Die Blockade der Straße von Hormus bedroht auch Chinas Ölimporte aus dem Nahen Osten. Die Volksrepublik kritisiert den Iran-Krieg deshalb – und verweist in diesem Fall auf das Völkerrecht.
In Chinas Staatsmedien werden die USA als Unruhestifter dargestellt, in einer Karikatur gar als Teufel, der die Welt mit Bomben in Brand setzt. Der Iran-Krieg spielt in den chinesischen Medien zwar keine dominierende Rolle, da er angesichts des zurzeit tagenden Nationalen Volkskongresses als eines der wichtigsten innenpolitischen Ereignisse des Jahres in den Hintergrund tritt.
Neben Lage- und Frontberichten wird aber unter anderem über die Auswirkungen des Krieges auf die Weltwirtschaft berichtet. Die Gefährdung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus, einer der wichtigsten Seerouten für den weltweiten Ölhandel, führe „zu steigenden Energiepreisen, sowie zu höheren Transportkosten und teureren Versicherungen für Tanker. Das wird erhebliche Verluste für die Weltwirtschaft verursachen“, sagt Cao Weidong, ein chinesischer Militärexperte, im Staatsfernsehen CCTV.
Kaum angesprochen wird dagegen die direkte Auswirkung des Krieges auf China.
Großabnehmer – aber nicht abhängig
China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat im vergangenen Jahr nach Angaben der Analysefirma Kepler trotz internationaler Sanktionen gegen Iran 80 Prozent des iranischen Öls gekauft. Für China macht das Öl aus Iran etwa zwölf Prozent seiner Ölimporte aus. Diese seien für China zwar nicht unbedeutend, aber auch nicht die größte Energiequelle, so Angela Stanzel von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.
China habe sich in den vergangenen Jahren zu einer Art wirtschaftlicher Lebensader für Iran etabliert, gleichzeitig aber auch Partnerschaften zu anderen Golfstaaten wie Irans Erzfeind Saudi-Arabien aufgebaut. Insgesamt sei Iran abhängiger von China als umgekehrt.
Die am Persischen Golf gelegenen Staaten.
Sorge um die Straße von Hormus
Allerdings ist China insgesamt auf Ölimporte aus Ländern wie Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Emiraten angewiesen, die wiederum durch die Straße von Hormus laufen.
Insgesamt kommt etwa die Hälfte der chinesischen Ölimporte aus den Golfstaaten. Die Sperrung der Straße und die Unterbrechung der Lieferketten von Hormus löse in China eine „sehr große Besorgnis“ aus, sagt Stanzel.
Eine Alternative sei es für China, noch mehr russisches Öl und Gas zu beziehen, so wie es das bereits in den vergangenen Jahren getan hat. Das wäre für China eine „relativ günstige und einfache Option“, stellt Stanzel fest, schließlich sei Russland auch relativ abhängig von China.
Derzeit scheine Chinas Strategie aber eher zu sein, auf Iran einzuwirken, dass die Straße von Hormus wieder geöffnet wird.
Das Völkerrecht – hier ein Argument
Die kommunistische Führung Chinas hat in den vergangenen Tagen die Angriffe auf Iran und die Tötung des Religionsführers Ali Chamenei wiederholt verurteilt. „Die Militärschläge der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran ohne Genehmigung des UN-Sicherheitsrats verstoßen gegen das Völkerrecht“, so Mao Ning, Sprecherin des chinesischen Außenministeriums.
China fordert demnach alle Parteien nachdrücklich auf, die Militäroperationen einzustellen und eine weitere Ausweitung des Krieges zu verhindern. Die Staats- und Parteiführung hat zudem angekündigt, den Sondergesandten Zhai Jun in die Region zu schicken, um zu vermitteln.
Zu den Angriffen hatte sich der chinesische Außenminister Wang Yi auch telefonisch mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow ausgetauscht. Russlands völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine hat Chinas Führung bis heute nicht verurteilt. China pflegt sowohl zu Russland als auch Iran eine Partnerschaft. Die Streitkräfte der drei Länder haben in den vergangenen Jahren bereits mehrmals gemeinsam Marineübungen abgehalten.
Dual-Use-Güter im Kriegseinsatz
Iran und Russland unterstützen sich gegenseitig mit Waffen. China verkauft Dual-Use-Güter an die beiden Länder, das heißt Waren, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Diese Dual-Use-Güter nutze Iran jetzt auch, um sich gegen den Angriff aus den USA und Israel zu wehren, so Stanzel.
Stanzel verweist darauf, dass einige Beobacher vermuteten, dass die USA vielleicht auch deswegen jetzt angegriffen haben, um China daran zu hindern, Iran noch mehr zu bewaffnen und auszurüsten. Es werde aber wohl noch eine Weile dauern, bis darüber Klarheit bestehe. Und: „Das setzt sehr viel Strategie auf der Seite der Trump-Administration voraus. Aber es ist auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass das zumindest ein Teil der Kalkulation war.“
Geht es bei diesem Krieg letztendlich um China? Nein, sagt William Figueroa von der Universität Groningen – er halte die Theorie für nicht stichhaltig. „Es geht um die Position der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Es geht um die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten und Israel in den letzten Jahren, insbesondere unter Donald Trump, eine Art Mission verfolgt haben, die Region mit militärischer Gewalt nach ihren eigenen Vorstellungen umzugestalten und das Machtgleichgewicht in die von ihnen gewünschte Richtung zu verschieben.“
Lagerbestände schützen gegen Preisanstieg
Was Chinas Energieversorgung betrifft, so sieht Figueroa diese für den Moment gesichert. China verfüge über hohe Lagerbestände an Öl, insbesondere auch an iranischem Öl. Das schirme die Wirtschaft von den kurzfristigen Schocks der Ölpreise etwas ab.
Analysten zufolge soll China über Rohöl-Lagerbestände von etwa 900 Millionen Barrel verfügen. Kurzfristige Versorgungsengpässe könnten so überbrückt werden.
Außerdem rechnet Figueroa damit, dass nun andere Länder als Reaktion auf den Krieg im Nahen Osten ihre Produktion erhöhen und dass China kurzfristig mehr Öl aus Russland importiert.
Suche nach alternativen Routen
China hat zudem nicht nur alternative Partnerschaften, sondern auch alternative Schiffsrouten im Blick. Schon länger arbeitet China daran, zu testen, wie gut der nördliche Seeweg in der Arktis nutzbar ist. Dazu kamen auch Eisbrecher zum Einsatz, denn die Route ist saisonal mit Eis bedeckt.
Angela Stanzel weist darauf hin, dass China dabei auch bis zu einem gewissen Grad mit Russland kooperiere: „Das ist auch offiziell die sogenannte arktische Seidenstraße, die China so benannt hat.“ Stanzel sieht diese für China als eine sehr attraktive Alternative zur Straße von Hormus, auch wenn sie abhängig vom Klima ist.
Source: tagesschau.de