Es war ein rigoroser, selbstbewusster Schritt. 1985 trat Grönland aus der Europäischen Gemeinschaft (EG) aus und wollte 2009 mit deren Nachfolger, der Europäischen Union, nicht so viel zu schaffen haben.
Die „Greenland Representation to the EU“ weigerte sich daher, mich zu empfangen – ich wurde vor 17 Jahren kurzerhand abgewiesen, als ich dort vorsprechen wollte. In meinem Brüssel-Buch beschrieb ich, wie ich mich trotzdem in den Büroblock mogelte, aber nicht in die hermetisch gesicherte Grönland-Etage vorzudringen vermochte. Sogar der Notausgang war im ersten Stock versperrt.
Im Lift gab es Tasten für alle Stockwerke, nicht aber für den ersten. Seitwärts im Lift funkelte dafür ein dunkles Kamera-Auge. Es gehörte Grönland. Grönland beobachtete mich feindselig und schweigend. Ich war offenbar nicht erwünscht.
Per Taxi zum Karaoke
Hat sich das am 22. Januar 2026, in einem existenziellen Augenblick für die Arktis-Insel, wenn in Brüssel ein EU-Sondergipfel zusammentritt, geändert? 27 Regierungschefs wollen in höchster Not darüber befinden, wie Europa auf eine gewaltsame Annexion Grönlands durch die Führungsmacht der NATO und den daraus folgenden Zerfall dieser Allianz reagieren sollte.
Ich hatte den Traum, einen solch historischen Moment in der Hauptstadt von EU und NATO zu verbringen – unter anderem in der grönländischen Repräsentanz. Natürlich hatte deren Personal jetzt erst recht keinen Nerv für Journalisten. Als ich jedoch einer Mitarbeiterin, deren Name Andersen an einen bekannten dänischen Märchenerzähler erinnert, ein Exemplar meines Buchs mit der Greenland-Thrill-Szene vorbeizubringen versprach, wurde sie schwach.
Der Sondergipfel war für 19 Uhr angesetzt, kurz vor fünf bat die Brüsseler Polizei Passanten, die Straßenabschnitte rings um das Ratsgebäude zu verlassen. Die einzig wahrnehmbare Aufwallung der „Zivilgesellschaft“ verkörperten Exil-Ecuadorianer, die vor dem Sofitel auf ihren Präsidenten warteten, der aber wegen Grönland nicht kam. Das rührige Dutzend verortete sich „in der Mitte“, hieß die Entführung von Nicolás Maduro durch Trump aber gut.
Europäische Solidarität mit Grönland konzentrierte sich auf die kleine Facebook-Gruppe „Europeans support Greenland. We are all Greenlanders. Greetings from Belgium“. Als einer der Initiatoren erwies sich ein bescheidener, Flämisch sprechender Senior, der nur alle paar Jahre Online-Spuren hinterlassen hatte. 2010 etwa beim Tod des Moderators der ersten belgischen Kinder-TV-Sendung.
Auf meine Interviewanfrage reagierte der progrönländische Belgier ablehnend. So besuchte ich zum Dinner ein rumänisch-französisches EU-Beamten-Paar, das danach wie jeden Donnerstag per Taxi zum Karaoke fuhr und seinen schlafenden 15-Monate-Stöpsel einer illegal beschäftigten Miet-Oma aus Kamerun übergab. „Die Zeiten sind schlecht“, sagte Liliana, „wenn nicht Putin Brüssel bombardiert, tut es vielleicht Trump.“ Auch ihre geliebten Radtouren in Taiwan waren bereits gestrichen: „Ich habe keine Lust, nach einer chinesischen Invasion dort festzusitzen.“
Ethnisch grönländisch
Ich zog weiter in Richtung von Grönlands EU-Botschaft, die mitten in „Gotham City“ liegt, einem Büroblock neben der dänischen Mission, und am Eingang den grönländischen Eisbären zeigt, der gemäß arktischer Mythologie immer nur die linke Tatze zum Angriff hebt. Ich klingelte, die Tür ging auf. Ich blickte wieder in ein dunkles grönländisches Kamera-Auge.
Der Lift fuhr los und hielt diesmal im ersten Stock. In den Büros war es totenstill. Frau Andersen saß kerzengerade vor einem hohen Bildschirm und scrollte langsam über lange graue Listen. Im Unterschied zu 2009 sei nun das ganze Personal hier ethnisch grönländisch, meinte sie nach kurzem Zögern. An den Wänden hingen große Fotos. Alle zeigten Eis. Weißes Eis, Eis im blauen Meer, Eis mit Blaustich, endloses Eis. „Laut Trump sind wir ja genau das“, sagte Frau Andersen mit Grabesstimme, „a piece of ice.“
Im Gegensatz zu manchem, was man so lese, seien sie als Bürger Dänemarks keine EU-Bürger, sie hätten nur – etwa beim Reisen – einige Rechte von EU-Bürgern. Jetzt werde es wohl einen Express-Beitritt Grönlands zur EU geben, äußerte ich eine Erwartung. Frau Andersen widersprach klar und kühl: „Das ist nicht unser Ziel.“ Grönland strebe nach wie vor die Unabhängigkeit an. Ich sagte, der Trump-Rückzieher in Davos sei für sie gewiss eine große Erleichterung gewesen. Daraufhin lächelte Frau Andersen und schüttelte den Kopf: „Nehmen Sie das, was er redet, für bare Münze?“
Anfang eines Witzes
Auslöser des Sondergipfels waren bekanntlich die Strafzölle, mit denen Trump acht europäische Staaten bedrohte, die eine abenteuerliche „Erkundungsmission“ zur Verteidigung Grönlands gestartet hatten. Europas „volle Solidarität“ wurde recht unterschiedlich ausgedrückt: Skandinavien marschierte voran, Frankreich entsandte 15 Gebirgsjäger, doch stellte sich der belgische Verteidigungsminister gegen ein „Komm her, Onkel Sam, liefern wir uns einen schönen Kampf und schauen, wer gewinnt“.
Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico stimmte in Mar-a-Lago einer Trump-Tirade gegen die EU-Führung zu, und Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto erklärte „Arctic Endurance“ zum „Anfang eines Witzes“. Unschlagbar die Bundeswehr, die an einem Freitagabend 15 unbewaffnete, von einem Flottenadmiral „begleitete“ Soldaten anlanden ließ, um sie schon am Sonntagmittag wieder aus Nuuk abzuziehen. Der Bendlerblock war mit seinem 44-stündigen Blitzkrieg zufrieden: „Die Erkundung ist auftragsgemäß abgearbeitet worden.“
Am späteren Abend war der Verkehr in Brüssel um die EU-Zentrale wieder freigegeben. Schon nach wenigen Stunden endete der Gipfel mit einem gegenseitigen Schulterklopfen: Europas unverbrüchliches Zusammenstehen gegen Trumps Zölle hätte ihn zum Rückzug gezwungen. Als Dank für meinen solidarischen Besuch schenkte mir Frau Andersen einen kleinen Anstecker. Die Fahnen Europas und Grönlands vereint, ich steckte ihn mir ans Revers. Stolz war ich auf dieses Europa aber nicht.