Das Verhältnis von Putin und den russischen Oligarchen war schon immer kompliziert, seit dem Ukraine-Krieg aber ist ihr Schicksal noch enger miteinander verknüpft. Schuld daran ist die „debile Politik Europas und der USA“, sagt ein Experte.
Immer wenn sich Wladimir Putin mit den schwerreichen Tycoons, in Russland gern Oligarchen genannt, trifft, horcht die Welt auf und in Russland selbst wähnt man wieder eine neue Phase angebrochen. Das war dieser Tage so, als es plötzlich um einen finanziellen Beitrag der Reichen für den klammen Staatshaushalt und damit für den Ukraine-Krieg ging.
Das war am Abend jenes Februartages 2022 so, an dem Putin der Ukraine den Krieg erklärt hatte und an dem er 37 Konzernchefs versammelte, um sie zur „solidarischen Zusammenarbeit mit der Regierung“ aufzurufen. Und das war alle Jahre davor so, beginnend mit Putins Amtszeit 2000, als er die Oligarchen von den politischen Schaltstellen vertrieb und zur Abschreckung einen schon bald ins Gefängnis werfen ließ.
Seit diesem denkwürdigen Ereignis ist viel Wasser die Wolga hinuntergeflossen. Die Oligarchen selbst aber, pragmatisch wie sie nun einmal sind, haben sich nicht nur in ihrer apolitischen Rolle eingelebt. Ein Vierteljahrhundert später muss man auch feststellen, dass bis auf ein paar wenige Freigeister und Abtrünnige so gut wie alle im Spiel geblieben sind, die auch schon damals im Spiel gewesen waren.
Vor allem in den Top-Rängen der berühmten Reichstenlisten von Forbes oder Bloomberg hat sich kaum etwas geändert. Sie sind und bleiben dominiert von Tycoons, die den Großteil ihres Vermögens mit Rohstoffen, Metallen, Energie, Düngemitteln und Finanzen gemacht haben. „Die russische Wirtschaft stützt sich wie schon vor 30 Jahren weiter auf diese Sektoren“, erklärt Vladislav Inozemcev, von 2009 bis 2011 unter Präsident Dmitri Medwedjew Berater der Kommission zur Modernisierung der russischen Wirtschaft und später Mitbegründer des Center for Analysis and Strategies in Europe, auf Anfrage von WELT. „Daher überrascht es auch nicht, dass der größte Teil der ‚Oligarchen‘ der 1990er- und 2000er-Jahre nach wie vor die obersten 20 bis 30 Ränge der Reichstenlisten besetzen.“
Ob der Düngemittel-Magnat Andrej Melnitschenko, laut Bloomberg mit geschätzt 26,5 Milliarden Dollar der aktuell reichste Russe, ob der Flüssiggas-Tycoon Leonid Michelson, der Stahlmagnat und Ex-Großaktionär des Touristikkonzerns Tui, Alexej Mordaschow, oder der Palladium- und Nickelkönig Wladimir Potanin: Im globalen Reichstenranking spielen sie zwar erst ab Platz 85 mit, aber in Russland scheinen sie mit Putin auf Gedeih und Verderb verbunden zu sein und dürften mit ihm auch alt werden.
Das hat nicht nur damit zu tun, „dass das russische System noch keinen bedeutenden Vermögenstransfer an die nächste Generation erlebt hat, was beizeiten zu einem der wichtigsten Beweise für die Stärke des Systems werden wird“, wie Inozemcev sagt. Das hat auch damit zu tun, dass die westlichen Sanktionen gegen den russischen Industrie- und Finanzadel weder den Krieg gestoppt noch eine Spaltung in der Elite bewirkt haben. Vielmehr im Gegenteil, wie man heute weiß.
„Trotz massiver Sanktionsschläge blieb die Kernzusammensetzung der russischen Elite bemerkenswert stabil“, schreibt Jelena Schwecova von der renommiertesten Moskauer Universität, Higher School of Economics (HSE), in einer aktuellen Studie. Schwecova hat die Reaktionen der russischen Milliardäre auf die westlichen Sanktionen im Zeitraum zwischen Februar 2022 und Januar 2025 ausgewertet und dafür das Forbes-Russland-Ranking der 125 reichsten Geschäftsleute 2024 unter Einbeziehung offener Quellen aus Firmendatenbanken verwendet. „Die Verbleibquote im Ranking lag zwischen 2022 und 2023 bei 89 Prozent, und von 2023 auf 2024 sogar bei 91 Prozent“, schreibt sie.
