Set-Jetting aufwärts Sizilien – wo Viscontis „Leopard“ weiterlebt

50 Jahre nach dem Tod Luchino Viscontis lockt sein Meisterwerk „Il Gattopardo“ Touristen in die opulenten Palazzi Siziliens, die einst als Filmkulisse dienten. Allein in Palermo empfangen rund 50 historische Häuser Besucher.

Als Alain Delon vor zehn Jahren nach Palermo zurückkehrte „und auf der Piazza vor dem Palazzo stand, musste er weinen“, erinnert sich die Principessa. „‚Sie sind alle gestorben‘, sagte er. Er war ganz bewegt. Nur Claudia Cardinale lebte damals noch.“

Prinzessin Carine Vanni Calvello Mantegna di Gangi geht die Darsteller durch, die Luchino Viscontis Klassiker „Der Leopard“ zu einem Meisterwerk des europäischen Kinos machten: Delon, Cardinale, Burt Lancaster, Paolo Stoppa, Rina Morelli und ein gutes Dutzend weitere. Gedreht Anfang der 60er-Jahre auf Sizilien, auch im Anwesen ihrer Familie, dem Palazzo Gangi-Valguarnera.

Delon spielte in dem Epos den Neffen des „Leoparden“, der von Burt Lancaster in der Rolle des Fürsten von Salina verkörpert wurde. Die Principessa erinnert sich noch gut an jenen Tag im September 2016, als der damals 80-jährige Delon zum ersten Mal nach 54 Jahren in den berühmten Ballsaal ihres Palazzo trat: „Er war plötzlich nicht mehr hier bei uns, er war zurück in dem Film.“

In „Der Leopard“ (Originaltitel: „Il Gattopardo“) hielt Visconti in einer bemerkenswerten Opulenz, Sensibilität und Detailbesessenheit den Niedergang des sizilianischen Adels zur Zeit des Risorgimento, der italienischen Einigungsbewegung um 1860, fest. Für Delon, Cardinale und Lancaster bedeutete die überbordend ausgestattete Ballszene, in der ein Walzer den Takt für eine komplexe Beziehungskonstellation und ein sterbendes Zeitalter vorgibt, einen Schlüsselmoment ihrer Karrieren.

Noch immer in der Welt des „Leoparden“

Diesen berühmten Ort können Sizilien-Besucher erleben, und sie tun es in Scharen, denn Kino-Maestro Visconti starb vor 50 Jahren, am 17. März 1976, und er wird von den Sizilianern bis heute und erst recht in diesem Jubiläumsjahr verehrt. Wer auf seinen Spuren durch Sizilien reist, trifft auf viel Nostalgie, verklärte Erinnerungen und Bewohner märchenhafter Palazzi, die noch immer in der Welt des „Leoparden“ zu leben scheinen.

Etliche sizilianische Adelige haben in den vergangenen Jahren ihre Villen und Prunkräume auch für Touristen geöffnet. Manche vermieten barocke Gemächer für Set-Jetting-Urlauber, andere bieten Privatführungen durch ihre historischen Sammlungen an – so wie die Principessa im Palazzo Gangi-Valguarnera.

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Von draußen, dem ewig lärmenden Palermo, klingt noch nicht einmal Spatzengezwitscher in die Säle des spätbarocken Prachtbaus. Die Schritte hallen andächtig unter dem mit üppigem Stuck gerahmten Deckenfresko.

„Ich habe noch immer Alain Delons Mobilnummer“, sagt die Principessa, „und ich habe seine Nachrichten aufgehoben, weil sie so zauberhaft waren. Wir sind fast bis zu seinem Tod in Kontakt geblieben. Mein Mann war ein bisschen eifersüchtig.“

48 Nächte Dreharbeiten

Bis heute verleiht das Funkeln der Kronleuchter dem Drehort im Herzen Palermos den Glanz rauschhafter Festlichkeit. Ganz wie im Hochsommer 1962, als Visconti hier besagte berühmte Ballszene festhielt, die am Ende im Kinofilm fast eine Dreiviertelstunde der Romanverfilmung einnehmen sollte.

Für die Schauspieler war es eine Strapaze, denn der Maestro hatte trotz brütender Hitze darauf bestanden, dass an den Kronleuchtern Hunderte Wachskerzen brannten. 48 Nächte hintereinander sollen die Dreharbeiten im Ballsaal gedauert haben.

