Das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV war torreich und intensiv. Schiedsrichter Florian Exner sprach vier Platzverweise aus, wovon er einen wieder zurücknahm. Nach dem Spiel stürmt die Polizei in den Auswärtsblock.
Jens Stage strahlte. „Eine Wahnsinnsstimmung heute. Wir freuen uns. Das war eine Teamleistung, das war eine Vereinsleistung. Die Stimmung war von Anfang an gut, die sportliche Leistung war gut. Wir haben uns das verdient“, sagte er bei Sky: „Dafür spielst du Fußball. So sollen Derbys sein.“
Mit zwei Toren hatte der Däne höchstselbst den wichtigen Derby-Sieg für Werder Bremen ermöglicht. Durch das 3:1 (1:1) gegen den Hamburger SV machte der neue Tabellen-14. einen großen Schritt Richtung Klassenerhalt und zog nach Punkten mit dem Erzrivalen gleich. Beide Nordklubs haben nun fünf Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz, die Hamburger allerdings nur eins ihrer vergangenen neun Spiele gewonnen.
Vor 41.800 Zuschauern im ausverkauften Weserstadion traf Stage in der 37. Minute zunächst per Kopf zum 1:0 für Werder. Robert Glatzels Ausgleich nur vier Minuten später (41.) war schon sehenswert. Doch nach der Pause schlenzte der 29-jährige Stage den Ball aus 17 Metern genau in den oberen rechten Winkel des HSV-Tores. Das 3:1 in der Nachspielzeit erzielte Cameron Puertas (90.+1). Doch Werders neuer Derby-Held heißt Stage. Bei der 2:3-Hinspiel-Niederlage in Hamburg hatte sein Tor zum 1:0 noch nicht gereicht. Er ist der erste Spieler seit Arnold „Pico“ Schütz in den Sechzigerjahren, dem in einer Saison drei Derbytore gelangen.
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HSV-Stürmer Philip Otele sah in der 79. Minute noch die Rote Karte. Und schon vor dem Spiel war vieles nach Bremer Geschmack gelaufen.
Die beiden Hamburger Schlüsselspieler Luka Vuskovic (Knieprellung) und Sambi Lokongo (Oberschenkelprobleme) wurden nicht mehr rechtzeitig fit und gehörten nicht einmal zum Spieltagskader. Dazu wurden die Werder-Profis auf dem Spielfeld mit einer gigantischen Fan-Choreographie über mehrere Tribünen empfangen. Darauf waren eine Krake mit Werder-Emblem und eine klare Ansage an den Erzrivalen HSV zu sehen: „Wir waren euer Untergang. Wir bleiben euer Untergang“.
Glatzels Traumtor zu wenig für den HSV
Derart angespornt, waren die Bremer von Beginn die aktivere Mannschaft, während sich die Hamburger eher abwartend verhielten. Das Problem war lange Zeit nur: Werders Offensivaktionen fehlten Durchschlagskraft und Präzision.
Die erste gute Chance des Spiels hatte der HSV durch Ransford-Yeboah Königsdörffer (26.), weil die Bremer Angriffe häufig so endeten wie in der Szene unmittelbar zuvor: Romano Schmid dribbelte sich auf Höhe des Hamburger Strafraums an mehreren Abwehrbeinen vorbei und wollte den Ball zu dem besser postierten Njinmah passen. Doch er spielte ihn stattdessen in den Fuß des HSV-Verteidigers Miro Muheim (26.).
Und auch als Stage nach einer Flanke von Yukinari Sugawara zum Bremer 1:0 getroffen hatte, war der Jubel im Weserstadion zwar laut und überschäumend – aber er hielt auch nicht lange an. Denn nur vier Minuten später setzte sich Glatzel im Zweikampf robust gegen Werder-Verteidiger Karim Coulibaly durch und hämmerte den Ball von der Strafraumgrenze in den linken oberen Torwinkel. Der Videoschiedsrichter überprüfte noch einmal ein mögliches Foulspiel des HSV-Stürmers – aber der sehenswerte Treffer zählte.
Rund um das Spielfeld bot sich ein bemerkenswerter Kontrast. Hunderte Polizisten waren im Einsatz, um die rivalisierenden Fangruppen voneinander fernzuhalten. Beide Trainer aber begrüßten sich herzlich. Denn Werders Daniel Thioune und Hamburgs Merlin Polzin sind seit gemeinsamen Zeiten beim VfL Osnabrück eng befreundet.
Nach der Pause sahen beide zunächst ein ähnliches Spiel wie zu Beginn: Wieder kam Werder deutlich griffiger und zielstrebiger aus der Kabine. Stages Traumtor war der Lohn dafür.
Der große Unterschied war jetzt: Der HSV konnte es nicht nutzen, dass die Gastgeber sich ab Mitte der zweiten Halbzeit immer weiter zurückzogen. Die Hamburger machten zwar das Spiel, kamen aber kaum zu Torchancen. Die beste Möglichkeit zum Ausgleich war ein viel zu harmlos ausgeführter Freistoß von Muheim in der 72. Minute.
Rot für eingewechselten Otele
Kurz darauf schwächten sich die Hamburger auch noch selbst: Der erst elf Minuten vorher eingewechselte Otele traf Werders Puertas mit offener Sohle am Bein. Schiedsrichter Florian Exner sah sich die Szene am Videobildschirm an und stellte den Nigerianer vom Platz (79.). Eine weitere Rote Karte für Bakery Jatta (86.) nahm er nach VAR-Eingriff wieder zurück.
„Es ist nicht fair, dem Schiri etwas anzukreiden. Das einzige ist, dass ich die Kommunikation schwierig finde, wenn man nicht klar und vernünftig kommunizieren kann. Auch nachdem ich die Binde übernommen habe“, sagte Hamburgs Nicolai Remberg bei DAZN: „Ich glaube, ein Schiri muss dann auch mal ein bisschen Ruhe ausstrahlen. Ich habe gerade die Rote Karte gesehen. Die kann ich sogar ein Stück weit nachvollziehen. Ich will ihm keinen Vorwurf machen: Aber in der Kommunikation habe ich bei ihm oft das Gefühl, dass er denkt, er wäre ein bisschen was Besseres. Man wird immer weggeschickt, bekommt patzige Antworten.“
Farbenfroh blieb es dennoch. Nach dem Bremer 3:1 kam es zu einer Rudelbildung vor der HSV-Bank, die zwei Rote Karten nach sich zog. Eine für Bremens Co-Trainer Jan Hoepner, eine für Loic Favé, den Assistenten von HSV-Chefcoach Merlin Polzin.
Nach dem Abpfiff verlagerte sich die Intensität auf die Ränge. Einige HSV-Anhänger kletterten über den Zaun in den Innenraum, die Polizei rückte anschließend in den HSV-Block ein. Es kam zu Auseinandersetzungen.
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Source: welt.de