Am 26. Dezember erkannte mit Israel erstmals ein UN-Mitgliedsstaat das nordsomalische Spaltprodukt Somaliland an. Die muslimischen Nachbarn schrien auf, und der Präsident des „Failed State“ Somalia behauptete erneut, Somaliland wäre dazu auserkoren, Israel im Fall des Falles aus Gaza deportierte Palästinenser abzunehmen.
Deqa Qasim, der Leiter der Politik-Abteilung im somaliländischen „Außenministerium“, war der ranghöchste Beamte, der das vorläufig naheliegendste Motiv für Israels überraschende Freundlichkeit aussprach: Er bestätigte gegenüber dem israelischen Channel 12, dass Somaliland mit Israel über die Errichtung einer israelischen Militärbasis in Somaliland verhandle. Qasim nannte es auch „natürlich“, die somaliländische Botschaft in der Hauptstadt Israels zu eröffnen – in Jerusalem.
Ein Blick auf die Karte erklärt die Anziehungskraft des steinigen Territoriums, das außer Vieh nichts Nennenswertes exportiert: Von Somalilands Hafen Berbera lässt sich das Nadelöhr zwischen Indischem Ozean und Suezkanal kontrollieren – der Bab al-Mandab. Eine Marinebasis am Horn von Afrika brächte Israel erstmals in die Lage, die arabische Halbinsel von der Südseite in Schach zu halten.
Die Emirate als Kuratoren
Somaliland, so schien mir beim Buchen meiner Reise, „is simply the place to be“. Als ich mit einem Rückflugticket über Dubai einreiste, wurde gerade Tag sechs des Iran-Krieges geschrieben. Ich riskierte festzusitzen wie Europas Dubai-Urlauber – nur eben in einer halb von Analphabeten bewohnten Halbwüste mit nur einem täglichen Nicht-Dubai-Flug raus.
Somaliland genießt den klandestinen Beistand Äthiopiens, das als bevölkerungsreichster Binnenstaat der Welt einen privilegierten Zugang zum Hafen Berbera sucht. Als Kuratoren des bitterarmen Landes fungieren aber die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Sie betreiben dank eines 30+10-Jahres-Vertrages den ausgebauten Hafen Berbera. Vom neuen angrenzenden Tiefwasserhafen aus sichert die emiratische Marine die zynischen militärischen Abenteuer der VAE im Sudan und im nur 260 Kilometer entfernten Südjemen ab. Etwas Pech, und die proiranischen Huthis hätten Berbera während meines Aufenthalts bombardiert, doch sie hielten zum Glück still.
Somaliland mit sechs Millionen Menschen und 16 Millionen Stück Nutzvieh wird für seine demokratische Stabilität gerühmt. Tatsächlich führen Wahlen hier zu Machtwechseln. Der Amtsinhaber „Irro“ – ein russisch sprechender Ex-Diplomat mit finnischer Staatsbürgerschaft und Talent zur Trump-Umschmeichelei – ist bereits der sechste direkt gewählte Präsident seit dem Unabhängigkeitskrieg von 1981 bis 1991.
Von Stabilität kann im Kontext der afrikanischen Nachbarschaft nur bedingt die Rede sein: Da der auch vom autonomen Puntland beanspruchte Landesosten – bekannt unter dem Kürzel „SSC“ oder „Chatumo“ – Schauplatz mehrerer somaliländischer Truppenaufmärsche war und sich 2025 Somalia unterstellt hat, kontrolliert Somaliland bis zu 45 Prozent seines reklamierten Staatsgebietes nicht. Auch das Verhältnis zur westlichen Region Awdal ist angespannt. Als in der Hauptstadt Hargeisa „Israil!“-Freudenrufe erschallten, wurden in Awdal Palästinafahnen geschwenkt. Die Erklärung ist einfach: Somaliland ist letztlich das Projekt des somalischen Clans der Isaaq, der auf einen im 12. Jahrhundert aus Arabien eingewanderten Scheich zurückgehen soll.
