Sie hatte ihren perfekten veganen Tag – solange bis er kam

Ideales Maß und Schönheit leuchten erst im Schatten von Groteske und Hässlichkeit. Die Renaissance war die Epoche der regelhaften Rollenverteilung – und ihrer lustvollen Übertretung, wie eine großartige Ausstellung zeigt.

Die Dame hat nicht viel am Leib, aber sehr viel um sich herum. Artischocken, Rettiche, Zwiebeln, Radieschen, Zucchini, Kohlrabi. Pomona, so nennt sie sich, ist mit Sortieren beschäftigt. Und es hätte ein perfekt veganer Tag werden können, wenn die Naturgöttin nicht von einem Gott männlicher Unnatur gestört worden wäre. Ein sehr hässliches Wesen, dieser Eindringling, runzlig, strubbelig, spitze Ohren und geil wie der Bock. „Bäh“ denkt Pomona und greift schon mal mit der Hand an den stattlichen Kürbis der Marke „Bush Delicata“.

Ovid, der römische Dichter, hat die Geschichte erzählt. Frans Floris de Vriendt aus Antwerpen hat sie gemalt. Und es ist das letzte Bild einer großen Ausstellung im Palais des Beaux-Arts in Brüssel. Wenn es das erste wäre, hätten wir glatt auf eine moralische Veranstaltung getippt.

Dabei geht es um viel grundsätzlichere Dinge als Moral. Es geht um das schicksalhafte Aufeinandertreffen von Schönheit und Hässlichkeit oder von „Bellezza und Bruttezza“, wie die Renaissance-Künstler sagten, die sich das eine nicht ohne das andere vorstellen wollten. Schönheit und Hässlichkeit bedingten einander, hat der große Leonardo notiert. Was nach dem philosophischen Satz des Widerspruchs eigentlich nicht vorkommen sollte, aber – siehe Pomona und der Wüstling – doch immer mal wieder passiert.

Wenn Erfolg im Leben auch eine Frage des Aussehens ist

In der populären Vorstellung freilich ist die Epoche ganz auf ungeteilte Schönheit abonniert. Und angesichts der ungezählten Cover-Girls, die den Malern Modell saßen, käme man schwerlich auf die Idee, der Kunst sei es mit vergleichbarer Intensität auch um hässliche Erscheinungen gegangen. Man denke nur an die endlose Galerie sanfter Marien mit und ohne heiliges Kind, an die mancherlei Göttinnen mit und ohne Früchte oder an die Edel- und Adelsporträts, die den Klassentieferen anschaulich machten, dass Erfolg im Leben auch eine Frage des Aussehens ist.

Schließlich gibt es das Thema Liebe, das die Fantasien des allemal grobschlächtigen Lebens besetzt – und Unansehnlichkeit gebieterisch ausschließt. Kann man sich Laura, die unerreichbare Geliebte des Dichters Petrarca, die er in hunderten Sonetten besang, anders als bildschön vorstellen? „Bildschön“, ein Wort, das vor den Gemälden der Renaissancemaler entstand und nie mehr verschwinden sollte.

Bildschön die Heldinnen aus besseren Kreisen. Allen voran Giulia Gonzaga am Hof des Fürstentums Fondi mit Blick auf den feinen Sandstrand zwischen Sperlonga und Terracina. Eine sehr muntere Frau, früh verheiratet, früh verwitwet, selbstbewusst, kulturell interessiert. Ariost hat sie bedichtet, Tasso auch, Tizian hat ein hinreißendes Porträt von ihr gemalt; aus der Werkstatt des Sebastiano del Piombo stammt ein anderes, das einen etwas müderen Eindruck macht und vielleicht gerade deshalb in der reich besetzten Porträtgalerie so dezent auffallen muss.

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Jedenfalls hat, von einem fortgeschrittenen feministischen Standpunkt aus betrachtet, die Brüsseler Auswahl alles richtig gemacht. Der Mann kommt nicht vor oder kaum. Der gesittete Edelmann, der erfolgreiche Würdenträger, der Kriegsheld, der Geistesheroe, der schwärmerische Liebhaber – niemand von der Art. Aus dem maskulinen Idol lässt sich augenscheinlich kein Schönheitsideal gewinnen. Was ja auch eine Botschaft ist, auch wenn der Renaissance-Mann das ein wenig anders gesehen haben mag.

Neuzüchtungen aus dem Venus-Gen

Kein Jahrhundert zuvor ist so schönheitsversessen überliefert. Überall buddelte man im Schutt, zu dem die alten Stätten zerfallen waren, und entdeckte die skulpturalen Fragmente einer antiken Kultur, die rasch in den Rang idealischer Schönheit aufstieg. Es war, als ob man lauter Paten des eigenen Empfindens und der Ausdruckssuche gefunden hätte. Vor allem Frau Venus, die nackte Hauptdarstellerin im längst verlassenen antiken Götterhimmel, trat wie eine strenge Akademielehrerin in den künstlerischen Werkstattbetrieben auf.

Als „Venus pudica“, als schamhafte Göttin, die Busen und Unterleib sehr unzureichend mit den Händen bedeckt, wurde sie zum gültigen Schönheits-Vorbild. Im Modell des griechischen Starbildhauers Praxiteles, das im vierten vorchristlichen Jahrhundert in einem Tempel in Knidos gestanden haben soll, galt sie als Muster souveränen Tändelns zwischen Anstand und Freizügigkeit. Schon in römischer Zeit immer wieder kopiert, bot sie den Renaissancekünstlern im Süden und im Norden allerschönste Anregungen für Neuzüchtungen aus dem Venus-Gen.

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So stammt von Lorenzo di Credi eine, von Jan Gossaert eine andere, die aber beide etwas fest im Fleisch geraten sind und in der Ausstellung neben einer Original-„Pudica“ aus weißem römischem Marmor doch etwas bodenständig, sichtlich Olymp-ferner erscheinen. Botticellis langhaarige „Venus“ hätte da schon eine überzeugendere Figur abgegeben. Aber die Berliner Gemäldegalerie hat schon recht, dass sie ihrem Liebling die Brüsseler Konkurrenz erspart.

Bei so viel Schönheitserzwingung hat es gar nicht ausbleiben können, dass man zum besseren Schönheits-Handling ein stattliches Regelwerk schuf, in dem alles exakt vermessen wurde, der Abstand von der Nasenspitze zum Bauchnabel, die Wölbungskurve der Hinterbacken, die zulässige Hängeform des weiblichen Unterbauchs. Albrecht Dürer hat in seinen „Vier Büchern von menschlicher Proportion“ kein Detail ausgelassen: „End der hüfft/ End des bauchs/ Spalt des weibs/ End der scham/ End des hindern“. Und mit euklidischem Scharfsinn hat das Jahrhundert gefolgert, dass der Abstand von der linken zur rechten Brustwarze geradeso groß sein müsse wie der von der rechten zur linken.

Neugier an der Groteske

Natur, also auch Schönheit ist messbar. Erst geflissentliche Anwendung der Vorschrift schafft ästhetisches Behagen. Davon war man überzeugt. Aber eben auch davon, dass erst der Regelverstoß die Glorie der Regel leuchten lässt. Bei der Rekonstruktion der Antike fiel ja auf, dass schon die Alten merkwürdig diabolisiertes Personal in den heiligen Hainen der Fantasie versteckten. Zu den Hirten und Nymphen des arkadischen Genres gehörte immer auch der anthropologische Wildwuchs, dem besondere Lüsternheit nachgesagt wurde.

Zwielichtige Geschöpfe, halb Mensch, halb Tier, urhässlich, die sich mit dem Gott Dionysos zum Komasaufen trafen und die sesshaft gewordene Gesellschaft an die vergangenen Abenteuer ihrer Nichtsesshaftigkeit erinnerten. Pan, Faun, Satyr, Silen und wie die illustren Kerle alle hießen, sie kehrten zusammen mit der schönen Frau Venus aus dunkler Erinnerung ins Bewusstsein des Renaissance-Jahrhunderts zurück. Als ob es auf dem Plüschsofa des Dr. Freud geschehen wäre, erwachte eine lawinenartige Neugier am Unschönen, am Hässlichen, an der Groteske.

Seither haben wir die Neugier im Museum, von dem wir ja anders als im Leben keine Hässlichkeitsschocks gewöhnt sind. Zumindest nicht, wenn man sich in den gut sortierten Abteilungen der sogenannten Alten Meister verweilt, in denen die geflissentlich befolgten Schönheitsvorschriften dem Bündnis aus finsterem Unterbewusstsein und beschädigter Volksnormalität nicht viel Raum gelassen haben.

Bruttezza artistica also. Fratzen, Masken, Narren, Zwitter, stammesgeschichtliche Vorfahren des nonbinären Typus, schwer Gestörte, Borderliner, Opas mit verwarzter Nase, Kind mit Fell im Gesicht, nackte Zwerge, Hakennasen, Bollennasen, Busenwunder, „Frau Margret Halseber aus Basel“ mit grauem Kinnbart – die Groteskensammlung ist nicht weniger beeindruckend als die Schönheitsstrecke. Und jetzt sind auch Männer mit auf der Bühne. Männer, die allerdings nur als Puffbesucher Zugang haben und ohnehin nur zu ertragen sind, wenn sie ordentlich Geld hinlegen.

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Ganz schlimm ist, wenn sie lachen. Lächeln wie die Mona Lisa, okay, aber lauthals Lachen, das wird fürchterlich. Schon Grinsen deutet auf signifikante Debilität. Und die Lachbilder in der Ausstellung sind absolut trostlose Karikaturen. Aus dem Lachkabinett des Bologneser Malers Bartolomeo Passarotti möchte man schreiend fliehen, wenn einem der Museumsanstand nicht so anerzogen wäre. Lachen kann man nicht malen: Auch das gehört zu den Renaissance-Weisheiten. Andererseits war der aufblühende Geist des 16. Jahrhunderts mehr und mehr davon überzeugt, dass man Schönheit nur erreicht, wenn man auch dem Unschönen eine Chance gibt.

Und was nehmen wir nun mit vom Brüsseler Kolleg? Dass das Hässliche nur das Unschöne ist und das Schöne auch nichts anderes als das Nichthässliche. Eine Gleichung, in der nur der Mann stört. Er, der sich im Renaissance-Jahrhundert gern als stolzen Drachenbezwinger Georg oder als siegreichen Muskelmann David inszeniert. Der noch als heiliger Sebastian mit den Marterpfeilen im Leib bella figura macht, tritt hier nur in stammesgeschichtlicher Entartung als wüstes Unwesen auf, runzlig, strubbelig, spitze Ohren und geil wie der Bock. So gesehen geht Pomonas „Bäh“ ganz in Ordnung. Und dass sie ungebetenen Besuch vom Wüstling bekommt, gehört schon auch zum erfüllten veganen Tag.

„Bellezza e Bruttezza. Schönheit und Hässlichkeit in der Renaissance“, bis 14. Juni 2026, Museum Bozar, Brüssel

Source: welt.de

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