 2030 sollen es 80 werden. Solarfelder und Windparks entstehen, grüner Wasserstoff soll produziert werden, deutsche Partnerregionen und Unternehmen sind involviert, weltweit agierende Energiekonzerne beteiligt.
Möglich macht all das auch die EU mit ihrem „Green Deal“: Umweltprüfungen für Erneuerbare wurden vereinfacht, Einspruchsfristen verkürzt, ein überragendes öffentliches Interesse beim Ausbau festgeschrieben. Was global dem Klimaschutz dienen soll, sorgt lokal bisweilen für Entsetzen.
„Erneuerbare ja, aber nicht so“: In Spanien wächst der Widerstand gegen die Energiewende
Ihre sonderpädagogische Arbeit können Anni und Andrés vergessen, Entschädigung hätten sie keine angeboten bekommen und verkaufen können sie auch nicht. „Niemand will ein Haus, das von Solarmodulen umgeben ist“, sagt Andrés. Als die Placas montiert wurden, erinnert er sich, seien ihre Pferde wegen der Schlagbohrer „total durchgedreht“. Igel, Schlangen, Echsen und sogar „neun Wildschweine“ wären in Panik zu ihnen geflohen. Andrés schmunzelt bitter. „Wir waren ihre Arche Noah.“ Wer Anni und ihn retten soll, weiß Andrés nicht.
In ganz Spanien, vor allem aber in Andalusien, formiert sich immer entschiedener Widerstand gegen eine Energiewende, die viele Einheimische und Aktivisten als zu groß gedacht und nicht vereinbar mit dem Schutz ihrer heimischen Natur erachten. In Lopera, einer Kleinstadt unweit von Córdoba, protestieren Olivenbauern gegen Enteignungen, die teils noch mit Gesetzen aus der Franco-Diktatur umgesetzt werden.
In Coin, westlich von Malaga, erstellen Aktivisten eine „Routa de la Placas“ genannte Karte, um das Ausmaß der Transformation ihrer Heimat aufzuzeigen und lokale Proteste zu bündeln. Überall im Südosten wird um das knappe Gut Wasser gerungen, das nötig ist, um die Solarmodule zu reinigen. Umweltschützer rufen zu Demonstrationen unter dem Motto „Erneuerbare ja, aber nicht so“ in Malaga, der Regionalhauptstadt Sevilla oder in Madrid.
Wohin geht all der Ökostrom?
Warum umweltbewegte Aktivisten hier gegen Erneuerbare antreten und die von oben verordnete Energiewende am Bedarf der Menschen vor Ort vorbeigeht, kann Alberto Matarán Ruiz erklären, Professor für Stadt- und Raumplanung der Uni Granada. In einem Café zu Fuße der berühmten maurischen Festung Alhambra sagt er: „Wir alle wollen Kohle und Atom überwinden. Aber wir dürfen diesen Prozess nicht privaten Interessen opfern.“
Aktuell werde in Andalusien zu viel Kapazität gebaut und geplant. Es hieße stets, dieser Ökostrom werde nach Frankreich und Deutschland fließen, was wegen fehlender Leitungen aber gar nicht in großem Umfang möglich sei. Um den Strom in den Norden zu bekommen, soll das spanische mit dem europäischen Netz verbunden werden, „was erst einmal gut klingt“, so Matarán Ruiz.
Nur würde der Bau neuer Leitungen lange Zeit und öffentliche Fördergelder brauchen. Gewinne dagegen würden von ausländischen Firmen abgeschöpft. So zahlen sogar von Solarfeldern umzingelte Anwohner mehr für ihren Strom, „weil die Unternehmen die Preise diktieren“. Zudem sei es wenig effizient, „Strom über so weite Strecken zu transportieren“. Für Matarán Ruiz hinkt der ganze Plan, Energie im Süden zu produzieren, um sie eines Tages in den Norden zu leiten.
Hier wurde „Das Kanu des Manitu“ gedreht
Besonders problematisch findet Matarán Ruiz, dass durch den rapiden Ausbau und zu lasche Prüfungen der Umweltschutz missachtet werde, was betroffene Gemeinden nachhaltig schädige und entkerne, zumal die Solarpaneele, wenn sie einmal installiert sind, einerseits den Tourismus und die lokalen Wirtschaftskreisläufe beschädigten, andererseits aber kaum nachhaltige Arbeitsplätze schafften. Er scheint von seinem Fazit selbst desillusioniert: „Wenn du Ideen und Gesetze aus Brüssel lokal anwendest, ohne sie auf die Region anzupassen, endet das immer schlecht.“
Wie sich die Energiewende vor Ort auswirkt, ist etwa in Tabernas zu besichtigen, unweit der einzigen Wüste Europas, in der mal Western wie Spiel mir das Lied vom Tod gedreht wurden und kürzlich Bully Herbigs Das Kanu des Manitu.
