Serie „The Bluff“ zusammen mit Amazon: Barbaren jener Karibik

Nimm das, Odysseus! Ein Krieger, der nach irrsinnig umwegiger Heimreise und manch sexuellem Abenteuer das Haus seiner treudoofen Gattin blutig von Verehrern säubert: Das muss man gar nicht toxische Männlichkeit nennen, um es erzählerisch etwas monoton zu finden. Und so hat Frank E. Flowers für seine wuchtige, im Jahr 1846 angesiedelte Action-Dramödie im Haudegenstil (am Drehbuch war noch Joe Ballarini beteiligt) Homers Narrativ kurzerhand umgedreht.

Auch hier also segelt jemand über die Weltmeere, T. H. Bodden (Ismael Cruz Córdova), wackerer Kapitän eines Handelsschiffs. In jedem Kampf aber zieht er den Kürzeren: Piraten haben leichtes Spiel. Dabei ist deren Goldenes Zeitalter seit einem Jahrhundert vorüber, aber es gibt sie noch. Weil T. H. entgegen den klaren Anweisungen seiner Gattin Ercell (Priyanka Chopra Jonas) sogar Gold aus der Familienspardose mitführt (aus edlen Motiven), bringt er Unglück über seine Heimatinsel Cayman Brac.

Denn Piratenkapitän Connor, von „The Boys“-Star Karl Urban im Gegensatz zum verschmitzten Jack Sparrow aus der „Fluch der Karibik“-Reihe breitbrüstig und skrupellos gespielt, erkennt das Gold als Teil eines ihm einst geraubten Schatzes wieder. Mordend und metzelnd fallen seine Männer deshalb über Cayman Brac her. Bis dahin, so will es scheinen, war die Insel ein multikulturelles Paradies voller lächelnder, gut frisierter Menschen unter kitschigem Himmel. So selig hat man den britischen Kolonialismus lange nicht mehr gesehen (auch wenn die Sklaverei auf den Kaimaninseln tatsächlich bereits 1835 abgeschafft wurde). Nun brennt die Hütte.

Eigentlich ist Ercell (Priyanka Chopra Jonas) nun hauptamtlich Hausfrau und Mutter. Doch das ändert sich nachhaltig.Amazon

Connor, ehemals selbst im Schattendienst der Krone („Wir füllten ihre Truhen, bauten ihre Kolonien“, „Jetzt gelten wir als Verbrecher“), hat es nicht nur auf das Gold abgesehen, sondern auf dessen Diebin, die ihm engstens vertraute Piratenfürstin Bloody Mary, die aus Gründen so heißt, inzwischen aber unter falschem Namen das Leben einer ehrbaren Ehefrau führt. Um ihr gehbehindertes Kind (Vedanten Naidoo), ihre Schwägerin (Safia Oakley-Green) und auch T. H. selbst vor den Barbaren der See zu schützen, muss Ercell auf ihr überragendes Kampftalent zurückgreifen, dem sie eigentlich abgeschworen hatte. Nun entbrennt ein fast zweistündiges Hauen und Stechen, Sprengen und Schießen, in dem sich anfangs eine One-Woman-Army und ein Haufen Halunken gegenüberstehen, mehr und mehr aber zwei Intimgegner, eine Geläuterte und ein Verworfener, kurz: Piratin und Pirat, Frau und Mann, Ex und Ex.

Eine Serie für Säbelrassler

Mit der Ehekriegskomödie „Mr. & Mrs. Smith“ hat das wenig gemein, dafür sind die Kämpfe zu unbarmherzig. Es ist zwar ein auf Pointe, Witz und Heroismus abstellender Swashbuckler-Film (Säbelrassler), aber es geht um Leben und Tod, und zwar um sehr viel Tod. Die Drastik der Darstellung hat zu einer „Ab 18“-Bewertung geführt. Dabei erinnert dramaturgisch manches an die dusseligen „Lara Croft“-Filme, zumal hier nicht auf Schiffen gekämpft wird, sondern in Höhlen und im Dschungel: ein aufwendiger, aber ziemlich trivialer Abenteuerfilm also, der mit seinen nur schwach entwickelten Figuren recht spannungsarm bleibt.

Da helfen spektakuläre Kaiman-Angriffe so wenig wie der Geschlechtertausch gegenüber Homers Blockbuster. Geblufft wird so wenig, dass das Piraten-Austricksen in „Pippi in Taka-Tuka-Land“ dagegen regelrecht raffiniert wirkt. Verschenkt ist also die Doppelbedeutung des Titels, der sich hier in erster Linie auf einen Ort bezieht, auf die höchste Erhebung von Cayman Brac, The Bluff, mit vielen Höhlen im Gestein, in denen Piraten immer schon ihre Beute versteckten.

Warm und sinnlich ist das alles gefilmt in der üppigen Vegetation und an den traumhaften Stränden der Kaimaninseln. Perfekt choreographiert sind die Kampfszenen, edel wirkt jedes Detail. Nach dem alles überstrahlenden Erfolg von Disneys fünf „Fluch der Karibik“-Filmen (2003–2017) schien das Genre des Piratenfilms ein wenig eingeduselt zu sein. Anerkennenswert ist daher der Versuch, es noch einmal zum Leben erwecken zu wollen, und zwar weder als reine Klamotte (Goldschatz ja, Hinkebein nein) noch als reine Komödie. Vom Piratenterror geht hier eine reale Gefahr aus. Die gründet nicht zuletzt in der Perspektivlosigkeit der einstigen See-Söldner.

Es ist jedoch, als wollten die Brüder Anthony und Joe Russo, die maßgeblichen Produzenten von „The Bluff“, wieder einmal mit Gewalt durch die Wand, und das erneut für den Streamingdienst Prime (der bei aller toxisch-männlichen Leitung des Mutterkonzerns ein Herz für Amazonen zu haben scheint). Schon die absurd groß geplante, stylishe High-End-Spionageserie „Citadel“ der Russo-Brüder enttäuschte, weil sie derart uninspiriert und platt erzählt war. „The Bluff“ weist dieselbe Schwäche auf.

Dabei wäre eine rohe, schmutzige, wahre Geschichte der Piraterie mehr als zeitgemäß. Wenn man nicht jede säbelschwingende Frau gleich als Sieg für Emanzipation und Feminismus labeln will, lässt sich nur feststellen, dass „The Bluff“ von der zauberischen Atmosphäre der märchenhaften „Fluch der Karibik“-Filme so weit entfernt bleibt wie die Kaimaninseln von Hollywood. Die von Keira Knightley an der Seite von Johnny Depps Sparrow gespielte Elizabeth Swann muss sich um ihre Stellung als Piratin der Herzen jedenfalls nicht fürchten. Und Penelope, die zur Frustration ihrer Liebhaber in spe in der Nacht aufribbelte, was sie am Tag gewebt hatte (erst das Leichentuch, dann die Liebe), konnte um Längen besser bluffen als die Blutige Maria.

The Bluff ab Mittwoch bei Amazon Prime.

Source: faz.net