Showdown im vatikan?: Nimmt Papst Leo XIV. dasjenige Opus Dei ins Visier?

Es kommt nicht oft vor, dass der Papst einen Journalisten in Privataudienz empfängt. Noch seltener dürfte sein, dass der Papst selbst um ein solches Treffen ersucht. Man kann die Bedeutung der Audienz, die Leo XIV. am Montag dem britischen Investigativjournalisten Gareth Gore gewährte, mithin kaum überschätzen. Das Treffen war zudem im offiziellen Tagesbulletin des vatikanischen Presseamts aufgeführt. Hernach veröffentlichte der Vatikan Fotos von dem Gespräch, das 40 Minuten dauerte.

„Opus: Schwarzgeld, Geheimkult und die Mission zur Umgestaltung unserer Welt“ lautet der Titel des Buchs

Gore hat im Oktober 2024 ein Buch über die konservative katholische Vereinigung Opus Dei (lateinisch für „Werk Gottes“) veröffentlicht mit dem Titel „Opus: dark money, a secretive cult, and its mission to remake our world“ (Opus: Schwarzgeld, Geheimkult und die Mission zur Umgestaltung unserer Welt). Gore übergab dem Papst nicht nur ein Exemplar seines Buchs, sondern zusätzlich Dokumente, die er bei seiner langjährigen Recherche in Argentinien, Großbritannien und Spanien gesammelt hatte. Nach dem ungewöhnlichen Treffen gab es weder vom Vatikan noch von Opus Dei Stellungnahmen zu der Audienz. Gore aber teilte aus Social Media mit, der Papst habe sein Buch als „rigorous piece of work“ (gründliche Arbeit) gelobt. Zudem ließ Gore wissen, er müsse die Einschätzung, wonach der Vatikan seine Erkenntnisse zu dubiosen finanziellen Machenschaften sowie zu spirituellem und physischem Missbrauch im Opus Dei nicht habe ernst nehmen wollen, nach dem Gespräch mit Papst Leo wohl revidieren.

Das Opus Dei wurde 1928 von dem spanischen Priester Josemaría Escrivá (1902 bis 1975) gegründet. Escrivá wollte einerseits den Mitgliedern seiner Vereinigung die „Heiligung der Arbeit“ in deren bürgerlichen Berufen ermöglichen, vor allem aber durch sie die „Verchristlichung der Gesellschaft“ erreichen. Der Vereinigung gehören Kleriker sowie männliche und auch weibliche Laien an – anfangs mussten diese ledig sein, seit den Fünfzigerjahren sind verheiratete Laien zugelassen. Das Opus Dei entwickelte sich vom kleinen Anhängerkreis eines charismatischen Priesters in Madrid, der sich mehrfach auf Privatoffenbarungen berief, zu einer heute in rund 70 Ländern operierenden Vereinigung mit gut 85.000 Mitgliedern, von denen etwa zwei Prozent Priester sind.

Der Gründer wurde von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen

Escrivá wurde 2002 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Der polnische Papst schätzte und förderte das Opus Dei, weil er in der Vereinigung für die katholische Funktionselite die intellektuelle Speerspitze zur christlichen Erneuerung der (post)modernen Gesellschaft erkannte. Es ist kein Zufall, dass Johannes Paul II. den spanischen Opus-Dei-Mann Joaquín Navarro-Valls 1984 zu seinem Sprecher und zum Direktor des vatikanischen Presseamts ernannte. Navarro-Valls bekleidete die Schlüsselposition im Vatikan bis 2006. Auch auf den mehr als 100 Auslandsreisen von Johannes Paul II. war Navarro-Valls dabei. Unter seiner Führung entwickelte sich das altbackene Presseamt des Vatikans zur effizienten, polyglotten Medienmaschine. Auch der amerikanische Fox-News-Journalist Greg Burke, der unter Papst Benedikt XVI. zunächst als Medienberater zum vatikanischen Staatssekretariat gestoßen war und unter Franziskus von 2016 bis 2018 das Presseamt des Vatikans leitete, gehörte dem Opus Dei an.

Immer wieder gab es in der Vergangenheit Berichte über zweifelhafte Finanzgeschäfte, manipulative Führungsstrukturen und Autoritätsmissbrauch im Opus Dei, dem seit je etwas Geheimbündlerisches anhaftet. Auf Gores Buch, die erste umfassende Darstellung zu den mutmaßlichen Skandalen, hatte das Opus Dei im April 2025 mit einem gut hundertseitigen Dossier reagiert. Darin werden dem Autor das Kolportieren von „verdrehten Tatsachen und Verschwörungstheorien“ sowie „sachliche Fehler und glatte Lügen“ vorgeworfen.

Gore: „Eine starke Botschaft an die Opfer gesendet“

Gore berichtete nach der Audienz, Leo habe über den peruanischen Journalisten Pedro Salinas, mit dem der Papst als damaliger Erzbischof von Chiclayo im Nordwesten Perus von 2015 bis 2023 in engem Kontakt gestanden habe, die Einladung an ihn übermitteln lassen. Während seiner insgesamt gut zehn Jahre in Peru war Leo XIV. immer wieder mit Vertretern des Opus Dei, das seine lateinamerikanische Hochburg in Peru hat, in Berührung gekommen. Weiter teilte Gore mit, er habe dem Papst nahegelegt, sich mit den Opfern des von ihm in dem Buch geschilderten Missbrauchs zu treffen, um deren „Schilderungen persönlich anzuhören und ihnen Hoffnung auf Gerechtigkeit zu geben“. Schon mit der Einladung an ihn habe der Papst eine „starke Botschaft an die Opfer gesendet“, so Gore.

Leos Privataudienz für den Investigativjournalisten scheint ein weiteres Element der umfassenden Durchleuchtung des von Johannes Paul II. so sehr geschätzten Opus Dei zu sein. Diese Prüfung hatte schon unter Benedikt XVI. begonnen und wurde von Franziskus weiter vorangetrieben. Franziskus verfügte 2022, dass sich die Vereinigung eine neue Satzung zu geben habe. Die alte Satzung von 1982 war stark autoritär geprägt und zentralistisch auf den mächtigen, auf Lebenszeit gewählten Prälaten des Opus Dei zugeschnitten. Dieses Amt bekleidet seit 2017 der spanische Priester und Theologieprofessor Fernando Ocáriz, er ist erst der vierte Prälat in der bald hundertjährigen Geschichte des Opus Dei. Die neuen Statuten der Vereinigung liegen seit Juni 2025 dem Dikasterium für den Klerus im Vatikan zur Prüfung vor. Viele Jahre hatten Vertreter des Opus Dei die Medienarbeit des Papstes und des Vatikans bestimmt. Jetzt ist es ein Vertreter der Medien, der dem Vatikan nachdrücklich die Überprüfung der Arbeit des Opus Dei insgesamt nahelegt und damit Gehör beim Papst findet.

Source: faz.net