Der Technologiekonzern Siemens hofft auf einen Regierungswechsel in Deutschland. Der Vorstandsvorsitzende Roland Busch sagte auf der Telefonkonferenz am Donnerstag gegenüber Journalisten: „Insbesondere Deutschland sehen wir weiterhin im Krisenmodus.“ Anlässlich der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2024/2025 (per 30. September) berichtete er von einer insgesamt verhaltenen wirtschaftlichen Dynamik.
Wenig Investitionsbereitschaft
„Es gab wenig Bereitschaft zu investieren, etwa in Kernbranchen wie Automotive und Maschinenbau.“ Europa als Schlüsselregion von Siemens sei nicht in Schwung gekommen. In Deutschland warten nach den Worten von Busch die Wirtschaft und die Gesellschaft dringend auf klare Impulse und Handlungen einer neuen Regierung.
Konkret sprach sich Busch für niedrigere Energiepreise, eine pragmatische Regulierung der Künstlichen Intelligenz (KI), mehr Innovationstempo und die Modernisierung der Infrastruktur auch mit Hilfe privaten Kapitals aus. In Deutschland würden nicht nur alle Arbeitskräfte benötigt, sondern müssten zudem die besten Talente aus dem Ausland gewonnen werden.
Busch forderte von einer neuen Bundesregierung auch, sich für den Freihandel einzusetzen. Als Beispiel forderte er ein entsprechendes Abkommen mit Indien. Zudem müsse Europa als ein Markt betrachtet werden, nicht nur im Kapitalmarkt, sondern auch für alle anderen Waren und Güter.
Durchwachsener Auftakt
Die Zahlen im ersten Quartal fielen durchwachsen aus: Der Umsatz wuchs gegenüber dem Vorjahreszeitraum um drei Prozent auf 18,4 Milliarden Euro, doch der Auftragseingang sank um acht Prozent auf 20,1 Milliarden Euro. Mit 118 Milliarden Euro erreichte der Auftragsbestand Ende Dezember ein Rekordniveau.
Das Ergebnis im Industriellen Geschäft ging um acht Prozent auf 2,5 Milliarden Euro zurück. Der Gewinn nach Steuern profitierte von dem Verkauf des Antriebsspezialisten Innomotics im vergangenen Sommer und legte deshalb um 52 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro zu. Innomotics trug dazu 2,1 Milliarden Euro bei. Busch wertete das erste Quartal als starken Start in das Geschäftsjahr.
„Klares Momentum und solides Fundament“
Er sprach von einem klaren Momentum für eine kontinuierliche Wertsteigerung. „Unsere strategisch gute Position in attraktiven Märkten – mit einer ausgewogenen globalen Präsenz – ist ein solides Fundament, um die anhaltenden makroökonomischen Unsicherheiten zu meistern.“ Aufgrund der breiten internationalen Aufstellung und der Fertigung vor Ort fürchtet er die Zölle des US-Präsidenten Donald Trump und die zu erwartenden Gegenmaßnahmen nicht. Jedoch hilft der Freihandel nach Ansicht von Busch der Weltwirtschaft. Zölle treiben seinen Worten zufolge die Inflation, was die Wirtschaft belaste.
Das Geschäft der Kernsparte Digital Industries, das sich aus Industrieautomatisierung und -software zusammensetzt, verzeichnete wieder einen höheren Auftragseingang. Gleichwohl litt der Umsatz weiterhin unter der Flaute in China. Hier sieht Siemens erste Anzeichen einer Erholung. „Dort erwarten wir, dass unsere Kunden ihre Lagerbestände bis Ende des zweiten Quartals weitestgehend abgebaut haben“, sagte Busch.
Dynamik im KI-Geschäft
Einmal mehr wurde der Umsatzrückgang von Digital Industries durch die in der Elektrifizierung und Gebäudetechnik tätigen Sparte Smart Infrastructure wettgemacht. Diese habe erneut von einer Reihe größerer Aufträge, insbesondere für Rechenzentren, sowie von Kunden im Energiebereich und aus der Industrie profitiert, berichtete Finanzvorstand Ralf Thomas. Die weiteren Aussichten schätzt Busch günstig ein, vor allem wegen der führenden Rolle in der industriellen KI. „Hier sehen wir eine hohe Dynamik“, sagte er.
An diesem Donnerstag findet die virtuelle Hauptversammlung statt. Den Aktionären wird für das zurückliegende Geschäftsjahr, das mit einem Rekordgewinn von neun Milliarden Euro abgeschlossen wurde, eine Dividende von 5,20 Euro je Aktie vorgeschlagen. Zudem soll der frühere Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider in den Aufsichtsrat gewählt werden. Er ist designierter Nachfolger des Aufsichtsratsvorsitzenden Jim Hagemann Snabe, der sein Mandat um zwei Jahre verlängern will.