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Einmal betreten, war Somaliland mein Afrikaschock: die augenfällige Geburtenrate, die Malariagefahr, der Dreck am zentralen Markt von Hargeisa, abgasversehrt vom ewigen Stau alter weißer Toyotas mit deutsch klingenden Namen wie „Platz“ oder „Vitz“. Ziegen, Esel und Kamele an der frisch asphaltierten Fernstraße von Äthiopien nach Berbera, gezählte zehn Checkpoints. Da die größte Banknote des „Somaliland-Schillings“ keine 45 Eurocent wert ist, werden die feuchten Lappen paketweise gehandelt, von Gummibändern zusammengehalten. Bei Nacht sah ich Jungs auf einem Kunstrasen-Funcourt kicken, in Socken und Schlappen. Zwei Spieler teilten sich das einzige Paar Fußballschuhe nach dem Schlüssel: ein Fuß in der Socke, ein Fuß im Schuh.
An einem der heißesten Orte der Welt
Während die 1.334 Höhenmeter, auf denen die Hauptstadt Hargeisa liegt, für ganz angenehme Temperaturen sorgen, zählt Berbera zu den heißesten Orten der Welt. Ich ging dort an einem Vormittag schwimmen und schrie auf dem aschgrauen Sand vor Schmerzen auf. In meinem Hotel, in dem man das Wasser händisch ins WC schöpfen musste, wagte ich nachts wegen der Malaria nicht, das Fenster zu öffnen.
Als mich in der brütend heißen Kammer trotzdem immer mehr Stechmücken erwischten, kulminierte meine Verzweiflung. Auf den Straßen lachten mich verschleierte Frauen aus, Jungs zupften an meinem Hemd, und alle zwanzig Sekunden schrie mir einer zu: „Where are you from?“ Das Vergnügen, das ich an meinen somaliländischen Spaziergängen empfand, entsprach dem eines Hasen während der Treibjagd.
In fünf Tagen Somaliland sah ich keine zehn Weißen. Weder die Emirate noch Israel traten visuell in Erscheinung. Auf Somalilands einzigem „internationalen“ Flughafen traf ich einen ukrainischen Seemann aus Odessa, der auf einem Tanker an der Straße von Hormus festgesteckt hatte und über Hargeisa ausgeflogen wurde. Da er nicht eingezogen werden wollte, hatte er die Ukraine seit Kriegsbeginn nicht mehr betreten; seine junge Familie traf er bei Zusammenkünften in Georgien, Bulgarien oder Rumänien.
Am längsten hing ich mit Wladimir Wladimirowitsch ab. Der 32-jährige Petersburger war ein Geografielehrer, der zu Hause gegen 20 Dollar Online-Nachhilfestunden für Kinder der Moskauer Oberschicht gab und sich davon ausgiebige, „vollkommen autonome Reisen“ leisten konnte. Sein Rucksack wog 30 Kilo. Ich meine, W. W. war ein ziemlich guter Geografielehrer: Wer in Europa hat davon gehört, dass im äthiopischen Hochland ein Bürgerkrieg von Amhara-Milizen gegen die Zentralregierung tobt? W. W. weiß das, denn er hat mit den „Fano“, einer Miliz, verhandelt.
Makel der europäisch-russischen Entfremdung
Er war begeistert, nach drei Monaten erstmals wieder seine Muttersprache sprechen zu können, wir mochten auf Außenstehende wie alte russische Kumpels wirken, doch W. W. kehrte trotz des Du-Worts immer wieder zum Siezen zurück. Er freundete sich lieber mit einem Australo-Somalier an, der seine Ferien stets in Somaliland verbrachte, weil er hier legal seiner geliebten Droge frönen konnte.
