Sollten welche Fotos wie Vorlagen zum Besten von den Wiederaufbau nachdem dem Bombenkrieg fungieren?

Ein Konvolut von 3300 Luftaufnahmen zeigt ungeschönt den Kriegsalltag des Dritten Reiches. Wer konnte unter den Bedingungen von Zensur und Geheimhaltung dieses Material zusammentragen? Die Spur führt zu einem der mächtigsten Männer des NS-Regimes.

Lars Olof Larsson war gerade auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Kiel berufen worden, als er 1980 auf dem Dachboden einer verstorbenen Verwandten in Osterode im Harz auf eine Reihe von Holzkästen mit einem erstaunlichen Inhalt stieß: Rollen mit Tausenden Filmnegativen, die Luftaufnahmen von Städten und Dörfern des Großdeutschen Reiches und von ihm besetzten Ostgebieten enthielten.

1986 gab Larsson das Konvolut an das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg, wo die Negative gesichert, Abzüge erstellt und digitalisiert wurden. 

Später wurden mehrere Filmrollen, die Kriegszerstörungen in Kiel 1944 dokumentieren und die Larsson zunächst dem Kieler Stadtarchiv überlassen hatte, ebenfalls von Marburg übernommen. Viele Fotos tragen auf ihrer Rückseite Prüfstempel des Reichsluftfahrtministeriums, mehr als ein Drittel des „Reichsministers f. Rüstung u. Kriegsproduktion“. Der hieß seit dem 2. September 1944 Albert Speer.

Der ehrgeizige Architekt hatte es als Favorit Hitlers zum „Generalbauinspektor der Reichshauptstadt“ gebracht und war im Februar 1942 zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition aufgestiegen. Am Ende des Krieges zählte er neben SS-Chef Heinrich Himmler und Propagandaminister Joseph Goebbels zu den mächtigsten Paladinen im wankenden Führerstaat. Was hatte er mit 3326 Luftaufnahmen zu tun, die so unterschiedliche Motive zeigen wie die Dresdner Frauenkirche, das NS-Gauforumsgelände von Weimar oder das Getto von Litzmannstadt (Lodz)? Und wie konnte das Konvolut überhaupt unter den Bedingungen von Zensur und Zwängen zur Geheimhaltung, zumal in den letzten Jahren des Krieges, zusammengetragen werden? Sollte dieses breite Panorama eines vergehenden Deutschen Reiches gar als Dokumentation für den Wiederaufbau nach Ende des Krieges dienen?

Die stolze Zahl von 325 abgelichteten Orten würde dafür sprechen. Dass auf 132 Fotos Lübeck abgelichtet wurde, Berlin aber nur auf sechs lässt darauf schließen, dass der ursprüngliche Bestand deutlich größer gewesen ist; möglicherweise gingen ältere Teile im Bombenkrieg verloren. Die Wahl der Motive spricht jedoch gegen einen systematischen Sammlungsaufbau. Manche Fotos wurden aus großer Höhe aufgenommen, andere im Tiefflug über Stadtteile und Dörfer, in denen sogar einzelne Gebäude zu erkennen sind. Gemein ist ihnen nur, dass „ein Großteil der Fotografien motivisch Architektur abbildete“, folgert der Fotografie-Historiker Marco Rasch in seiner Studie „Das Luftbild in Deutschland von den Anfängen bis Albert Speer“ (Verlag Wilhelm Fink).

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Gegen eine Materialsammlung für den Wiederaufbau spricht auch die Technik. Es handelt sich nämlich um Schrägluftaufnahmen, bei denen die sichtbaren Geländeabschnitte umso größer werden, je niedriger der Aufnahmewinkel gewählt wird. Das bedeutet aber auch, dass entferntere Quartiere und Straßenzüge hinter denen im Vordergrund verschwinden. Um Grundlagen für die Stadtplanung zu gewinnen, hätte man jedoch auf Senkrechtaufnahmen zurückgreifen müssen, wie sie etwa Militärs bei der Analyse von Stellungen am Boden verwenden. Nur so hätte sich die Breite von Straßen oder die Lage von Gebäudeensembles exakt dokumentieren lassen.

Im Büro des „Generalbauinspektors der Reichshauptstadt“ dachte man jedoch an einen anderen Verwendungszweck. Rasch zitiert aus dem Brief des Speer-Mitarbeiters und späteren Berliner Senatsbaudirektors Hans Stephan von 1937. Darin wurden bei der Hansa Luftbild GmbH Schrägluftaufnahmen bestellt, „welche als Unterlage für eine Darstellung der Neuplanung der Reichshauptstadt dienen sollen. Die Aufnahmen müssen aus bestimmten Richtungen und aus großen Höhen gemacht werden“, um „dem Führer und hohen Reichsstellen vorgelegt zu werden“.

Es ging also um die Sammlung von Präsentations- und Argumentationsmaterial. Das würde auch erklären, warum Fotos aus der Zwischenkriegszeit etwa 40 Prozent des Konvoluts ausmachen. Die Zusammenarbeit mit Firmen wie der Hansa Luftbild oder der Staatlichen Bildstelle in Berlin war nach dem Ausbruch des Krieges wegen der geltenden Vorschriften zur Geheimhaltung aber kaum mehr möglich. Umso erstaunlicher ist daher der Bestand von 1285 Fotos, die zwischen 1943 und 1945  ungeschönt den Kriegsalltag spiegeln.