In dieser ökologisch besonders fragilen Region hat Claudia Scholler 25 Jahre lang ein Gasthaus betrieben – und vor Kurzem dichtgemacht. „Als ich diese Gegend zum ersten Mal gesehen habe, war ich überwältigt von der Stille, dem Sternenhimmel, der sauberen Luft“, sagt die 68-jährige Hamburgerin, während sie ihren staubigen Renault Clio über die Bundesstraße steuert, an Solarparks und Stromleitungen vorbei, die zunehmend statt der Olivenbäume die Landschaft prägen. Hier sei über Jahre nachhaltiger Tourismus gefördert worden, der nun ebenso nicht mehr zähle wie das ökologische Gleichgewicht der Wüstenregion.
Spanien solle als „Europas Batterie“ geopfert werden
Sie hält an einer ausgeblichenen Infotafel unweit eines Umspannwerks, die einen aus Brüssel mit 175.000 Euro geförderten Naturweg ausweist. Der Weg versandet nun zwischen neuen Strommasten. „Das ist doch Wahnsinn!“, sagt Scholler, will aber keine Missverständnisse aufkommen lassen: „Ich bin vollkommen überzeugt von erneuerbaren Energien.“ Sie habe ihr Gasthaus ausschließlich mit Solarpaneelen versorgt. „Aber die Großprojekte hier gehen gegen die Natur und die Menschen.“
Spanien solle als „Europas Batterie“ für den Energiehunger des Nordens geopfert werden, „anstatt sich zu fragen, ob wir weiter in diesem Tempo leben wollen“. Bei einem Hügel will sie zeigen, wie vor Ort mit Ausgleichsmaßnahmen für Naturschutz umgegangen wird, zu denen die Firmen verpflichtet sind, die neue Solarparks bauen. Vor ihr erstreckt sich ein zerklüftetes Tal, Schollers Blick wandert hinab zu weißen Plastikröhrchen, die unweit einiger Dornensträucher aus der Erde lugen. In manchen stecken verdorrte Setzlinge, andere sind leer. „Manchmal frage ich mich, wen die eigentlich verarschen wollen.“
„Und schon damals wurde behauptet, der Strom würde nach Deutschland gehen“
In Andalusien stehen derzeit Überkapazitäten an Ökostrom einer stagnierenden Nachfrage gegenüber. Preise sinken auf ein unrentables Niveau, zudem hat der landesweite Blackout im April 2024 wieder für mehr Gas im Strommix gesorgt. Es fehlen weiter Leitungen und Speicherkapazitäten.
Natürlich gibt es auch Einheimische, die von der Transformation profitieren. Wirte, die Baubrigaden verköstigen, Lkw-Fahrer, die zeitweilig Jobs finden, oder Bauern, die ihr ausgetrocknetes Land verpachten. „Ich kann sie ja verstehen“, erklärt Paco Varela. Der Name des 60-jährigen Biologen fällt im Südosten Spaniens oft, wenn Umweltschützer über ihren Kampf gegen die „Macrorenovables“ sprechen, wie sie die weitläufigen Solarfelder oder Windparks nennen.
Varela hat sich dem Schutz bedrohter Tierarten verschrieben, um seine Heimat „zu retten“. Mit seinem Einsatz für das Sandflughuhn und die Mandelkrähe hat er es öfter geschafft, neue Solarfelder zu verhindern, „oder zumindest zu verkleinern“.
Mit seinem alten Transporter fährt Varela über eine Buckelpiste in der Comarca Filabres-Alhamilla, wo die verhinderten Sonderpädagogen Ani und Andrés wohnen. Er verteilt Brutkästen, damit sich Populationen erholen. Nur 60 Paare des ockerfarbenen Flughuhns leben noch in der Region. „Wenn du Menschen dazu bewegen willst, nachzudenken, ob sie auf dem richtigen Weg sind, brauchst du eine bedrohte Spezies“, sagt Varela, während er auf eine Leiter steigt, um den Brutkasten aus Holz in drei Meter Höhe anzubringen.
Wann immer er per Gutachten nachweisen kann, dass ein neues Projekt die Tiere bedroht, müssen die Betreiber ihre Pläne anpassen. Wegen extrem kurzer Einspruchsfristen gegen neue Solarfelder würde er jede Woche die Bekanntmachungen der Behörden lesen.
Es ist eine Sisyphusarbeit, die einzelnen Stationen für die Brutkästen abzufahren. Stets geht es an neuen Solarfeldern vorbei, die schwarz und scheinbar unendlich die Landschaft prägen. Varela fährt an La Cabrita vorbei, dem ersten Solarfeld der Region. „Damit hat alles angefangen“, erklärt er. „Und schon damals wurde behauptet, der Strom würde nach Deutschland gehen.“