So geht Gesundheitsreform: Behandelt endlich die Ärzte!

Einerseits ist es ein gutes Zeichen, dass Ministerin Nina Warken jetzt ihre Gesundheitsreform auf den Weg bringt. Wenn alles läuft wie geplant, werden die belasteten Krankenkassen bald viel Geld sparen. Vielleicht müssen Arbeitnehmer sogar ein bisschen weniger Beiträge zahlen, jedenfalls wird die Steigerung bekämpft. Arbeit wird entlastet. Und vielleicht das Wichtigste: Die Regierungskoalition beweist, dass sie sich auf Reformen einigen kann. Vielleicht geht alles sogar so schnell, dass die vielen Lobbyisten mit ihren Kampagnen nicht hinterherkommen. Einerseits.

Andererseits behandelt Warken mit all dem nur, Entschuldigung, die Symptome. Das deutsche Gesundheitswesen ist kaum noch bezahlbar und muss Geld sparen – dann werden eben die nötigen Einsparungen auf viele Schultern verteilt: Die Krankenhäuser müssen auf etwas Geld verzichten, die Ärzte auch, Apotheken und Pharmakonzerne sollen Rabatt gewähren. Nicht arbeitende Ehepartner sollen unter Umständen Beiträge zahlen, Gutverdiener sowieso, und Patienten leisten künftig höhere Zuzahlungen für ihre Medikamente. Die von Warken eingesetzte Expertengruppe hieß „Finanzkommission“, sie sollte sich ums Geld kümmern. So werden Finanzlücken gestopft, aber nicht das Problem angepackt.

Denn die Wahrheit ist: Das deutsche Gesundheitssystem ist gleichzeitig teuer und nicht besonders gut. Jeder achte erwirtschaftete Euro fließt in Deutschland in die Gesundheit – nur die Vereinigten Staaten leisten sich noch mehr.

Man muss sich einmal in Ruhe vor Augen führen, was die Industrieländer-Organisation OECD über das deutsche Gesundheitssystem so weiß: Die Deutschen sind so oft beim Arzt wie sonst nur die Koreaner und die Ungarn. In kaum einem Land gibt es mehr Krankenhausbetten, in kaum einem Land bleiben die Deutschen länger im Hospital.

Nur in der Schweiz werden mehr Knie als in Deutschland ausgewechselt, mehr Hüften nirgends. Trotzdem bekommen Patienten ihre Facharzttermine in Deutschland schneller als in den meisten anderen reichen Ländern, so viel sie auch über Wartezeiten klagen. Es gibt zwar wenige Apotheker, aber überdurchschnittlich viele Ärzte und Krankenpfleger. Nur die Notaufnahme besuchen die Deutschen selten; im Durchschnitt nur alle sieben Jahre. Belgier sind doppelt so oft dort, die Spanier sogar fast jedes Jahr. In anderen Ländern scheint die Notaufnahme eher als Auffangbecken für fehlende Ärzte nötig zu sein.

Paradoxe Situation: Wir sind üppig versorgt, aber trotzdem krank

Die Deutschen sind also üppig versorgt. Doch wer jetzt glaubt, dann wären sie auch besonders gesund – weit gefehlt. Die Lebenserwartung liegt sogar etwas unter dem Durchschnitt der reichen Länder. Dafür klagen recht viele Deutsche über schlechte Gesundheit. Da sagen die Ärzte oft: Das liegt daran, dass die Deutschen sich so ungesund benehmen. Doch auch das stimmt nicht. Die Statistik weiß: Die Deutschen bewegen sich überdurchschnittlich viel, Übergewicht ist hier nicht so weit verbreitet wie anderswo. Zwar trinken die Deutschen recht viel Alkohol, dafür gibt es nur wenige Raucher. So schlimm ist der Lebensstil der Deutschen nicht, dass sie an ihrer geringen Lebenserwartung selbst schuld wären.

Das Problem ist die Versorgung. Trotz all der vielen Ärzte und Krankenhäuser: Herzinfarkt-Patienten überleben in der Türkei eher als in Deutschland, das inzwischen auf dem Niveau von Chile steht. Nach den vielen Hüft- und Knie-Operationen geht es den Patienten in Deutschland nicht so gut wie in anderen Ländern. Und man muss lange suchen, bis man ein Land findet, in dem so vielen Diabetikern Gliedmaßen amputiert werden müssen wie in Deutschland.

Die Ursachen für die Misere sind oft beschrieben. Sie haben gerade mit dem Überfluss im Gesundheitssystem zu tun. Da ist zu viel Bürokratie im System. Und zu viele Ärzte und Krankenhäuser, die zu wenig Erfahrung mit schweren Fällen haben und sie trotzdem behandeln. Deutschland muss endlich kapieren: Lieber gehen sie seltener zum Arzt und müssen weiter fahren – dafür bekommen sie einen Arzt, der sie besser behandelt. Dann müssen sie auch nicht mehr so oft wieder hin.

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