In Sizilien drehte der gebürtige Mailänder nicht nur „Il Gattopardo“, sondern schon 1948 einen seiner frühen Filme. In „Die Erde bebt“ beschreibt Visconti detailverliebt den Kampf sizilianischer Fischer gegen die Ausbeutung; der Streifen gilt heute als Klassiker des italienischen Neorealismus. „Visconti war in seinem Schaffen ein absoluter Perfektionist, ein Ultra-Pedant“, sagt die Principessa, „genau wie ich“.

1995, als die gebürtige Französin nach ihrer Heirat mit Giuseppe Vanni Calvello Mantegna di Gangi nach Palermo zog, machte sie den Erhalt des berühmten Familienpalastes zu ihrer Lebensaufgabe und steckte Millionen in die originalgetreue Restaurierung eines der bis heute am besten erhaltenen Adelssitze Siziliens.

Instandhaltung durch Tourismus

Die Hausherrin hat allerdings seit Jahren keinem Filmdreh mehr im Ballsaal ihres Palazzos zugestimmt. Sogar die Macher der im vorigen Jahr auf Netflix ausgestrahlten Neuverfilmung von „Der Leopard“ ließ sie abblitzen. Geld für die nie endende Instandhaltung verdient sie lieber mit Privatführungen, exklusiven Cocktail-Empfängen und Diners. Ihre Gäste liebten es bis heute, sagt sie, in der bittersüßen Welt des Leoparden zu schwelgen.

Das sieht auch Bernardo Tortorici di Raffadali so. Das Anwesen des Principe liegt rund zehn Gehminuten vom Palazzo Valguarnera-Gangi entfernt, ebenfalls in der Altstadt Palermos. Hier empfängt er Besucher, die sich besonders für das kulturelle Erbe Palermos, aber auch für die Filmgeschichte Siziliens interessieren.

„Wie viele Palazzi litt auch dieser unter den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg“, sagt der Prinz. „Nach dem Krieg verließen viele adelige Familien ihre Palazzi oder gaben sie auf“, erklärt di Raffadali. Nicht so seine Familie: Die restaurierte den Palazzo Raffadali und ließ als eine der ersten Touristen in die historischen Gemäuer.

Wir wollten zeigen, dass Sizilien mehr ist als Mafia

Die Öffnung nicht nur der Palazzi Palermos, sondern des kulturellen Erbes Siziliens insgesamt wurde zur Berufung di Raffadalis. „Wir wollten zeigen, dass Sizilien mehr ist als Mafia!“ Vor mehr als 25 Jahren gründete er eine Organisation zur Förderung der Museen und zum Erhalt historischer Denkmäler Siziliens.

Später initiierte er mehrere Kunstfestivals und Kulturwochen. „In den 70er- und 80er-Jahren hielt der Adel seine Villen und Paläste geschlossen. Seither aber öffnen sie sich langsam auch der Öffentlichkeit“, sagt der Prinz.

Der Drehort von Viscontis „Der Leopard“ sei noch immer der populärste. Doch inzwischen sei die Auswahl groß: Auf etwa 50 schätzt er die Zahl historischer Villen und Palazzi allein in Palermo, die noch immer im Besitz sizilianischer Adelsgeschlechter seien. Die meisten davon können Touristen nach Voranmeldung besichtigen, einige dienten als Hotel oder würden für Feierlichkeiten vermietet.

Netflix wurde schließlich auch fündig: Die Macher des „Leopard“-Sechsteilers fanden in Catania, Siziliens zweitgrößter Metropole und Palermos ewiger Rivalin auf der anderen Inselseite, einen ebenbürtigen Kulissenersatz. Dort stießen sie auf den Palazzo Biscari – den prunkvollsten Palast der Stadt am Fuße des Ätna. Er kann heute auch von Touristen im Rahmen von Gruppen- und Privatführungen erkundet werden.

Das Anwesen gehört Ruggero Moncada Paternò Castello. Dem Film-Remake steht der Aristokrat durchaus skeptisch gegenüber: „Ich habe die Netflix-Serie nicht gesehen. Für mich ist es unmöglich, mir das anzuschauen, die Kopie kann sicher nicht an das Original heranreichen.“ Das hinderte ihn freilich nicht, seinen Palazzo, der auf das Jahr 1695 zurückgeht, für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen.

Sizilianische Medien nennen den Cavaliere, der einer der letzten Erben der Prinzen von Biscari ist, bisweilen den „Gattopardo von Catania“. Er sehe das als Kompliment, denn er liebe Viscontis Original, sagt er. Obwohl er beide Augen habe zudrücken müssen, denn ein sizilianischer Prinz spreche natürlich nicht so wie der Amerikaner Burt Lancaster – „und im Film wurde eine Waffe verwendet, die erst 20 Jahre nach der Originalzeit aufkam“.

