Soundtrack einer verlorenen Generation: 25 Jahre „Hybrid Theory“ von Linkin Park

Heute darf keine gute 2000er-Nostalgie-Party enden, ohne dass In The End von Linkin Park gelaufen ist. Verständlich, erinnert es uns doch an eine gute alte Zeit, in der George W. Bush noch der schlimmste vorstellbare US-Präsident war, und wir dachten, Arnold Schwarzenegger wäre die unseriöseste Figur, die jemals ein politisches Amt bekleiden würde.

Doch Nostalgie ist ein trügerisches Gefühl: Ich war elf Jahre alt, gerade aufs Gymnasium gekommen, als ich zum ersten Mal das Video zu In the End auf MTV sah. Auf den ersten Blick mag es nicht überraschen, dass es meine Aufmerksamkeit gefesselt hat, erinnert seine Ästhetik doch auf heute fast schmerzhafte Weise an die der Playstation 1.

Doch es war mehr als das. Denn In the End, das war auch das erste Mal, dass sich ein Song so anfühlte, als würde er über etwas reden, was mich direkt anging – ohne, dass ich verstand, worübergenau er redete. Ja, 2001 war ein hartes Jahr für mich. Aber auch ein Jahr, in dem ich viel gelernt habe. Denn auf dem Gymnasium lernt man ja nicht nur höhere Mathematik, Englisch und Latein, sondern auch, wie sich Machtlosigkeit vor dem System anfühlt. Und was das System ist. Der etwas abfällige Ausdruck dafür ist Teenage Angst.

2001 war für viele kein gutes Jahr

Wir haben uns (warum eigentlich?) daran gewöhnt, dass diese Erfahrung zum Heranwachsen eines Kindes gehört. Doch 2001 war kein gutes Jahr, um zu lernen, was das System ist. Am 20. Januar wurde George W. Bush zum Präsidenten der USA vereidigt. In Deutschland machte sich ein flegelhafter Sozialdemokrat aus Hannover daran, die asozialsten Arbeitsmarktreformen seit dem Dritten Reich durchzusetzen, und in meiner Heimatstadt Hamburg machte der Richter und spätere Reality-TV-Darsteller Ronald Schill als stellvertretender Bürgermeister und Innensenator Stimmung gegen Ausländer. Und das alles, noch bevor Dschihadisten zwei Flugzeuge ins World Trade Center steuerten und Bush Jr. seinen Krieg gegen den Terror entfesselte …

Später, aber nicht viel später, ging ich also auf meine erste Demo und malte „Kein Blut für Öl!“ mit dem Filzstift auf mein Federmäppchen. Doch vorsichtig, denn dort stand schon: Linkin Park. Bevor ich Begriffe hatte für diese Beklemmung, hatte ich also ein Gefühl. Allgegenwärtig war es und ließ sich nicht auf die einsetzende Teenage Angst reduzieren.

Auch die, die sich schon wesentlich besser in dieser Welt auskannten, hatten es. Das Gefühl, dass es langsam, aber sicher bergab ging – nicht in einem Untergang des Abendlandes-Sinne, sondern im Gegenteil: Der Untergang der alten, verknöcherten Ordnung, den uns die Gegenkultur versprochen hatte, war endgültig ausgeblieben. Kurt Cobain war tot, Ozzy Osbourne schickte sich an, sich als Clown ans Mittagsfernsehen zu verkaufen, die Grünen waren in den Krieg gezogen und Deutschland wurde fortan am Hindukusch verteidigt. Big-Tech, Big-Pharma und Big-Oil hatten gewonnen. „We tried so hard, and got so far, but in the End it doesn’t even matter …“

Wie poppige Streber aus dem Informatikstudium

Doch warum waren es ausgerechnet diese sechs traurigen Typen, die den Soundtrack zu dieser Misere lieferten? Freilich: Ohne die Nu-Metal Welle der späten 90er ist Linkin Parks Erfolg nicht zu erklären; doch waren sie nie so politisch wie Rage Against the Machine, so weird wie Korn oder so aggressiv wie Slipknot – und neben schillernden Figuren wie Limp Bizkits Frontmann Fred Durst erschienen Chester Bennington und Mike Shinoda fast wie Streber aus dem Informatikstudium.