Oligarchen fühlten sich durch die Sanktionen betrogen
Dabei wurden die Tycoons von der EU, von Großbritannien und auch von den USA massiv mit Sanktionen belegt. Von den Top-20-Milliardären landeten drei Viertel umgehend auf der Sanktionsliste, die übrigen 105 erst sukzessive und letztlich 42 Prozent dieser Gruppe.
Die Folgen der Sanktionen waren dennoch gravierend, wenn auch vielfach kontraproduktiv, wie nicht zuletzt Regimekritiker anmerken. „Die wohlhabende Elite stand während des Krieges vor einer wirklich schwierigen Entscheidung – die meisten von ihnen waren pro-westlich eingestellt und träumten davon, ein fester Bestandteil der globalen Geschäftswelt zu werden. Diese Menschen hatten dem Westen in vielen Fällen mehr vertraut als dem Kreml – und große Teile ihres Vermögens in westliche Länder verlagert“, sagt Inozemcev. „Nachdem die Sanktionen gegen sie verhängt wurden, fühlten sie sich betrogen – und ich würde sagen, sie haben guten Grund dazu.“
Gewiss, die Tycoons waren bis auf eine Handvoll Ausnahmeerscheinungen, die dafür bitter bezahlt haben, keine aktiven Kämpfer gegen Putins Regime bzw. Finanziers der Opposition. Aber sie waren in dem jahrzehntelang fehlenden Elitenkonsens über die Fragen des innerrussischen Wachstumsmodells und der geopolitischen Ausrichtung, den die Berliner Russland-Expertin Katharina Bluhm in ihrem Buch „Russland und der Westen“ hervorstreicht, jener Part, der Westorientierung und Marktwirtschaft hochhielt. Zumindest haben sie in Russlands Entwicklung mehr die Chancen durch Freiheit als ihr Risiko gesehen.
Eine „debile Politik Europas und der USA“
Der Westen hätte sie zu Verbündeten machen können, meinen manche Beobachter. Mit den Sanktionen freilich hat er sie nicht nur brüskiert, weil er sie auf eine Ebene mit den Militärs und Kriegstreibern gestellt hat. Er hat sie auch dazu gedrängt, Kapital aus Europa wegzutransferieren.
Die russischen Tycoons passten sich mit unterschiedlichen Strategien an die neue Situation an. Etwa ein Sechstel der untersuchten Milliardäre habe Kapital nach Russland repatriiert oder sich von Auslandsassets getrennt, schreibt Schwecowa in ihrer Studie. Ein ähnlicher Anteil habe Vermögenswerte westlicher Unternehmen, die sich aus Russland zurückzogen, übernommen. Etwa ein Drittel habe Eigentümer- und Holdingstrukturen verkompliziert. Und rund 50 Prozent der Milliardäre hätten ihre Inlandsinvestitionen erhöht.
Eine „debile Politik Europas und der USA“ nannte das kürzlich der aus Kiew gebürtige russische Rechtsanwalt und Kommentator Wladimir Pastuchov, der am University College London lehrt, in einem Interview. „Die Tycoons sind im Überlebensmodus, um das Kapital zu bewahren. Und aus Mangel an Alternativen sind sie zu Putins Geiseln geworden.“
Und doch konnten sie auch als Geiseln noch eine neutrale Position bewahren. Eine allgemeine Verurteilung des Krieges war anfänglich noch möglich. Und als das Verteidigungsministerium einem Magnaten aus der Transportbranche Waggons habe abkaufen wollen, habe sich dieser geweigert und zur Wahrung seines Images vom Staat eine Bestätigung gefordert, dass ihm die Waggons ohne Bezahlung einfach weggenommen worden seien, erzählt Inozemcev.
Doch nun ist der Spielraum eng geworden oder gänzlich verloren. Seit Putins Treffen mit den Milliardären Ende März sind diese angehalten, ihre Loyalität auch mit Abgaben für den Krieg zu untermauern. Letztendlich werde es sich um eine Art Sondersteuer handeln, mit deren Bezahlung man sich den eigenen Platz in der obersten Liga der Wirtschaft sichern würde, sagt Inozemcev: „Darüber hinaus würden solche Zahlungen als entscheidender Beleg dafür dienen, dass es sich bei diesen Personen um nachweisliche Kriegsverbrecher handelt, die somit von jeglichen separaten Verhandlungen mit den westlichen Behörden ausgeschlossen sind.“
Dieser Stempel würde nun sogar über Putins Tod hinaus aufgedrückt sein, meint Pastuchov. „Diese Leute sollten nach Putins Plan nie mehr als normale Menschen in den Westen zurückkehren können.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Eduard Steiner schreibt bei WELT vor allem über die russische Wirtschaft.
Source: welt.de