So kann man gleichfalls vor kaputten Straßen kapitulieren

„Ausbruch“ nennt der Fachmann, was im Volksmund einfach „Schlagloch“ heißt. Mit 30.000 neuen rechnet allein das nachwinterliche Essen. Sollte mal wieder das Geld fehlen, sie zu füllen, hilft vielleicht britischer Humor.

Dem Gefühl, dass Deutschland sich im freien Fall befindet, dürfte man sich am Ende des langen, harten und abwechslungsreichen Winters als Autofahrer voraussichtlich in Essen am nächsten kommen. Wenn man alle paar Meter in eins jener 30.000 Schlaglöcher rast, die in der nordrhein-westfälischen Metropole als Folge der kalten Jahreszeit erwartet werden.

Ausbrüche, so der Fachausdruck für die sich gerade überall auftuenden, kavernentiefen Straßenschäden, entstehen durch Wasser, das in porösem Straßenbelag versickert, sich darunter ansammelt, gefriert und sich deswegen ausdehnt.

Das systematische Erhaltungsmanagement (man lernt bei der Recherche zu den profanen Fahrbahnschäden unheimlich feine Begriffe) der ohnehin überschuldeten Kommunen kostet allein die provisorische Verfüllung mit sogenanntem Kaltasphalt rund 200 Euro pro Schlagloch. Die Kosten dürften am Ende dieser Wintersaison in die Milliarden gehen.

Was einigermaßen alternativlos ist, seit Menschen ihrer Nikotinsucht nicht mehr mit Zigaretten, sondern mit Vapern nachkommen. Und die Insterburg-Methode zum Auffüllen von Ausbrüchen jedenfalls flach fällt. „Unsere Lungen sind voll Teer. Im Asphalt ist ein Loch. Wir husten drauf“, hatte die Klamauk-Truppe einst gereimt.

Die Beatles und die Potholes

Das war kurz nachdem „Potholes“ (so heißen Schlaglöcher beinahe unangemessen poetisch im Englischen) zum ersten Mal kulturnotorisch wurden. Ende Januar 1967 hatten sich die Beatles in den Abbey Roads Studios zusammengetan für „Sgt. Peppers Lonely Heart Club Band“.

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Und John Lennon machte sich im Schlussstück „A Day in the Live“ – dem laut „Rolling Stone“ besten Song aller Zeiten – einen Spaß aus einer Meldung, die gerade in der „Daily Mail“ erschienen war. Von den 4000 Löchern handelte die Meldung, die in Blackburn/Lancashire gezählt wurden. Womit auf 26 Einwohner ein Pothole kam. Lennon scherzte: „Now they know how many holes it takes to fill the Albert Hall“ – „Jetzt weiß man, wie viele Löcher man braucht, um die Albert Hall zu füllen“.

Möglicherweise der Straßenverhältnisse wegen, so legendär schlecht wie die Küche, hat sich nirgends eine derartige Schlaglochkultur ausgebildet wie in England. Der Australier Steve Wheen zum Beispiel – einer der führenden Vertreter des „Pothole-Gardening“  – gestaltet Ausbrüche zu puppenstubenkleinen Alltagsszenen um, bepflanzt sie, umstellt sie mit Stühlchen, mit roten Minitelefonzellen und Tennisplätzchen samt Mäher. Schlaglöcher werden von Stadtguerillas mit Mosaiken aus Eiscreme- und manchmal auch Penis-Motiven zugepflastert.

Die schönsten Schlaglöcher aber soll es nicht in Großbritannien geben. Sondern im kanadischen Montreal. Sagen Claudia Ficca und Davide Luciano. Die kennen die Schlaglochlandschaft wie niemand sonst. Sie haben Potholes weltweit für ein mittlerweile legendäres Fotoprojekt genutzt. Menschen sieht man darauf, die in Schlaglöchern Wäsche waschen, die weiße Kaninchen vor dem Absturz in einen Ausbruch retten oder Spaghetti aus einem Pothole-Pott essen. Große Schlagloch-Bilder von Ficca/Luciano sind im Gegenwert von 22,5 erfolgreichen Essener Kaltasphaltverfüllungen zu haben.

Source: welt.de

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