Spanien im Streit: Wem gehört „Guernica“?

Als der baskische Ministerpräsident Imanol Pradales in der vergangenen Woche den spanischen Regierungschef Pedro Sánchez aufforderte, die Ausleihe von Picassos Gemälde „Guernica“ zu genehmigen, wusste er, dass er in einer fünfzig Jahre alten Tradition stand: Mindestens so lange schon fordern baskische Politiker, Künstler und Intellektuelle, dass eines der bedeutendsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts endlich in der Region ausgestellt werden kann, deren Verwüstung das fast acht Meter lange und 3,50 Meter hohe Werk auf verschlüsselte Weise darstellt.

Am 26. April 1937 bombardierte die deutsche Legion Condor, die im Spanischen Bürgerkrieg den aufständischen General Franco unterstützte, den Marktflecken Guernica und legte ihn in Schutt und Asche. Über die Opferzahlen herrscht bis heute Uneinigkeit, doch als erster großer Bombenangriff auf die Zivilbevölkerung erregte die brutale Attacke weltweites Aufsehen. Pablo Picasso, beauftragt von der Regierung der Spanischen Republik, ging in seinem Pariser Atelier am 1. Mai 1937 an die Arbeit und stellte seine Vision von Leid und Zerstörung sechs Wochen später fertig. Kurz darauf wurde das Bild auf der Weltausstellung von Paris dem Publikum präsentiert und teilte Verächter und Bewunderer in zwei Lager.

Ein Bild, das keinen Krieg verhindern kann

Der Aufstieg „Guernicas“ vom verspotteten und missverstandenen Gemälde der Avantgarde zur kunsthistorischen Ikone, die wie keine andere als Mahnung zum Frieden gilt, erzählt ein Kapitel der politischen und kulturellen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Eine der jüngsten Episoden fand am 9. Februar 2003 im Weltsicherheitsrat in New York statt, als sich die Vereinten Nationen zum Krieg gegen den Irak entschlossen und der „Guernica“-Wandteppich im Sitzungszimmer aus Opportunitätsgründen mit einem blauen Tuch verhüllt wurde: Niemand wollte vor Fernsehkameras den schreienden Widerspruch zwischen der aktuellen Kriegsentscheidung und dem symbolisch hochgehaltenen Friedensappell offenlegen.

Die baskische Forderung heftet sich an zwei Gedenkdaten: die Gründung der ersten baskischen Regierung am 7. Oktober 1936, im dritten Monat des Bürgerkriegs, und den Tag der Bombardierung Guernicas im April 1937. Neun Monate lang, so der Plan, solle Picassos Werk im Guggenheim-Museum von Bilbao ausgestellt werden, vom 1. Oktober 2026 bis zum 30. Juni 2027. Dies sei ein Akt der Wiedergutmachung, der Anerkennung der Leiden des baskischen Volkes und der „memoria histórica“ – ein schillernder Begriff, der auch dem ersten, unvollkommenen Gesetz der Zapatero-Regierung zum Opfergedenken aus dem Jahr 2007 den Namen gab.

„Von einem Transport wird dringend abgeraten“

Gegenüber dem Einwand der Restauratoren des Madrider Reina-Sofía-Museums, „Guernica“ sei nicht transportfähig, misst der baskische Ministerpräsident der symbolischen Wirkung der Ausleihe höheres Gewicht bei. Es sei ein „politischer Fehler“, sagte er, dem Wunsch der Basken nicht zu entsprechen. Auch die 1997 eingeweihte Wandkeramik im Ortskern von Guernica, eine maßstabsgetreue Reproduktion von Picassos Gemälde, fordert in der Bildunterschrift: „‚Guernica‘ nach Gernika“.

Um die Frontlinien abermals zu markieren, hat das Reina-Sofía-Museum in der vergangenen Woche einen neuen Bericht über den Erhaltungszustand des 27 Quadratmeter großen Gemäldes veröffentlicht. Darin unterstreicht das Museum die Schlussfolgerungen, zu denen umfassende Untersuchungen von „Guernica“ in den Jahren 1998 und 2012 gekommen waren: „Von einem Transport wird dringend abgeraten.“ Die unvermeidlichen Vibrationen, die durch eine Reise entstünden, könnten auf der Leinwand Risse und Farbablösungen hervorrufen. Laut Informationen der Zeitung „ABC“ liegt dem Bericht eine Liste mit Leihanfragen an das Museum bei, die allesamt abgelehnt wurden.

Schwere Schäden durch „Guernicas“ Welttournee

In diesem Vorgehen stecken zwei unterschiedliche Argumente von unterschiedlicher Validität. Dass man seit Jahrzehnten Anfragen berühmter Institutionen ablehnt, „Guernica“ auszuleihen, sagt nichts über den moralischen Anspruch des Baskenlandes, Picassos weltberühmtes Gemälde einmal in der eigenen Region zu zeigen. Die konservatorischen Motive dagegen sind von anderer Qualität. Die Bürgerkriegssituation des Jahres 1937 veranlasste Picasso, sein Werk, das die Republik ihm eigentlich für 150.000 Francs abgekauft hatte, nach der Expo wieder einzurollen und mitzunehmen. Später tourte es ausgiebig durch englische und skandinavische Städte, sammelte Reputation, wurde arg beschädigt und landete schließlich im New Yorker Museum of Modern Art, das es seinerseits vielfach auslieh und im Jahr 1981 nach Madrid transportieren ließ – sechs Jahre nach Francos Tod und nach Spaniens Rückkehr zur Demokratie, die Picasso testamentarisch zur Bedingung für die Verlegung gemacht hatte. Nach elf Jahren in einem Prado-Annex hängt es, zusammen mit den Vorstudien, seit 1992 im Reina-Sofía-Museum. Die Vorstudien wurden schon öfter ausgeliehen; das Gemälde selbst dagegen nicht.

Ungeachtet der Bedenken der Restauratoren sei es „eine Schande“, dass weder Guernica noch Bilbao Gelegenheit hatten, das emblematische Gemälde bei sich auszustellen, schrieb der niederländische Kunsthistoriker Gijs van Hensbergen in seiner „Biographie eines Bildes“ (2004). Das stimmt. Doch es könnte sein, dass sich die Schande nicht tilgen lässt, denn wer wollte die Beschädigung dieses Werkes verantworten? Manches spricht dafür, dass Picassos „Guernica“ zu den bleibenden Wunden des spanischen 20. Jahrhunderts gehört.

Source: faz.net