Serie „Blossoms Shanghai“: Die Kurssprünge des Lebens

Wong Kar-wai ist einer der bedeutendsten lebenden Kinoregisseure. Mit seinen Filmen, darunter „In the Mood for Love“, „Chungking Express“ und „2046“, hat er die Bildsprache der Neunziger- und Nullerjahre geprägt, nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Videoclip, in der Werbung und im Serienwesen. Aber seit zwölf Jahren, seit „The Grandmaster“, hat Wong keinen Spielfilm mehr gedreht. 2019 sorgte deshalb die Nachricht für Aufsehen, dass er einen Roman des chinesischen Autors Jin Yucheng in eine Streaming-Serie verwandeln wollte. Im September 2020 begannen die Dreharbeiten in Shanghai, wo auch das Buch spielt, drei Jahre später war die Serie fertig. Kurz darauf wurde „Blossoms Shanghai“ in China veröffentlicht. In den USA kam sie im vergangenen November heraus, jetzt kann man sie über MUBI bei uns anschauen.

Es beginnt mit Rückblenden in die Jahre 1978, als Deng Xiaoping die neue chinesische Wirtschaftspolitik und die Öffnung des Landes für ausländische Investoren verkündete, und 1990, als der Shanghai Stock Exchange international an den Start ging und binnen zwölf Monaten von 100 auf 1000 Punkte stieg. Goldgräberzeit. Dann ein Insert: „Happy New Year 1993“. Bao, ein junger Trader, will die Jahreswende mitfeiern, aber um Punkt Mitternacht fährt ihn ein Taxi über den Haufen. Geldscheine regnen auf seinen zuckenden Körper. Doch er wird überleben.

Denn Bao (Hu Ge) ist der Held dieser Geschichte. Sein Handwerk hat er bei Onkel Ye gelernt, einem Börsenspekulanten aus der Zeit, als das Spekulieren in China noch verboten war, und in der ersten Folge sieht man, wie er durch Beharrlichkeit, passende Kleidung und das Vertrauen von Kleinsparern zu einigem Reichtum gelangt. Doch es gibt auch Rückschläge, und einer davon, die abgestürzte „Aktie 414“, kostet Bao beinahe das Leben. Zum Glück genießt er die freundschaftliche Gunst zweier Frauen, auf die er sich verlassen kann. Ling Zi (Ma Yili, wie Hu Ge in China ein Serienstar) führt als seine Teilhaberin das Restaurant „Tokyo Nights“ auf der Huanghe Road, in der sich ein Fresstempel an den anderen reiht, während Wang Mingzhu (Tiffany Tang, von der schon eine Wachskopie in der Shanghai-Filiale von Madame Tussauds steht) seine Vertraute in der Behörde ist, die die Handelslizenzen und Markenzulassungen vergibt.

Dieses platonische Dreieck wird auf die Probe gestellt, als ein neues Luxusrestaurant eröffnet, dessen Chefin (Xin Zhilei, die 2025 den Darstellerpreis in Venedig gewann) nicht nur die Machtverhältnisse in der Huanghe Road, sondern auch Baos sexuelle Gleichgültigkeit erschüttert. Zugleich will der Trader, der jetzt auch als Influencer und Dealmaker agiert, eine neue Kleidermarke mit T-Shirts aus feuerfester Baumwolle auf dem Markt lancieren, was nicht nur Fälscher und Glücksritter, sondern auch Konkurrenten aus anderen chinesischen Metropolen auf den Plan ruft.

Nächtliche Spiegelungen: Szene aus Wong Kar-wais Streaming-SerieMubi

Das ist in etwa der Handlungsfaden, den Jin Yuchengs Romanbestseller knüpft, aber wer ein paar von Wong Kar-wais Filmen gesehen hat, weiß, dass solche Details für den Regisseur grundsätzlich nur Spielmaterial darstellen. Bei Wong steht nicht die Story im Vordergrund, sondern die Kulissen, die Stimmung, die Gesichter und Bewegungen der Schauspieler, und so hält er es auch in dieser Serie, deren Produzenten für ihn eine Replik der Huanghe-Straße im Originalmaßstab auf einem Studiogelände bei Shanghai errichten ließen.

Es gibt also in „Blossoms Shanghai“ kein Börsen- und Kleiderhändlerdrama zu sehen, sondern eine dreißigteilige filmische Phantasie aus Leuchtreklamen, Straßenbahnen in Zeitlupe, nächtlichen Begegnungen, Liebespaaren im Regen, Dialogen hinter schlierigen Scheiben, Licht­spiegelungen in Pfützen, Blicken durch Oberleitungen auf wimmelnde Straßen, Frauenbeine in High Heels und fallenden Schnee. In „In the Mood for Love“, seinem Meisterwerk, hat Wong diesen filmischen Impressionismus perfektioniert, und hier, wo er mehr als zwanzig Stunden Zeit zu füllen hat, treibt er ihn auf die Spitze.

Die Serie muss dem Handlungshunger immer neues Futter geben

Warum berührt einen das alles dennoch so wenig? Weil es nur Verpackung ist. Denn im Unterschied zu seinen Kinowerken hat der Regisseur diesmal keine eigene Vorlage und auch kein Genre-Märchen (wie in „The Grandmaster“) verfilmt, sondern einen fremden, zeithistorisch geprägten Stoff adaptiert, und diese Fremdheit zwischen Stil und Inhalt merkt man seinen Bildern an. Man merkt es an den erklärenden Einblendungen, die nötig sind, wenn die Handlung von einem Schauplatz zum anderen wechselt, und an dem Strom des seriengemäßen Geredes, der alle Figuren erfasst und auch den anfangs so schweigsamen Bao und die nur auf den ersten Blick geheimnisvolle Restaurantchefin Li Li mit sich reißt. Die Kamerabilder Wong Kar-wais fordern zu träumerischer Versenkung auf, aber die Logik der Serie kann diese Hingabe nicht zulassen, sie muss dem Handlungshunger immer neues Futter geben, bis er sich an sich selbst überfressen hat. So wirkt der ganze Zauber wie ein Laufsteg visueller Ideen: eine nach der anderen zieht vorbei, aber am Ende landet jede wieder in der Garderobe.

Und dann geschieht ein kleines Wunder. Nach dreizehn Folgen springt die Geschichte in die Siebzigerjahre zurück, und man sieht, wie Bao seine erste große Liebe verliert und durch die Bekanntschaft mit Ling Zi seine ersten Sporen als Geschäftsmann verdient. Und plötzlich bekommt diese Figur, die vorher nur eine Hülle war, Kontur, und die Bilder beginnen zu sprechen. Es gibt also noch Hoffnung für den Fortgang von „Blossoms Shanghai“, Hoffnung, mehr als ein Potpourri chinesischer Serienstars mit Wong-Kar-wai-Topping zu sehen. Wir warten es ab.

Blossoms Shanghai läuft ab Donnerstag auf MUBI.

Source: faz.net