Sowjetzone | Was zu Händen ein Spagat! Warum dieser Sowjetzone-Roman „Selbstregulierung des Herzens“ so mitreißt

Peggy Mädler findet in ihrem Roman „Selbstregulierung des Herzens“ große Fragen im Kleinen einer Brandenburger Datschensiedlung. Wie schön wäre es, wenn Selbstregulierung so funktionierte, wie man darin lesen kann


Peggy Mädler bring eine Vielzahl von Konflikten in ihren Roman hinein, die wenn nicht gelöst, wenigstens überstanden werden müssen

Foto: Wenke Seemann


Was für ein Spagat! So mitreißend eingängig ist die Handlung, dass einem der Gedankenreichtum dahinter nicht sofort ins Auge fällt. Aber Peggy Mädlers Roman ist aus Nachdenklichkeit geboren. Der Titel Selbstregulierung des Herzens geht auf das Werk des sowjetischen Biowissenschaftlers Wladimir Listschuk zurück, das der Autorin durch Zufall in die Hände geriet. Die Fähigkeit des Herzens, seinen „Funktionszustand auf verschiedenen Niveaus zu stabilisieren“, fasziniert sie auch in einem umfassenderen Sinn: Komplexe Systeme, die sich selbst regulieren – welche Perspektiven eröffnen sich da!

Doch dies ist kein Buch über Kybernetik, zumindest vordergründig nicht. Erzählt wird von Leuten in einem Brandenburger Dorf, Ortsansässigen und Wochenendurlaubern. Georg und Roland gehören zu letzteren und haben sich der Kybernetik verschrieben. Wie sich diese interdisziplinäre Wissenschaft nicht nur auf einzelne Produktionsabläufe, sondern auf die DDR-Ökonomie anwenden ließe, überlegen sie. „Selbstregulierung im Sozialismus“, mehr Eigenverantwortung für Betriebe als Ausweg aus offensichtlichen wirtschaftlichen Problemen.

Tatsächlich gab es in den 1960ern ja solche Theorieansätze, die mit Honeckers Machtübernahme auf Eis gelegt werden mussten. Die Kybernetik wurde als Pseudowissenschaft verschrien. Roland geht schließlich in den Westen. Georg kommt in einem Rechenzentrum unter. Es wäre verführerisch einfach gewesen, den Roman auf diese Problemlage hin zuzuspitzen. Doch Peggy Mädler entgeht dem Einfachen.

Das Buch beschreibt die bröckelnden Fassaden am Bogensee

Weil es nicht nur Georg ist, der sie interessiert. Auch die anderen Figuren, denen sie teils einzelne Kapitel widmet, haben ihre Familiengeschichten, ihre Interessen und Träume. Dadurch bringt sie eine Vielzahl von Konflikten in den Roman hinein, die, wenn nicht gelöst, doch irgendwie überstanden werden müssen. Mädler, 1976 in Dresden geboren, wurde 2008 als Kulturwissenschaftlerin promoviert.

Über die Inszenierung von Arbeit und Geschlecht in Dramatik und Spielfilm der DDR schrieb sie ihre Dissertation und arbeitete selbst als Dramaturgin und Regisseurin. Dies ist ihr viertes Buch. Das vorige veröffentlichte sie 2024 mit Annett Gröschner und Wenke Seemann: Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat. Da sieht man eine lustige Truppe durch den Wald wandern an der ehemaligen FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ vorbei zu Peggys Datsche, wo es mit der Party weitergeht.

Hier nun führt sie der Leserin nicht nur die bröckelnden Fassaden am Bogensee vor Augen, sondern zur Freude der Rezensentin auch den Bauernsee in Prenden, das verfallene Ferienlager nahe ihrer Gartenlaube, den inzwischen zugemauerten Armeebunker. Und auch die Biber werden bedacht, die das Wasser stauen und Wiesen versumpfen lassen. Wiedererkennbares Lokalkolorit. Weil sie eine Datsche dort habe, sagte Mädler bei der Buchpremiere, kam ihr die Idee, das Dorf könnte Schauplatz eines Romans sein.

Geistig wache, dabei sehr verschiedene Menschen

1989 war sie 13. In gewisser Weise ist der Roman vom Ende der DDR her geschrieben. Warum es so kam, diese Frage hat die Autorin wohl bei der Arbeit begleitet. Antworten lassen sich herauslesen, die man miteinander verbinden, aber auch in Zweifel ziehen kann, wenn man Heutiges mitbedenkt. „Das Reale und das Ergrübelte“, so benennt Mädler das Spannungsfeld ihres Schreibens. Jeder müsse da seine Balance finden, um mit seinem Leben klarzukommen.

Insofern sei es ihr nicht um moralisches Urteilen, sondern um Verstehen gegangen. „Du hast ja nur dieses eine Leben“, denkt die Künstlerin Mona einmal. „Sich hineinwerfen wollen in dieses Leben. Und dann wieder die Unlust, dem Alltag ins Auge zu sehen.“ Von schöpferischer Arbeit hat sie ganz andere Vorstellungen als Georg, umso mehr ist er von ihrem Anderssein fasziniert. Doch nicht Mona ist der Grund, dass seine Frau Helga die Scheidung einreicht. Sie fühlt sich zu wenig gewürdigt.

Wenn sie von der Schicht im Chemiewerk nach Hause kommt, ist es ihr unverständlich, warum er sein Projekt so wichtig nimmt. „Das Private ist doch keine Nebensache.“ Georg wird die Krankenschwester Annelie heiraten, die sich für ihre Arbeit aufopfert. Geistig wache, dabei sehr verschiedene Menschen hat Mädler porträtiert. Alle wollen sie irgendwie „über die Mängel der Wirklichkeit“ hinaus, die sie viel grundsätzlicher durchdenken, als es heute wohl allgemein üblich ist.

Gesellschaftliche Harmonie im Kleinen

Ihrer Herkunft und ihren Charakteren gemäß wählen sie dafür eigene Wege. Man kann sich beim Lesen aussuchen, wessen Sicht einem am nächsten ist. Persönliches und Politisches – Reibungsflächen noch und noch. Von 1960 bis 2023 stellt der Roman im Mikrokosmos einer Datschensiedlung ein Gesellschaftspanorama vor uns hin.

Wie schön wäre es, wenn Selbstregulierung so funktionierte, wie es Georg am Berliner S-Bahnhof Schönhauser Allee beobachtet. „Menschen, die sich im Gedränge zu organisieren versuchten, einander auswichen, vielleicht erst zur gleichen Seite, und im nächsten Moment gingen beide einen Schritt zur anderen Seite.

Ein Vorgang aus Korrektur und Gegenkorrektur, der andauerte, bis die Störungen reduziert und ein gemeinsamer Rhythmus gefunden wurde.“ Gesellschaftliche Harmonie im Kleinen. Im Großen ist es ein Wunschbild. Denn dafür würde es ein Miteinander brauchen ohne Egoismus und Konkurrenz.

Selbstregulierung des Herzens Peggy Mädler Galiani 2026, 304 S., 23 €

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