Sophie Passmann und die Lust an jener Dauerbewertung

Das Internet hat die Rollen neu verteilt: Wer sich zeigt, wird bewertet. Wer bewertet, erzeugt Reichweite. In dieser Logik sind Frauen längst nicht mehr nur Opfer, sondern machen daraus Kapital – so wie Medienwunderkind Sophie Passmann.

Vielleicht ist das Problem von Frauen gar nicht mehr das Patriarchat. Vielleicht ist das Problem von Frauen der Spiegel der sozialen Netzwerke, in dem sie sich freiwillig zeigen, posten, gegenseitig bewerten, kommentieren, zerstören, bewundern und hassen.

Sophie Passmann ist dieser Dauerbeobachtung ausgesetzt, weil sie sich selbst zeigt und zeigen will. Sie hat das Aufmerksamkeitsroulette des Internets durchgespielt: Hier ein semipolitisches Statement reingeworfen, dort ein perfekt ausgeleuchtetes Foto, ein bisschen Selbstironie, und dann noch eine Botox-Beichte. Sie verdient überdurchschnittlich viel Geld mit Buchverträgen, Podcasts, TV-Sendungen und wenn sie Produkte in die Kamera hält. Sie ist ihr eigenes Produkt, gibt sie in ihrem neuen Buch zu. So frech, so offen, so dreist: Darf Sie das? Und wie!

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In ihrem neuen Buch formuliert sie es so: „Ich bin das Produkt einer Welt, die ich mittlerweile mitbeeinflussen darf.“ Was profan klingt, ist eine erstaunlich ehrliche Gegenwartsdiagnose. Im Internet hockt eine pausenlos beurteilende Jury. Frauen sind dort gleichzeitig Angeklagte, Richterinnen und Publikum. Dabei sind eben diese Frauen keine unterdrückten Opfer irgendeines Systems mehr, sie nehmen im Prozess der Dauerbewertung selbst teil, treffen selbstbestimmt Urteile über andere und sich selbst und leben mit den Konsequenzen.

Passmann ist abgeklärt und selbstkritisch genug, sich trotz ihres lukrativ vermarkteten Seelenstriptease nicht als Opfer zu sehen. Selbstmitleid adé. Sie stellt fest: „Die Meinung der anderen ist in sozialen Netzwerken omnipräsent und dabei völlig egal geworden. Leute können ganze Karrieren daraus machen, nicht gemocht zu werden.“

Sie gibt ganz offen zu, ihr helfe jeder Kommentar unter einem ihrer Instagram-Fotos, in dem sich jemand darüber beschwert, dass sie völlig überschätzt werde, dabei, ihre Miete zu bezahlen. Direkt oder indirekt. „Es gibt unendlich viele Meinungen von unendlich vielen Menschen zu wiederum unendlich vielen anderen Menschen, ein sich ewig befruchtendes und dabei völlig überflüssiges System.“

„Wie kann sie nur?“ ist kein großes feministisches Theoriebuch. Es ist das Protokoll einer Generation, die längst weiß, dass sie in ihrer eigenen Besessenheit von sich selbst, beim süchtigen Blick in den Spiegel, verliert, und trotzdem weiter hineinblickt. Besonders deutlich wird das, wenn Passmann ihre Gedankengänge offenbart: „Du willst schlau sein, so schlau, dass Leute überrascht sind, wenn du trotzdem gut aussiehst.“

Neben ihren persönlichen Erlebnissen schildert Passmann vor allem, was sie sich tagein, tagaus im Internet ansieht. Bauchnabel von Victoria-Secret-Models, Tradwives, Clean Girls, Taylor-Swift-Rätsel. Akribisch erzählt sie die Entstehungen der längst vergangenen Internetphänomene wie „Brat Summer“ und „Girlhood“ nach und lädt sie mit Interpretationen auf. Das wirkt manchmal, als würde sie einem Boomer-Leser das Internet erklären und ihn gleichzeitig von der intellektuellen Tiefe ihres Daueronlineseins überzeugen wollen.

Das Buch ähnelt, mit Ausnahme ihrer persönlichen Einblicke, über lange Strecken einer Social-Media-Timeline: anschlussfähig, gegenwartsfixiert, unterhaltsam, oberflächlich. Aber gerade darin liegt seine Stärke. „Wie kann sie nur?“ ist das perfekte Buch für eine Gegenwart, die sich gern beim Reflektieren beobachtet. Es diagnostiziert die Dauerjury, aber es macht nicht Schluss mit ihr. Vielleicht ist das einfach der Preis dafür, immer anschlussfähig sein zu wollen, auch für Werbepartner. Und selbst für das Patriarchat, das allmählich seinen Schrecken verliert.

Sophie Passmann: Wie kann sie nur? Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 23 Euro. Ab 12.3.

Source: welt.de

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