Shakespeares „Was ihr wollt“: Kreuz und schepp und doch daneben

Männer im Glitzerfummel und Frauen in burschikosen Hosen? Figuren, die nicht so genau wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind, und dementsprechende Verwirrung bei anderen auslösen, denen es nicht besser geht? Fröhlicher Gendertrouble und mächtig Trallala um ideologische Dauerbrenner wie Identität und sexuelle Orientierung? William Shake­speares „Was ihr wollt“ ist ein Stück, das um solche Themen kreist und sie, wenngleich als Komödie, ernst nimmt. Aber das ist nun rund 400 Jahre her.

Um es heute aufzuführen, wo all dies fast ein alter Hut ist, muss man schon einen guten Grund haben. Ob allerdings Antú Romero Nunes für seine Inszenierung am Berliner Ensemble einen hatte, ist sehr zu bezweifeln. Er begnügt sich damit, einen unterhaltsamen Theaterabend einzurichten, was ja völlig in Ordnung ist und auch nicht jeder schafft. Der ist zwar auf künstlerisch hohem Niveau gearbeitet, enttäuscht jedoch wegen seiner Oberflächlichkeit und Trivialität.

Ein Mann, der eine Frau spielt, die sich in einen Mann verliebt, den eine Frau spielt

Dabei fängt es vielversprechend an: Der unbeugsam aufmüpfige Veit Schubert als Narr tritt vorsichtig auf die Bühne, lugt aufmerksam in den Saal und liefert dann eine schrille Pantomime ab, bei der er zu sprechen und zu schreien scheint, was er natürlich in Wirklichkeit gar nicht tut. Rasch gesellt sich der ständig besoffene Sir Toby Rülps dazu, der es in Gestalt der hinreißend volkstümelnden Maeve Metelka hinkriegt, das Publikum umstandslos in einen beherzten Chor zu verwandeln, der gruppenweise die Töne nachsingt, die ihm Toby vorgibt.

Der spontane Gesangsverein bei der Premiere jedenfalls ließ sich nicht lange bitten. So bereitet der Regisseur den Auftritt von Orsino, Herzog von Illyrien, vor: „Wenn die Musik die Nahrung für die Liebe ist, füttert mich weiter.“ Oliver Kraushaar ist ein patenter Kerl, dem man freilich nie glaubt, dass er bis zum Wahnsinn in die Gräfin Olivia verschossen ist. Die ist bei Sebastian Zimmler eine hochgewachsene, tätowierte Adelsdame, die genießerisch in ihren prachtvollen Kostümen von Magdalena Schön und Helen Stein kokettiert. Zu sehen ist also ein Mann, der eine Frau spielt, die sich in einen Mann verliebt, den eine Frau spielt – nämlich die unerfahrene Viola der Amelie Willberg, die nach einem Schiffbruch ihren Bruder verloren zu haben meint und nun, verkleidet als Mann, dem Herzog als Postillon d’amour dient. Den schickt Orsino zu Olivia, die an dem mädchenhaften Jungen indes erheblich mehr Gefallen findet als an seinem Auftraggeber, der ihr definitiv auf die Nerven geht.

Die bühnengroße Plastikkugel stammt von Matthias Koch.Jörg Brüggemann

Von allerlei Geräuschen bis hin zum Donnerblech begleitet, wird am Anfang eine bühnengroße Plastikkugel per Windmaschine aufgeblasen, unter der sich die Darsteller nach dem Schiffbruch herauswinden (Bühnenbild: Matthias Koch). So viel zum Zustand unserer Meere. Bald zetteln Toby und Maximilian Diehle als sein Saufkumpan Sir Andrew Leichenwang eine Party an, die Olivias Haushofmeister Malvolio wütend abbricht. Bettina Hoppe macht aus ihm nicht einfach einen arroganten Wichtigtuer mit „krassem Größenwahn“, sondern wird ihn später, wenn er aus vergeblicher Liebe zu Olivia in schlimme Fallen getappt sein wird, anrührend als armes Schwein zwischen Posse, Pech und Pleiten zeigen. Bei der Sause wird mit blauen Plastiksäcken rhythmisch geraschelt und geknistert und ein amüsantes, klangfarblich kurioses Intermezzo zelebriert.

Unsinn und Hintersinn

Immer wieder gelingen Nunes solche schwerelos heiteren, poetisch-absurden Ensemblebilder, die sich nur aus Luft und Lust, aus Unsinn und Hintersinn speisen. Zu bestaunen ist dies auch, wenn sich Toby, Andrew und Olivias raffiniertes Kammermädchen Maria zur Intrige treffen, um Malvolio eins auszuwischen. Das Labyrinth in Olivias Garten ist lediglich durch die Schlangenlinien zu erahnen, in denen sich die drei wie durch unsichtbare Hecken bewegen oder sich hinter diesen verstecken. Witzig, trocken und klug organisiert Pauline Knof als Maria im Tonfall einer Influencerin die Finessen der Kabale, schiebt schnell einen Flamenco ein, zupft an den Zöpfen und ist insgesamt von anarchistischer Frechheit.

So ist das ganze Ensemble glänzend besetzt, inklusive Marc Oliver Schulze als Antonio, der Violas Bruder aus den Fluten rettete und ihn anbetet, sowie Max Gindorff als Sebastian, der plötzlich auftaucht und Olivia heiratet, die dadurch einen echten und nicht bloß einen verkleideten Mann bekommt, der seiner Zwillingsschwester Viola naturgemäß täuschend ähnlich sieht. Am Schluss werden auch sie und Orsino ein Paar.

Alle vier knutschen wild durcheinander und rennen vergnügt nach hinten ab, wo sie kreuz und quer ihren Spaß haben werden. Die dreistündige Inszenierung aber hat bis dahin längst ihren Schwung verloren, die Auflösung der Irrungen und Wirrungen ist mühsam und zäh. Obwohl Antú Romero Nunes sein Ensemble offenbar dermaßen bewundert, dass er es gar nicht von der Bühne lassen will, hätte er doch etwas mehr und Interessanteres mit ihm erzählen können.

Source: faz.net