Diese Distanz zeigte vielleicht den Grad der europäisch-russischen Entfremdung. W. W. kritisierte den Ukraine-Krieg als „beidseitiges Business“, einige seiner Jugendfreunde aus einem Petersburger Problemkiez waren an der Front gefallen. Gerade deswegen verstand er wohl besser als ich die Mentalität des Krieges – in der russischen wie auch der afrikanischen Welt.
Er erzählte mir eine Begebenheit: Ein Bekannter von ihm, ein Wagner-Söldner, ließ sich einst minutenlang von einem unbekannten Betrunkenen beleidigen, schließlich schlug er den Mann auf die roheste Weise zusammen. Wladimir Wladimirowitsch fand das richtig. Denn: „Worte bedeuten in Russland sehr viel.“
In Somaliland herrscht ein unduldsamer Islam, der Ramadan wird strikt eingehalten, und es gibt in der Bevölkerung eine klare Polarisierung: Gläubige gegen Junkies. Somaliländische Gentlemen, welche sich nach arabischem Vorbild kleiden, sind typischerweise gegen Israel und die verkündete somaliländisch-israelische Allianz. Im alten Fischerviertel von Berbera, vor einem Motoröl, Schrauben und anderem Zubehör für Fischerboote führenden Laden, begann mich ein Fischer zu missionieren.
Abdisamed hatte zwölf Jahre in Göteborg gelebt, dort Jobs als Gärtner und Altenpfleger gemacht, bei Weitem nicht alle Arbeitgeber hatten ihm aber erlaubt, seine Pausen während der vorgeschriebenen islamischen Gebetszeiten zu halten. Schließlich war er nach Somaliland zurückgekehrt – „weil ich in Schweden nicht den Islam praktizieren kann“. Der belesene Fischer, der die besten Muslime der Welt in Afghanistan vermutet, begründete seine grundsätzliche Ablehnung Israels mit einer Geschichte über Mohammed in Medina: „Die Juden halten sich an keine Abkommen. Sie werden auch dieses brechen.“
Somaliland ist gleichzeitig ein Narko-Staat. Die Droge heißt Khat: grüne Blätter, die vom Morgen bis zum Abend gekaut werden, im Ramadan vom Abend bis zum Morgen. Auch die Heerscharen von Polizisten kauen mit. Einer, der für die Sicherheit eines Straßenmarkts zu sorgen hatte, war so benommen, dass er beim Anzünden einer Zigarette den Lauf seines Gewehres mit seinem Feuerzeug verwechselte. Die Khat-Kauer, die laut Abdisamed in Somaliland die Mehrheit stellen, äußerten – sofern sie noch einen Halbsatz rausbrachten – eher Sympathien für Israel.
Die Droge Khat soll im eigenen Hochland gedeihen
Für dieses Lager sprach der 52-jährige Abdiles, Inhaber einer der ungezählten Berberer Teehaus-Terrassen, auf denen bis hin zu den bizarrsten Deformationen des Zahnfleisches gekaut wird. Begeistert erzählte er: „25 von unseren Leuten brechen gerade nach Israel auf, um dort Bewässerungsmethoden zu studieren!“ Und: „Botschafter in Israel wird Mohammed Hadschi! Zuvor Botschafter in Taiwan.“ Die Kritik der islamischen Welt konterte er knapp: „Was haben die Muslime für uns getan?“ Am Khat störte Abdiles nur, dass er aus Äthiopien importiert wird. „Es laufen schon Feldversuche, ob Khat nicht auch bei uns im Hochland gedeiht.“
An Tag zehn des Iran-Krieges telefonierte ich mit Deqa Qasim. Der Politik-Chef des Außenministeriums, der die Möglichkeit einer israelischen Militärbasis im Januar mit ungewöhnlicher Offenheit bestätigt hatte, besaß eine seltsame Stimme, weder männlich noch weiblich, erklärte sich aber sofort zu einem Interview in der Hotellobby bereit. Qasim fragte nur noch per SMS nach, was meine Fragen wären. Dann tauchte er ab. Zum Interview erschien er nicht.
Serie Europa Transit Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa