Ganz Berlin steht nach einem tagelangen Ausfall wieder unter Strom. Unter Spannung stehen nun aber auch die Energiefachleute in Bundestagsfraktionen, Ministerien und Behörden. Denn dass ein Terroranschlag auf eine einzige Leitung derart weitreichende Folgen haben kann, galt bislang als nahezu ausgeschlossen. Schließlich gilt doch für Stromnetzbetreiber die eherne Regel, jedes Netz so zu konzipieren, dass der Ausfall einer einzelnen Komponente nicht das System destabilisiert.
Wie dieses Kriterium, in Fachkreisen „n minus eins“ genannt, einzuhalten ist, bleibt zumindest im Bereich der kommunalen Verteilnetze bislang im Wesentlichen den jeweils zuständigen Unternehmen überlassen. Mehrere Leitungen über dieselbe Brücke zu verlegen, wie es in Berlin der Fall war, damit war in der Vergangenheit hinreichend Redundanz geschaffen, schließlich wäre bei Ausfall eines einzelnen Kabels nichts passiert.
Vom schlimmstmöglichen Fall her gedacht, also vom Verteidigungsfall aus, sind Kabel nicht das schwächste Glied in der Stromversorgungskette, sie werden innerorts in der Regel unterirdisch verlegt. Größere Sorgen bereiten Fachleuten die Umspannwerke, in denen der mit hoher Spannung aus dem Umland angelieferte Strom auf eine niedrigere Spannungsebene transformiert wird, um Unternehmen und Endverbraucher zu beliefern. Diese Knotenpunkte in den kommunalen Netzen sind mit vergleichsweise geringem Aufwand durch Drohnenangriffe zu zerstören.
Sehr stabile Netze sind nicht effizient
Wie stark die Netzstabilität unter dem Ausfall einzelner Komponenten leidet, ist wesentlich von dessen Topologie abhängig. Generell lässt sich sagen: Je mehr Knoten und Verbindungen es in einem Netz gibt, desto ausfallsicherer. Als besonders stabil gelten eng vermaschte Netze, die jedoch einen deutlich erhöhten Kapitalaufwand erfordern. In einer weitgehend friedlichen Welt wären solche Netze ineffizient, weil ein Teil der Hardware im Regelbetrieb nie zum Einsatz käme. Wo sie trotzdem entstanden, liegt ein Großteil des Kupfers seit Jahrzehnten in der Erde, die Netze wuchsen historisch mit den Städten.
Es braucht folglich eine neue Initiative für höhere Versorgungssicherheit. Zwar existiert schon seit Dezember 2024 eine unter Regie des damaligen Bundeswirtschaftsministers entstandene „Roadmap Systemstabilität“, an der zahlreiche Experten aus Wissenschaft und Praxis zwei Jahre gearbeitet hatten. Doch wie in solchen Fällen üblich, folgten die Fachleute dem gegebenen Auftrag, und der lautet, die Stabilität des Systembetriebs mit 100 Prozent regenerativer Energie sicherzustellen. Terror und Krieg als mögliche Ausfallursachen werden im bis 2035 reichenden Fahrplan nicht thematisiert. Ein Versäumnis, schon aus damaliger Sicht, das nun schnell aufgearbeitet werden sollte.
Die Betreiber in die Pflicht nehmen
Neue Dokumentations- und Meldevorschriften für Betreiber, wie sie der Gesetzentwurf zur Resilienz kritischer Anlagen, bekannt als KRITIS-Dachgesetz, vorsieht, reichen bei weitem nicht aus. Stattdessen gilt es, die mehr als 800 Betreiber von Verteilnetzen in die Pflicht zu nehmen, hinreichende technische Vorsorge zu treffen. Die Entscheidung, was sinnvollerweise in lokaler Verantwortung bleibt und in welchen Bereichen eine übergreifende Standardisierung die Widerstandskraft erhöht, wäre keine leichte. Eine enge Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden und Verteidigungsministerium könnte dazu beitragen, auf reale Bedrohungen zu reagieren. Vor allem kleinere Betreiber in kommunaler Hand könnten von einer zentralstaatlichen Initiative profitieren.
Die ersten Rufe nach mehr Geld für zusätzliche Resilienzmaßnahmen in Verteilnetzen sind schon zu vernehmen. Nicht ohne Grund: Echte Redundanz erfordert stets zusätzliche Investitionen, die aber nicht zu höherem Umsatz führen – es handelt sich um totes, unverzinstes Kapital. Dennoch sollte auch hier der Grundsatz gelten: Der Nutzer, ob privater Verbraucher oder Unternehmen, zahlt die Netzkosten. Eine sichere Stromversorgung in unsicheren Zeiten hat ihren Preis. Nur bildet sich der Strompreis hierzulande mitnichten frei am Markt, insbesondere die Netzentgelte sind bevorzugtes Ziel regulierender Eingriffe.
Müssten die Verteilnetzbetreiber die Kosten allein tragen, geriete der eine oder andere vermutlich betriebswirtschaftlich in Schieflage. Machtlos wären die Unternehmen trotzdem nicht, sie könnten beispielsweise den geplanten Ausbau für die Integration erneuerbarer Energie zeitlich strecken. Und was wäre so schlimm daran, wenn finanzielle Not einzelner Netzbetreiber einen Konsolidierungsprozess einleiten würde, aus dem heraus größere und effizientere Betriebe entstünden? Von einem Ende der Kleinstaaterei könnte der Kunde am Ende sogar profitieren.