Wenn der Cavaliere Gäste durch seinen Palazzo führt, erzählt er im lockeren Plauderton Anekdoten. Zum Beispiel, dass seine Großmutter noch bis in die 1990er-Jahre in dem Barockpalast gewohnt habe. „Hier bin ich als Sechsjähriger zu ihr unter die Decke geschlüpft, als mein Großvater starb“, sagt der 70-Jährige.

Goethe, Jagger, Coldplay – alle waren da

Die Liste illustrer Besucher, die im Laufe der Jahrhunderte im Palazzo Biscari vorbeigeschaut haben, ist lang: Johann Wolfgang von Goethe sei hier gewesen, erzählt der Cavaliere, ebenso Richard Wagner, Mario Vargas Llosa, Britanniens Queen Mum und Mick Jagger. Und 2008 sei die britische Rockband Coldplay zu Besuch gewesen, um im Innenhof des Palazzo ihr Violet-Hill-Musikvideo zu drehen.

Nicht ganz so begeistert zeigt sich der Hausherr von den Alliierten: „Die haben den Rokoko-Ballsaal in der Nachkriegszeit kurzerhand in eine Tennishalle umfunktioniert.“ Dabei seien die Soldaten nicht zimperlich mit den historischen Kulissen umgegangen, sagt er – und deutet auf ein Porträt einer seiner weiblichen Vorfahren, dem man bis heute den Einschlag eines Tennisballs ansieht.

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„Als mein Großvater starb, hatte er noch 15 Leute als Personal. Nun aber sind wir eine ganz normale Familie.“ So umschreibt der Cavaliere elegant die Tatsache, dass es heute keine Dienerschaft mehr gibt und dass die finanziellen Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Inzwischen hat er seit drei Jahrzehnten unzählige Gäste durch seinen Palazzo geführt. Seit der Netflix-Serie sind es noch mehr geworden. „Das war eine gute Werbung für uns, darüber sind wir natürlich sehr glücklich.“

Allzu viele Scherereien dürfte der Hausherr mit den Dreharbeiten nicht gehabt haben: Die Ballszene im Palazzo Biscari soll Netflix in gerade einmal zwei Tagen im Kasten gehabt haben – ganze 46 Tage weniger als sie Visconti für sein Spektakel im Palazzo Gangi-Valguarnera benötigt hatte.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mehrere Fluglinien fliegen von diversen deutschen Städten nonstop nach Palermo oder Catania, darunter Lufthansa, Ryanair und Eurowings.

Wo wohnt man gut? In der altehrwürdigen „Villa Igiea“ mit Meerblick nächtigten bereits Claudia Cardinale und Alain Delon, als eines der vornehmsten Hotels Palermos versetzt es seine Gäste in die Belle Époque, Doppelzimmer ab 700 Euro (roccofortehotels.com). Mehr als 80 Villen und Palazzi auf Sizilien hat The Thinking Traveller, Spezialanbieter für luxuriöse Anwesen, im Portfolio, etwa den Palazzo Musmeci mitten im Barockstädtchen Acireale oder das auf arabischen Mauern stehende Landschlösschen Al Jafar – die Anwesen bieten sich für Familien oder Gruppen an, sie können tage- oder wochenweise gemietet werden, ab 6060 Euro pro Woche (thethinkingtraveller.com). Die Romanvorlage für Viscontis „Il Gattopardo“ stammt von Giuseppe Tomasi di Lampedusa; eines der Anwesen der Fürstenfamilie ist heute ein Hotel, in den Zimmern der Villa del Gattopardo in Palermo wohnt man wie im Film, Doppelzimmer mit Frühstück ab 150 Euro (villadelgattopardo.it).

Sizilien-Veranstalter: Select Luxury Travel stellt individuelle Sizilienreisen etwa auf den Spuren von „Der Leopard“ zusammen, zehntägige Rundreise inklusive Flügen, Luxushotels, Reiseleiter ab 6950 Euro pro Person im Doppelzimmer (select-luxury.travel). Studiosus hat eine achttägige Gruppenreise „Sizilien Höhepunkte“ im Programm, ab 1845 Euro pro Person inklusive Flüge (studiosus.com).

Weitere Infos: italia.it/de/sizilien

Die Recherche wurde unterstützt von der „Villa Igiea“, The Thinking Traveller und Select Luxury Travel. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Source: welt.de

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