Nun wurden auf einmal überfüllte Bahnhöfe, Bombenschäden, Flak-Stellungen, Schützengräben, Feuerlöschteiche und Krankenhäuser, die zum Schutz gegen Bombenangriffe Kreuze auf den Dächern trugen, zu Fotomotiven. Da die Aufnahmen im Hinterland der Fronten entstanden, scheidet die Wehrmacht als Erzeuger aus. Auch als Propaganda-Material gegen alliierte „Terrorangriffe“ waren die Fotos nicht zu verwenden, hatte Goebbels derartige Illustrationen wegen ihrer defätistischen Wirkung doch verboten. Dass solche Aufnahmen überhaupt gemacht werden konnten, verweist auf einen einflussreichen Apparat im NS-Regime, der über eigene Flugzeuge und genügend Handlungsfreiheit verfügte, diese auch einzusetzen.

Rasch verweist auf die mangelhafte Professionalität dieser Aufnahmen: „Der Fotograf drückte spontan und häufig bei ihm interessant erscheinenden Motiven auf den Auslöser, egal welchen Winkel er mit der Kamera dafür einnehmen musste.“ Manchmal geriet der Bildausschnitt zu klein, manchmal das Motiv erheblich perspektivisch verzerrt. Für Rasch lassen sich daher die Fotos der Marburger Sammlung aus den Jahren 1943 und 1944 „auf eine einzelne Person zurückführen … die auch während dieser späten Kriegsjahre neben der Flugmöglichkeit Zugriff auf entsprechendes Fotomaterial“ hatte, „bei dem es sich um den speziellen Flugfilm ,Aeropan‘ der AGFA handelte“.

Diese „hochrangige Person des nationalsozialistischen Regimes, (die) aus dem Flieger heraus mit Fokus auf Architektur fotografierte“, dürfte Albert Speer persönlich gewesen sein. Als Organisator der Kriegswirtschaft war er häufig unterwegs und hatte dafür auch Zugriff auf einen eigenen Flugpark, darunter eine viermotorige Focke-Wulf Fw 200. Im Mai 1944 zum Beispiel war Speer nach Hamburg geflogen, um in der „Deutschen Werft“ eine Rede zu halten. Das passt zu Aufnahmen der durch die „Operation Gomorrha“ 1943 zerstörten Hansestadt, in der ihr Wahrzeichen, der Michel, noch nicht die Beschädigungen trägt, die ihm wenige Wochen später beigebracht wurden. Das würde auch die Bilder des intakten Braunschweig erklären, wo Speer Mitte 1944 eintraf. Deren Innenstadt wurde im Oktober Opfer eines Bombenangriffs.

Bekannt ist von ihm, dass er wie Hitler ein Technikfreak war, der seine Position nutzte, um seinen Dienstwagen mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahnen zu jagen oder die ersten „Tiger“-Panzer persönlich zu steuern. Zeugen berichten, dass er ein leidenschaftlicher Nutzer seiner Kleinbildkamera war, mit der er sich nicht scheute, Hitler in dessen Mercedes abzulichten, wie der Historiker Magnus Brechtken in seiner Speer-Biografie ausführt. Möglich, dass Speer an eine mögliche Verwendung seiner Fotos in dem „Wiederaufbaustab“ gedacht haben mag, den er 1943 vor allem als sicheren Hort für seine Architekten in seinem Ministerium gegründet hatte. Aber vor allem ging es ihm wohl um das Sammeln als Selbstzweck.

Als Anfang 1945 Bestände seiner Behörde aus dem Flakturm am Zoo in Berlin in den Harz ausgelagert wurden und die dortigen Höhlen bereits von anderen Stellen besetzt worden waren, musste sein Mitarbeiter Hans Stephan die Kisten auf Dachböden in und um Osterode verstauen. Dort gingen sie im Chaos des Kriegsendes verloren. Lediglich persönliche Fotografien des Ministers verstaute Stephan im Haus seiner Schwester. Dort wurden sie mit den anderen Filmrollen von Lars Olof Larsson 35 Jahre später entdeckt.

Die Kombination von motivischer und historischer Analyse zeige, „dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Speer nicht nur die Sammlung zusammengetragen, sondern einen Großteil der Aufnahmen selbst auf seinen zahlreichen ministeriellen Flügen erstellt hat“, resümiert Rasch. Er hat sogar die Position des Fotografen lokalisiert. Man darf sich das folgendermaßen vorstellen. Während die Wehrmacht ihre verzweifelten Rückzugsgefechte kämpfte, Bomberströme Städte auslöschten und die Todesfabriken des Völkermords an ihre Kapazitätsgrenzen stießen, ließ ein Minister sein Dienstflugzeug über seinen Zielen kreisen, um von einem hinteren Seitenplatz aus Schnappschüsse zu machen. Mit der Bedienung der Kamera scheint er „aufgrund gelegentlicher Unschärfen nicht so vertraut gewesen“ zu sein.

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de

Albert (1905-1981)Luftbilder (ks)Nationalsozialismus (ks)SpeerWAMS-Auswahl