Böse Zungen würden an dieser Stelle also sagen: Der Erfolg von Linkin Park erklärt sich daraus, dass sie am poppigsten auftraten, sich am besten vermarkten ließen. Doch auch wenn sich dieser Vorwurf nicht ganz von der Hand weisen lässt, ist er doch nur die halbe Wahrheit. Denn Ende der 90er war auch etwas anderes ins Rutschen geraten: Die Colorline, die – zumindest im Mainstream – Black und White Music voneinander getrennt hatte. Rock, Metal und Punk, das war die Musik der weißen Vorstadtjugend.

Bis dato war es undenkbar, dass auf einer Metal-Platte gerappt wurde; doch spätestens mit dem Abebben der Grungewelle hatten diese Genres ihren rebellischen Charme verloren – und Hip-Hop war der neue Punk. Keiner verband diese beiden Genres so gekonnt wie Linkin Park. Andere Bands hatten bereits mit Rhythmik und Vocals experimentiert, aber mit Hybrid Theory lag nun ein Album vor, das konsequent harsche Metal-Vocals mit Rap-Parts, schwere Riffs mit quietschenden Samples vermengte und zu einer schlüssigen Einheit formte.

Hinzu kam: Wie kein Zweiter vermochte es Sänger Chester Bennington, in seinen Texten diese Erfahrungen der Resignation, Verzweiflung und Depression zu verarbeiten, die auf die Euphorie der Neunziger gefolgt waren. Drogensucht und Abhängigkeit waren zwar schon lange ein Topos in der Musik, doch meistens ging es entweder um Verherrlichung oder um Verurteilung. Selten zuvor war so offen über die derselben vorausgehenden Zustände von Angst, Depression und Enge gesungen worden. Es ging eben nicht um Macho-Posen.

Der Einfluss von „Hybrid Theory“ zieht sich bis Billie Eilish

Es ist sicherlich auch dem allgegenwärtigen Einfluss dieser Texte zu verdanken, dass psychische Erkrankungen in unserer Generation ihr Stigma verloren haben. „Mein Kopf ist keine gute Nachbarschaft, ich sollte darin nicht allein unterwegs sein“, sagte Chester Bennington einmal in einem Interview. 2017 nahm er sich das Leben.

Heute gehören Hybrid Theory und vor allem In The End zum festen Bestandteil jeder 2000er Nostalgie. Erinnert wird sich vor allem an die gefühlvollen Texte, die vor dem Hintergrund von Benningtons Tod eine tragische Note bekommen. Nicht zu unterschätzen ist auch ihr Einfluss auf Nachfolgende, nicht nur aus der Alternative-Szene, sondern auch auf Künstlerinnen aus dem Mainstream.

Billie Eilishs synthiger, depressiver Sound wäre ohne Linkin Parks Pionierarbeit wohl kaum denkbar gewesen. Umso ärgerlicher ist die Neubesetzung nach Benningtons Tod: Emily Armstrong war seit ihrer Geburt Mitglied bei Scientology, die Psychologie und Psychiatrie strikt ablehnt. Zudem unterstützte sie noch 2020 den Schauspieler und Mit-Scientologen Danny Masterson bei seinem Prozess wegen mehrfacher Vergewaltigung.

Nach dem Backlash distanzierte sich Armstrong zwar von Masterson, doch hält sie sich über ihre Verbindung zu Scientology bedeckt. Heute reitet die Band vor allem auf der Nostalgiewelle, ohne in irgendeiner Weise Haltung zu zeigen. Auch hier fehlt Chester Bennington. Noch 2015 schrieb er auf Twitter: „Trump ist eine größere Bedrohung für die USA als der Terrorismus! Wir müssen unsere Stimme erheben und für unsere Überzeugungen einstehen.“ Auch nach 25 Jahren bleibt Hybrid Theory vor allem: ein Mittel gegen die Verzweiflung, das wir heute vielleicht sogar dringender brauchen als damals …

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